„Unvernunft und Verantwortungslosigkeit“

Nachts und bei minus 20 Grad: Bergwacht muss Vater und Sohn (5) von Gipfel retten - „Eingesehen hat er nichts“

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Überaus unvernünftig hat sich ein Mann am Sonntag verhalten. Zu spät und ohne Stirnlampe marschierte er auf den Berg Hoher Fricken - mit seinem fünfjährigen Sohn. Die Bergwacht musste sie retten.

  • Als ein Vater mit seinem Sohn auf einen Berg marschierte, brachte er beide in Gefahr.
  • Auf dem Rückweg - in Dunkelheit und bei eisiger Kälte - stießen die Bergsteiger an ihre Grenzen.
  • Die Bergwacht musste die beiden retten, doch der Vater zeigte keine Einsicht.
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Garmisch-Partenkirchen/Farchant – Die Bergwacht verpflichtet sich zur Neutralität, verurteilt nicht, hilft nur. „Wir wollen niemanden an den Pranger stellen“, betont Willi Brenner. Doch manches Verhalten stimmt auch erfahrene Kräfte wie ihn nachdenklich. Und, da ist er ehrlich nach dem Einsatz am Sonntag, „es ärgert mich“.

Garmisch-Partenkirchen/Farchant: Vater wandert mit Sohn (5) auf Berg - und bringt beide in Gefahr

Denn so falsch sich der Mann am Sonntag verhalten hat, den die Männer der Bergwacht Garmisch-Partenkirchen in Eiseskälte vom Berg retteten: „Eingesehen hat er nichts“, sagt der Einsatzleiter. Dabei waren seine „Unvernunft und Verantwortungslosigkeit“ gravierend – und er brachte nicht nur sich, sondern auch seinen fünfjährigen Sohn in Gefahr.

Der gebürtige Russe, der in München lebt, war am Sonntag mit seinem Sohn nach Farchant gefahren. Erst gegen 14 Uhr starteten sie über die Kuhfluchtwasserfälle zum Hohen Fricken. Eine Tour mit knapp 1300 Höhenmetern, die mit etwa dreieinhalb Stunden Gehzeit angegeben ist. Zudem führt sie über einen steilen Steig, der schon im Sommer Trittsicherheit erfordert, bei den aktuellen Verhältnissen und zum Teil überaus glatten Passagen erst recht.

Garmisch-Partenkirchen/Hoher Fricken: Vater und Sohn geraten bei Gipfel-Rückweg an ihre Grenzen - Notruf abgesetzt

Tatsächlich erreichten die beiden den Gipfel und machten sich auf den Rückweg. Dabei kamen sie an ihre Grenzen. Es war dunkel, Stirnlampen hatte der Vater nicht eingepackt. Das Handylicht reichte nicht zur Orientierung – geschweige denn für einen sicheren Abstieg. Der Mann, der nur Russisch und Englisch spricht, rief zu Hause in München an, seine Familie setzte den Notruf ab. Um 18 Uhr traf er bei der Bergwacht Garmisch-Partenkirchen ein.

Sofort nahm man telefonisch Kontakt zum Mann auf, lokalisierte ihn übers Handy. Sein Sohn und er befanden sich etwa 100 bis 150 Höhenmeter unterhalb des Gipfels. Glücklicherweise noch nicht weiter weg, sagt Brenner. „Sonst wäre es vielleicht ein Chaos geworden – und zu gefährlich.“ Er schickte sie zum Gipfel zurück, dort sollten sie warten, sich möglichst warm halten und – außer mit der Bergwacht, die stets Kontakt hielt – mit niemandem telefonieren, um den Akku zu schonen.

Garmisch-Partenkirchen: Bergwacht erreicht Vater und Sohn am Gipfel - „Bub war richtig tapfer“

Zwei Männer der Bereitschaft fuhren mit dem Quad in Richtung Esterbergalm. Zum einen ist der Weg über diese Seite sanfter und weniger ausgesetzt und damit für den Abstieg mit Vater und Sohn besser geeignet. Zum anderen kamen sie motorisiert bis auf rund 1300 Meter. Da bleiben nur noch etwa 650 Höhenmeter zum Marschieren. Gegen 20.30 Uhr erreichten die Einsatzkräfte mit warmem Tee im Gepäck den Vater und seinen Sohn. „Der Bub war topfit und richtig tapfer“, sagt Brenner. Generell seien beide stets positiv geblieben – trotz der Kälte. In einer der Senken auf dem Weg zurück hatte das Handy eines Bergretters minus 20 Grad angezeigt.

Damit die zwei bei den Temperaturen nicht mit dem Quad ins Tal fahren mussten, schickte Brenner den Rettungswagen der Bergwacht los. Kräfte wollten ihnen zudem mit warmen Decken entgegengehen – so der Plan. Doch wurde das Fahrzeug nahe der Skiclub-Hütte gestoppt – ein Platten. Also ging es doch per Quad ins Tal. Erst um 0.15 Uhr war der Einsatz für die Bergwacht beendet.

Garmisch-Partenkirchen: Nach Bergwacht-Rettung - Vater zeigt keine Einsicht - „Das kann ganz anders ausgehen“

Jeder könne sich mal überschätzen, einen Fehler machen, betont Brenner. Daraus aber müsse man lernen. Der Einsatzleiter sagte dem Mann, wie schlecht seine Idee war, so spät mit dem Buben loszuziehen, nicht umzudrehen. Alles ohne Stirnlampe, nur mit Grödeln (Halbsteigeisen). Der Mann aber habe das nur „weggelacht“. Dabei „kann das alles ganz anders ausgehen“.

Verfroren, aber unverletzt und guter Dinge kamen Vater und Sohn am Ende dank der Bergwacht am Auto in Farchant an. Dieses war einer Streife der Polizei aufgefallen, da der Pkw nach 21 Uhr noch dort abgestellt war. Konsequenzen drohen dem Russen in dieser Hinsicht nicht – wegen der Notlage.

Die Kältewelle hat erste Seen zufrieren lassen – und einen Freizeitansturm ausgelöst. Murnau musste kürzlich die Notbremse ziehen und einen See sperren. Corona-Regeln wurden reihenweise gebrochen. Auch die Situation zwischen Städtern und Landbewohnern ist derzeit angespannt im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Ein Münchner Autofahrer ist nun wüst beleidigt und genötigt worden - aus banalem Anlass.

(Von Katharina Bromberger)

Rubriklistenbild: © Bergwacht Garmisch-Partenkirchen

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