Ein Mann hält eine Tafel.
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Wie auf dem Flohmarkt sieht es im Restaurant von Dimitrij Techmer derzeit aus. Er gibt auf.

Emotionaler Abschied von Stammgästen

Corona zerstört Lebenstraum: Wirt muss Steakhaus schließen - „Sind viele Tränen geflossen“

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
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Dimitrij Techmer zieht die Reißleine, auch um finanziell mit einem blauen Auge aus der Corona-Pandemie zu kommen. Zum 1. April schließt er sein Steakhaus am Garmisch-Partenkirchner Marienplatz.

  • Dimitrij Techmer hofft, mit einem blauen Auge aus der Corona-Pandemie rauszukommen.
  • Auf Facebook spricht er von einem „Festival der dummen Entscheidungen“.
  • Emotionaler Abschied von seine Angestellten und den treuen Gästen.

Garmisch-Partenkirchen – Dimitrij Techmer hat sich einen Traum erfüllt. Vor über 14 Jahren schon. Da eröffnete der gelernte Hotelkaufmann und Koch am Marienplatz in Garmisch-Partenkirchen sein eigenes Lokal. Techmer’s heißt das Steakhaus, das all die Jahre hervorragend lief. Und das für ihn, seinen Sohn (18) und seine Tochter (12) zum zweiten Zuhause geworden ist.

Corona in Garmisch-Partenkirchen: Lokal wird für Wirt und Kinder zum zweiten Zuhause - jetzt muss er schließen

Ende des Monats verlieren sie es. Die Corona-Pandemie hat den Traum zerstört. Der 46-Jährige zieht die Reißleine und schließt sein Restaurant. „Mit viel Glück komme ich jetzt noch mit einem blauen Auge davon.“ Zwei Lockdowns hat er durchgehalten. Gehofft, dass er sein Lokal retten kann. Und seinen beiden Festangestellten und den sechs bis sieben Aushilfskräften die Jobs erhalten bleiben.

„Es ist aber kein Ende in Sicht“, bedauert Techmer. Damit spielt er auf die diffusen Regelungen an, die auch gerne wieder über den Haufen geworfen werden. In seinem Facebook-Auftritt spricht der gebürtige Münchner, der in Landsberg am Lech aufgewachsen ist, von einem „Festival der dummen Entscheidungen“.

Garmisch-Partenkirchen: Zum 1. April ist Schluss mit dem Steakhaus am Marienplatz

Dazu zählt er auch die in Aussicht gestellte Öffnung der Außengastronomie zum 22. März. „Man muss nur mal zum Fenster rausschauen“, sagt er. Der massive Schneefall in den vergangenen Tagen lockt sicher keine Gäste auf Terrassen und Biergärten. „Wie soll das funktionieren?“ Auch bei einem Wetterumschwung – müssten dann alle fluchtartig die Gaststätten verlassen?

Oder sollen die Wirte, die seit Monaten keine Einnahmen verbuchen, mit einer Markise aufrüsten, für die er allein 25 000 Euro veranschlagt. Unklar ist auch, wie diese ungewissen Szenarien mit dem Wareneinkauf in Einklang gebracht werden können. Techmer legt Wert auf frische Ware. Die auf gut Glück vorzuhalten und dann möglicherweise wegwerfen zu müssen – für ihn keine Option. Deshalb ist für ihn zum 1. April Schluss.

Corona: Wirt muss schließen - „Habe das Vertrauen verloren, dass es wieder normal wird“

Die Entscheidung ist dem Gastronomen, der seit seinem 19. Lebensjahr in Garmisch-Partenkirchen lebt, wahrlich nicht leicht gefallen. „So kann ich aber nicht weitermachen. Ich bin nicht mehr bereit, das psychisch und finanziell mitzutragen.“ Bis Dezember erhielt er Unterstützung. Danach war Schluss. Wann die Überbrückungshilfe III kommen würde, die ab Januar greift, kann er nicht sagen. Doch darauf wartet er gar mehr. „Ich habe das Vertrauen verloren, dass es wieder normal wird.“

Mitte Februar hatte er sich dem Protest eines Bayreuther Tätowierers angeschlossen. Unter dem Motto #ihrmachtunsnackt ging es gegen die Umsetzung der Hilfspakete. Mit einem entsprechenden Schild, das alles verdeckte, ließ sich Techmer unbekleidet vor seinem Laden ablichten. Gebracht hat’s nichts.

Wirt verkündet Schließung von Steakhaus: Enormer Zuspruch auf Facebook

Deshalb verkündete er jetzt im sozialen Netzwerk Facebook, dass er sein Restaurant schließt. 208 Kommentare, 645 Reaktionen hat er mit seinem hundertfach geteilten Beitrag hervorgerufen. Der Zuspruch und viele persönliche Worte tun gut. Denn eins unterstreicht Techmer: „Mir geht’s schlecht.“ Er muss seinen Lebenstraum begraben, verkauft oder verschenkt vieles, was nicht niet- und nagelfest ist.

An diesem Wochenende können Interessierte noch einmal am Marienplatz vorbeischauen. „Sehr emotional“ ging’s beim ersten Flohmarkt zu. „Es sind viele Tränen geflossen.“ Viele hätten ein Souvenir, eine Erinnerung an das Steakhaus mitgenommen. „Das zeigt mir auch, dass ich in den 14 Jahren mehr richtig als falsch gemacht habe.“

Noch muss Techmer viel regeln – sei’s mit Behörden, seinem Steuerberater oder den Vermietern, denen er noch sechs Monate Pacht schuldet. Dann nimmt er sich die Zeit, die vergangenen Monate zu verarbeiten. „Das brauche ich jetzt.“ Mehr weiß der Familienvater noch nicht. Was er allerdings schon jetzt nicht kategorisch ausschließt, ist eine Rückkehr in die Gastronomie. „Es kann leicht sein, dass ich in zwei, drei Jahren wiederkomme.“ Vielleicht hat er bis dahin einen neuen Traum gefunden.

Fassungslosigkeit herrscht derweil am Rießersee: Wanderer ignorieren diverse Warnschilder und Zäune - dabei haben die einen ernsten Hintergrund. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen GAP-Newsletter.

(Von Tanja Brinkmann)

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