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Auf die richtige Kommunikation kommt es an: Der Murnauer Jakob Hamburger ist Mediator, Konfliktberater und Psychologe. 

Kommunikation ist das A und O

Mehr Babys, mehr Scheidungen: Psychologe spricht über Corona-Folgen und warum es mit dem Partner auch mal krachen darf

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Viele Menschen sitzen während der Corona-Krise eng aufeinander. Andere sind ganz alleine. Das kann zu Problemen führen. Wir haben einen Konfliktberater dazu befragt.

Landkreis– Jakob Hamburger (34) ist Mediator, Konfliktberater und Psychologe. Er sieht viel Arbeit auf seine Berufsgruppe zukommen. In der Nach-Corona-Zeit. Die Krise verändert die Menschen, davon ist der Murnauer überzeugt. Im Interview spricht er über mögliche Folgen der Ausgangsbeschränkungen, über Konflikte mit sich selbst und die richtigen Botschaften an den Partner. Und warum es auch mal unsachlicher werden darf.

Herr Hamburger, werden wir in neun Monaten einen Babyboom erleben?

Jakob Hamburger: Ob es gleich ein Boom wird, weiß ich nicht. Aber dass es deutlich mehr werden, darauf wette ich. Klar, viele Menschen haben Zeit, sitzen zu Hause . . .

. . . und nutzen die Zeit sinnvoll.

Im besten Fall schon (lacht).

Wird auf der anderen Seite auch die Zahl der Trennungen steigen?

Auch damit rechne ich fest. Ständig mit dem Partner zu Hause zu sitzen, kann sich eben auch anders auswirken als in Familienglück. Gerade, wenn es unterschwellig eh schon alte Konflikte gibt. Und meistens ist das so. Alte Konflikte bekommen jetzt eine ganz andere Brisanz.

Weil sie gleich zur Beziehungskrise führen?

Das muss ja nicht sein. Aber sie brechen jetzt eher aus, da man mehr Zeit miteinander verbringt. Normalerweise lässt sich so ein Konflikt oder Störfaktor ja leichter ignorieren, man geht ihm aus dem Weg. Flüchtet in die Arbeit, in die Hobbys, auch mal zu Freunden. All das fällt weg.

Von welchen Konflikten reden wir?

Das fängt bei kleinen Meinungsverschiedenheiten an. Wer räumt die Spülmaschine aus? Wer macht wie viel im Haushalt? Jetzt staut sich der Ärger auf und die Wahrscheinlichkeit, dass er sich entlädt, ist deutlich höher.

Ich-Botschaften spielen eine große Rolle

Sie leben in einer Wohngemeinschaft, arbeiten von zu Hause aus. Hat es bei Ihnen schon gescheppert?

An manchem Punkt merkt man schon gewisse Spannungen. Was aber hilft: Wir gehen mit unseren Konflikten konstruktiv um.

Bilden Sie Stuhlkreise?

(lacht) Also wir machen keine Gruppentherapie. Das geht mit normale Gesprächen.

Was unterscheidet Sie dabei von Nicht-Fachleuten?

Ich denke, es ist die Art der Kommunikation. Wir sprechen Dinge sofort an, bevor der Ärger ins Unermessliche wächst. Wir bringen auf den Tisch, was uns stört und fressen das nicht in uns hinein.

Also doch Stuhlkreis?

Das muss nicht immer gleich das große Gespräch sein. Es reichen ein, zwei Sätze. Aber die eben richtig.

Was heißt richtig?

Es geht um eine bedürfnisorientierte, sachliche, gewaltfreie Kommunikation.

Gewaltfrei?

Wir reden nicht von körperlicher Gewalt. Das wäre das schlimmste Beispiel, wie Konfliktbewältigung nicht laufen darf. Es geht darum, dass das Gespräch ohne Anschuldigungen auskommt. Stattdessen sollte man versuchen, dem Gegenüber eigene Bedürfnisse mitzuteilen. Das ist in emotionalen Situationen nicht immer leicht, man kann es aber lernen. Auch wenn man es von zu Hause nicht mitbekommen hat.

Wie funktioniert diese richtige Kommunikation?

Gegenseitiger Respekt und Wertschätzung spielen eine große Rolle. Und Ich-Botschaften.

Konflikte nachhaltig zu klären, ist wichtig

Geben Sie uns ein Beispiel aus Ihrem Leben.

Sagen wir, ich mache die Tür zum Flur nie richtig zu. Einen anderen stört das. Das weiß ich eigentlich, doch ich vergesse es ständig wieder. Beim ersten Mal kein Problem. Beim zweiten Mal schnauft der andere tiefer durch. Beim dritten, vierten Mal – Krach. Oder, und so haben wir’s gelöst, man erinnert den anderen gleich beim ersten Mal. Freundlich, direkt. Kannst Du bitte die Tür zumachen, mir ist das wichtig.

Da ist die Ich-Botschaft. Was wäre die falsche Du-Form?

Du machst die Tür nie zu. Oder, als Steigerung: Obwohl du genau weißt, dass mich das stört. Diese Anschuldigung löst oft einen Gegenangriff aus.

Aber mal ehrlich: Es darf doch auch mal ein wenig unsachlicher werden, oder?

Absolut. Wenn ich mit meinen Liebsten aufeinanderhocke, dann kracht es halt auch mal. Das gehört dazu. Das ist nur menschlich und normal. Wichtig ist es, den Ärger nicht hinunterzuschlucken, sondern den Konflikt nachhaltig zu klären. Es gibt auch viele Hilfsangebote, wenn man damit allein überfordert ist.

Wie vermeidet man größere Konflikte?

