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„Das ist schon bitter“: Corona-Folgen stellen Apotheken vor große Herausforderung - enorme Verluste

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Eine Frau in weißem Kittel und mit Maske steht neben einem Medikamenten-Regal.
Umzingelt von Klassikern: Apothekerin Verena Bockhorni hat viele Medikamente, die derzeit kaum verkauft werden. © FOTOPRESS THOMAS SEHR

Erkältungen? Gibt‘s kaum. Eine Folge der Maßnahmen gegen Corona, sagen Ärzte und Apotheker. Einige Medikamente braucht daher kein Mensch, die Lager sind voll.

Garmisch-Partenkirchen – Verena Bockhorni schluckt einmal schwer. „Um Gottes willen“, sagt sie. Natürlich hat die Apothekerin gewusst, dass manche Medikamente gerade niemand braucht, sich die Schachteln im Lager stapeln. Aber sich die Zahlen so noch einmal vor Augen zu rufen, „das ist schon bitter“, sagt die Inhaberin der Ludwigs- und der Alten Apotheke in Garmisch-Partenkirchen, zudem Sprecherin der Apotheker im Landkreis.

Corona in Bayern: Medikamente werden zu Ladenhütern in Apotheken - 66 Prozent Minus

Ein paar Beispiele sucht sie heraus, vergleicht die Verkäufe im Januar und Februar mit jenen in den beiden Vorjahresmonaten. „Wick Medinait“, ein häufig genutztes Mittel bei Erkältungen und grippalen Infekten: minus 66 Prozent. „Imodium akut“ gegen Durchfall: minus 50 Prozent. Kinder-Erkältungspräparate: minus 33 Prozent, „Sinupret“, ein Klassiker bei Entzündungen der Nasennebenhöhlen: nur ein Zehntel der Vorjahrespackungen verkauft. „Das klebt im Regal – ist das grausam.“

Die aktuellen Maßnahmen der Politik zeigen Wirkung – gegen Corona, aber auch gegen andere Krankheiten. Das stellt Apotheken vor eine Herausforderung. Bockhorni will sich nicht missverstanden wissen: Grundsätzlich sei es etwas Gutes, wenn die Menschen nicht so häufig krank werden – nur konnte sich in diesem Jahr niemand ihrer Kollegen darauf einstellen, die Bestellungen waren raus, die Medikamente kamen. Nun braucht sie keiner.

Corona stellt Apotheken vor Herausforderung: Viele Medikamente braucht jetzt keiner

Kinder, die normalerweise alles Mögliche an Infekten oder Viren aus dem Kindergarten oder der Schule mit nach Hause bringen, treffen ihre Freunde nicht, können sich nirgends anstecken. Generell waschen sich die Menschen häufiger und gründlicher die Hände, weshalb Durchfallerkrankungen zurückgehen – das vermutet Bockhorni. Zudem die Masken: Sie schränken die Verbreitung von Aerosolen ein, damit auch die Verbreitung von Erkältungsviren.

Massiv bemerken dies die Ärzte. Täglich um die zehn Patienten sitzen in der Erkältungshochzeit wie jetzt normalweise mit Symptomen im Wartezimmer der Gemeinschaftspraxis von Dr. Kristina Ott in Garmisch-Partenkirchen. Maximal drei sind es derzeit, die in die Infektionssprechstunde kommen. Eine Erklärung dafür könnte im Herbst vergangenen Jahres liegen.

Folgen von Corona: Deutlich weniger Erkältungspatienten in Arztpraxis - Maske als Zukunftsmodell?

Ott erinnert sich an einen „Impfboom gegen Grippe“. Vier Wochen lang hat sich in ihrem Team ein Arzt nur um die Schutzimpfung vor der Influenza gekümmert. „Vielleicht sehen wir da einen Effekt.“ Auch bei ihr ist das Spekulation. Genau weiß sie es nicht. Zweifellos aber spielen nun in Corona üblichen Alltagsmaßnahmen wie Abstand und Maske eine entscheidende Rolle. Das bekräftigt Ott, im Landkreis Koordinatorin der Hausärzte in der Corona-Pandemie. „Sie helfen auch gegen andere Viren.“

Das Porträtbild einer Frau mit braun-roten Haaren, sie lächelt.
Durch Masken ließen sich Krankheitstage reduzieren, glaubt Dr. Kristina Ott, Koordination im Landkreis. © privat

Ein Effekt, von dem man in der Nach-Corona-Zeit profitieren könnte. Ott glaubt, dass sich Krankheitstage deutlich reduzieren ließen, „wenn wir die Maske beibehalten“. Zumindest in der Erkältungszeit. Und nicht als Vorschrift, sondern als Empfehlung.

Positive Entwicklung zum ersten Lockdown: Menschen suchen Hilfe beim Arzt

Eine positive Entwicklung sieht die Ärztin im Vergleich zum ersten Lockdown: Die Menschen gehen wieder zum Arzt. Im Frühjahr 2020 trauten sich viele nicht, hatten Angst, sich in der Praxis anzustecken. So verschleppten sie Krankheiten. Ott und ihre Kollegen sahen Verläufe, wie man sie zuvor nur noch in Ausnahmefällen erlebt hatte.

Plötzlich tauchten wieder vermehrt schwere Nierenbeckenentzündungen auf, die normalerweise bei einer Blasenentzündung geblieben wären – hätten sich die Patienten nur gleich behandeln lassen. Eine unbehandelte Bronchitis wurde zur Lungenentzündung. Eine Blinddarmentzündung führte zum Durchbruch, somit zur Not-Operation.

„Das aber ist Gott sei Dank vorbei.“ Die Infektionssprechstunde habe sich etabliert, auch Fieber, ein Corona-Symptom, das viele andere Ursachen haben kann, ist kein Hinderungsgrund mehr, den Hausarzt zu besuchen. Die Menschen werden gut geschützt untersucht. Natürlich samt Abstrich, um notfalls eine Covid-19-Erkrankung schnell zu erkennen.

Apotheken in Corona-Zeiten: Fehlenden Touristen merkt man - Pille danach bleibt im Regal

Bei Apothekerin Bockhorni wirkt sich eine weitere Corona-Folge aus: die fehlenden Touristen. Gerade in der Alten Apotheke am Marienplatz, wo sich viele Gäste mit Medikamenten versorgen. Thrombosespritzen, die sich sonst in einem Winter „wie wahnsinnig“ verkaufen, bleiben liegen. Denn Ski-Unfälle samt Knochenbrüchen beispielsweise sanken quasi auf Null, lange Heimreisen oder Liegezeiten im Hotel, wo die Spritzen benötigt werden, fallen daher weg.

Noch ein Präparat bleibt in der Alten Apotheke im Regal: die Pille danach. Bockhorni lacht. Die Tablette also, die eine Schwangerschaft nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr verhindern soll. Und die besonders um Weihnachten, Silvester und Fasching bei so manchen Gästen nach einem Party-Abenteuer gefragt ist. Nur ist Party ohnehin verboten. Und es ist ja auch niemand zum Feiern da. „Wer also soll das jetzt kaufen?“

In Garmisch-Partenkirchen hat ein Ausflügler mit Münchner Kennzeichen sein Auto direkt am Berg geparkt. Der „Denkzettel“ eines Einheimischen löste nun eine bekannte Debatte aus. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen GAP-Newsletter.

(Von Katharina Bromberger)

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