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Stopp am Eingang: Bis Samstag gilt noch das Besuchsverbot in den Seniorenheimen.

Individuelle Schutzkonzepte braucht‘s

„Wurden überrumpelt“: Lockerung des Besuchsverbots stellt Seniorenheime vor eine Herausforderung

  • Manuela Schauer
    vonManuela Schauer
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Gutes Timing, denken sich die Angehörigen. Rechtzeitig zum Muttertag dürfen sie ihre Liebsten in den Seniorenheimen wieder besuchen. Ganz schön wenig Zeit, denken sich die Verantwortlichen der Einrichtungen. Sie müssen sich auf die Schnelle ein Schutzkonzept aus den Rippen schneiden. 

Landkreis– Fensterln war früher. Kaum ein Mann klettert heute noch auf der Leiter zum Zimmer der Herzensdame, um ihr seine Aufwartung zu machen. In Oberau aber erlebt es eine Renaissance. In abgewandelter Form, mit anderem Hintergrund. In der Pro Seniore Residenz wird balkonerlt. Oben auf dem Balkon stehen die Bewohner, unten im Freien die Angehörigen. Bedenkenloser Kontakt in Zeiten der Kontaktsperre. Erlaubter Besuch in Zeiten des Besuchverbots. Ab dem Wochenende gehört dieses der Vergangenheit an.

Den neuen Corona-Fahrplan hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Dienstag verkündet: Unter strikten Hygiene- und Schutzmaßnahmen sind ab Samstag, 9. Mai, Besuche von einer festen Kontaktperson wieder erlaubt. Eine Erlösung für die Senioren, purer Stress für die Mitarbeiter der Einrichtungen. „Die Ad-hoc-Regelung ist eine Herausforderung“, betont Pro-Seniore-Leiterin Christiane Lehmacher-Dubberke. Und spricht damit ihren Kollegen aus dem Landkreis aus der Seele.

Konzepte noch in Arbeit

Die Lockerungslogistik bedeutet mehr Arbeit in kurzer Zeit. Ein individuelles Schutzkonzept muss entworfen werden. Einheitliche Vorgaben existieren nicht. „Wir wurden überrumpelt und müssen jetzt schnell was aus dem Ärmel schütteln“, sagt Rahel Schön, Leiterin des Lenzheims in Garmisch-Partenkirchen. Sie rotiert. Ständig klingelt das Telefon. Angehörige der rund 120 Bewohner wollen sich informieren, wie die Einrichtung das Ganze handhabt. Vor allem am Sonntag, dem Muttertag. Schön vertröstet sie. Die 25-Jährige weiß es einfach noch nicht, muss ihre Ideen erst von den zuständigen Behörden absegnen lassen. Gleichzeitig braucht sie mehr Personal, das beispielsweise die Namen der Besucher dokumentiert und den Mindestabstand im Auge behält. Auch den Dienstplan muss sie auf die Schnelle umstellen. „Aber wo soll ich die Leute hernehmen?“ Noch fehlt ihr die Antwort auf die Frage.

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Vor dem gleichen Problem steht Doris Niedermaier. Allerdings in milderer Form. Im BRK-SeniorenWohnen in Oberammergau leben stationär nur 14 ältere Menschen. „Für uns ist es einfacher, die Vorgaben einzuhalten“, sagt die Interimsleiterin. Ein Konzept braucht’s trotzdem. „Wir sind noch am Tüfteln.“ Voraussichtlich wird die Einrichtung Termine mit Tag, Uhrzeit und Aufenthaltsdauer vergeben, um die Besuche zu staffeln. So halten sich nicht alle gleichzeitig bei ihren Liebsten auf. Auch an einen Extra-Raum denkt sie, könnte sich ob der kleinen stationären Einheit aber auch vorstellen, dass die Treffen in den Einzelzimmern denkbar sind. Ungelegte Eier jedoch. Grundsätzlich bevorzugt Niedermaier, dass das Wiedersehen im Freien stattfindet. Im Idealfall haben die Angehörigen Einsehen, besuchen Frauen am Muttertag beziehungsweise einen Tag früher oder später und die Männer erst am Vatertag.

„Das ist schon grenzwertig“

Der Leiterin ist bewusst, dass die Betroffenen die Lockerung kaum noch erwarten konnten. Hermetisch war das SeniorenWohnen über Wochen abgeschottet worden, damit die unsichtbare Gefahr nicht eindringt. „Die Leute wurden ungeduldig“, erzählt sie. Der Entzug der sozialen Kontakte stürzte einzelne sogar in eine Depression. Deshalb erachtet sie die entschärften Regeln prinzipiell für richtig, der kurze Vorlauf macht ihr und dem Träger aber zu schaffen. „Das ist schon grenzwertig.“

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Während die Oberammergauer und die Garmisch-Partenkirchner Einrichtung noch am Schutzkonzept arbeiten, ist es in Oberau in einem Brief an die Bewohner schon ausformuliert. Fast zwei Din-A4-Seiten gefüllt mit Regeln, die ab Samstag gelten. Angehörige müssen sich unter anderem telefonisch anmelden, sich bei der Ankunft registrieren und ihre Temperatur messen lassen. In den gesonderten Raum, in dem ein 20-Minuten-Treffen erlaubt ist, werden sie über einen Extra-Eingang von außen geschleust, um keinen weiteren Bereich im Gebäude zu betreten. „Wir müssen viele Dinge berücksichtigen“, betont Leiterin Lehmacher-Dubberke. So einfach, wie manche meinen, sei das Ganze nicht. Dass die insgesamt 150 Bewohner gesund sind und bleiben, „kostet Energie“. Durch die Lockerungen noch mehr.

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