Jeder muss sich darüber klar werden: Was brauch’ ich eigentlich?

Ist das nicht selbstverständlich? Immer?

Die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu akzeptieren, ist nicht immer leicht. Gerade, wenn man nun mit seinem Partner und womöglich mit Kindern aufeinander sitzt, denken viele: Ich muss schauen, dass es ihm oder ihr oder den Kindern gut geht. Dabei vergessen sie sich selbst. Das kann man auf Dauer nicht leisten. Deshalb geht es darum, sich klar zu machen: Wann brauche ich was für mich? Und das auch klar zu kommunizieren. Man kann nicht erwarten, dass das Umfeld einen immer richtig „liest“.

Zeit für sich schaffen

Und wieder die Kommunikation.

Sie ist so entscheidend. „Ich will meine Ruhe haben, will Fernsehen, ohne mit Dir zu reden.“ Wenn ein Partner das sagt, fühlt sich der andere leicht auf die Füße getreten. Was ankommt, ist die Zurückweisung: „Ich hab’ keinen Bock auf dich.“ Aber das heißt es oft gar nicht. Dahinter steht vielleicht nur der Wunsch nach Zeit für sich.

Wie also sagt man’s?

Erst einmal muss man einen Rahmen schaffen, in dem jeder seine Bedürfnisse kommunizieren darf. Dann kann man Regelungen treffen. Zum Beispiel, jeder hat zwei Stunden für sich. Die nutzt er, wie es ihm passt. Man darf nicht vergessen: Im normalen Leben hat man diese Zeit ohne den Partner ja sowieso.

Was ist mit den Kindern?

Für sie sind Strukturen unheimlich wichtig. Die können sich komplett vom üblichen Tagesablauf unterscheiden. Hauptsache, es gibt eine Art Routine. Etwas, worauf sie sich verlassen können. Damit fühlen sich Kinder sicher.

Das klingt alles recht kompliziert. Sind diejenigen besser dran, die gerade alleine sind?

Die Situation ist eine vollkommen andere. Aber sie ist nicht weniger anstrengend. Und ein geregelter Ablauf, eine Tagesstruktur hilft gerade jedem. Das gibt Sicherheit.

Bis mittags zu schlafen, sich dann auf die Couch zu legen und fernzusehen: Das wäre auch eine Art Struktur. Zählt die?

Auf keinen Fall. So ein Tag ohne jede Aufgabe kann die Unsicherheit noch erhöhen. Zudem läuft man Gefahr, dass man aus dieser Lethargie nicht mehr herauskommt.

„Die Menschen kommen anders zurück“

Wie kann eine Struktur aussehen, wenn man gerade keine Arbeit und damit keine Aufgabe hat?

Man sollte sich eine Beschäftigung suchen. Das ist entscheidend. Sport, eine Sprache lernen, endlich das Büro aufräumen – ganz egal. Und man sollte Kontakte intensiv weiter pflegen. Zum Glück funktioniert das über die Technik heutzutage wunderbar. Gerade der Videochat ist super. Es tut gut, Gesichter zu sehen.

Braucht der Mensch Gesichter?

Grundsätzlich braucht der Mensch Menschen. Wir sind soziale Wesen, das tragen wir in uns. Womöglich erkennen gerade einige, dass sie sich nur in die Arbeit gestürzt und Freundschaften haben schleifen lassen. In der Zeit, da Besuche nun einmal nicht möglich sind, hilft es mehr, jemanden zu sehen als nur mit jemandem zu telefonieren.

Dennoch bleibt für Menschen, die alleine sind, viel Zeit mit sich selbst.

Und das kann wehtun.

Egoismus, aber auch Hilfsbereitschaft zu spüren

Wie meinen Sie das?

In sich reinzuhören, sich die Frage zu stellen: Gibt es Dinge, die mich belasten und wie gehe ich mit ihnen um? Und das ehrlich zu beantworten – das ist nicht immer schön oder einfach. Daher haben manche schlicht Angst, mit sich alleine zu sein. Diese Psychohygiene, bei der man sich mit sich auseinandersetzt und die man eigentlich immer zwischendurch machen sollte, bekommt eine neue Bedeutung. Viele werden dazu gezwungen, weil sie sich nicht ablenken können. Bestimmte Fragen, Zweifel oder Gefühle kommen da eher hoch und wollen bearbeitet werden.

Befürchten Sie negative Folgen?

Manchen wird es danach psychisch schlechter gehen als davor. Ich glaube, da kommt eine riesige Welle an Nachwirkungen, die Gesellschaft wird leiden. Gerade im psychologischen und pädagogischen Bereich wird es viel aufzuarbeiten geben. Die Menschen kommen anders zurück.

Muss anders negativ sein?

Gar nicht. In der Selbstreflexion kann auch etwas Positives entstehen. Viele von uns haben jetzt Zeit hingelegt bekommen. Wir sind gezwungen, aus dem Hamsterrad einmal auszubrechen. Alles wird langsamer. Nun kommt es darauf an, was wir aus der Situation machen. Das gilt auch im Umgang miteinander.

Sehen Sie da positive Entwicklungen?

Ich habe das Gefühl, dass beide Extreme gefördert werden. Egoismus auf der einen Seite, etwa Hamsterkäufe. Auf der anderen Seite spürt man viel soziale Wärme, Hilfsangebote. Ich bin der festen Überzeugung: den Wunsch, zusammenzuhelfen, hat jeder. Das kommt aus der Evolution, wir sind als Spezies nur erfolgreich, weil wir kooperieren.

Und uns fortpflanzen.

So schließt sich der Kreis.


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