Grafik vom RKI für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen
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Deutliche Unterschiede: Das RKI meldet eine Inzidenz für den Landkreis von 89,3. Das Bayerische Landesamt meldet am selben Tag einen Wert von 124,4.

„Widerspruch ist uns bewusst“

Inzidenz in Wirklichkeit deutlich höher: Landratsamt muss falsche RKI-Daten nutzen - Kitas bleiben deshalb offen

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
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Bei der Corona-Inzidenz im Landkreis Garmisch-Partenkirchen gibt es massive Unterschiede. Das RKI meldet einen Wert unter 100, das Landesamt einen deutlich darüber. Ein massives Problem.

Landkreis – Absurd ist für so manchen sicher vieles in dieser Coronavirus-Pandemie. Eines aber predigen die Politiker dieser Tage immer wieder: Die Sieben-Tage-Inzidenz, das ist die Kennzahl, auf die Verlass ist. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verwies erst am Dienstag in seiner Presseerklärung darauf. Man prüfe aber, ob andere Faktoren in Entscheidungsprozesse einbezogen werden könnten.

Das sollten die Verantwortlichen wohl besser tun. Denn in nun vorliegenden Problemfall des Landkreises Garmisch-Partenkirchen wird es abenteuerlich, ja eher schon kriminell. Nun sieht sich das Landratsamt gezwungen, auf der Basis eines definitiv falschen Inzidenzwertes des hochgepriesenen Robert-Koch-Institutes eine weitreichende politische Entscheidung zu treffen. Das RKI meldete nach drei Tagen deutlich über der Marke 100 am Donnerstag überraschend einen Wert von 89,3. Legt dafür null Neuinfektionen zugrunde. Bekanntermaßen gab es im Landkreis in dieser Zeit 27 neue interne Fälle, die für die Inzidenz herangezogen werden müssten. Das Bayerische Landesamt meldet am selben Tag einen Wert von 124,4.

Corona: Garmisch-Partenkirchener Landratsamt soll RKI-Werte nehmen

So weit, so gut. Ist in den vergangenen Wochen öfter vorgekommen. Doch: Nun wird es erstmals brenzlig. Denn diese Inzidenz vom Donnerstag ist laut Infektionsschutzmaßnahmenverordnung entscheidend für die Regeln in Schulen und Kindertagesstätten in der folgenden Woche. Die Schulen gehen in die Ferien, nicht so dagegen alle Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder. Das Ende vom Lied: Entgegen der Lage im Landkreis, der bereits am Freitag (26.3.) per sogenannter Notbremse in einen schärferen Lockdown versetzt wird, bleiben die Kindergärten kommende Woche geöffnet. „Dieser Widerspruch ist uns bewusst“, sagt Pressesprecher Wolfgang Rotzsche. „Aber wir sind angehalten, streng die Werte des RKI als Grundlage zu nehmen.“ Offensichtlich auch falsche. „Es ist für uns derzeit sehr schwierig, allen Anforderungen gerecht zu werden. Wie wir es machen, ist es sowieso verkehrt.“

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Die Probleme mit den Inzidenzen sind auch im Landratsamt seit Längerem bekannt, werden immer wieder bemängelt. Doch es geschieht nichts. Erst am Donnerstag schickte Rotzsche am Morgen eine Anfrage ans RKI mit der Bitte um Klärung der Angelegenheit. Die Antwort: lapidar. Ein Hinweis, dass sich ein Verantwortlicher melden werde, und ein Verweis auf die „Häufig gestellten Fragen“ (FAQ) – mit dem Vermerk, dass die Gesundheitsämter vor Ort oft die aktuelleren Zahlen hätten. Eine Anfrage des Tagblatts wurde am Abend ähnlich abgewiegelt: „Wir können zu Gründen für die Abweichungen bei einzelnen Kreisen nichts sagen. Generelle Hinweise zu Diskrepanzen sind in den Antworten auf häufig gestellte Fragen zu finden.“ Unterm Strich: keine Aussage zu falschen Inzidenzwerten.

Video: Die Neuinfektionen am Freitag

Corona in Garmisch-Partenkirchen: Die Kindergärten im Landkreis bleiben offen

Also ist nun klar: Die Einzelhändler müssen schließen, die Kindergärten bleiben offen. Für sie gelten die Regeln für Regionen mit einer Corona-Inzidenz von 50 bis 100. In Zeiten, in denen gerade die Infektionen in den Kitas ansteigen. Das alles, weil dem Landratsamt die Handhabe fehlt, den eigens im Gesundheitsamt errechneten Wert als Grundlage für die Entscheidung heranzuziehen. Ein Versuch in der Woche zuvor, als beim RKI überhaupt keine Daten zu erhalten waren, wurden sogar richtig abgewatscht. Von oben kam die klare Ansage: RKI-Werte sind entscheidend. Steht ja so in der bayerischen Verordnung. Also wartete der Landkreis den Freitagswert ab. Eine Ausnahme, denn: „Wir müssen am Freitag amtlich bekannt machen – per Aushang und Amtsblatt im Tagblatt“, merkt Rotzsche an. Verstaubte Regeln aus alten Zeiten, die nun erstmals zu einem echten Problem führen.

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