Zwei junge Händen halten eine Hand voller Falten.
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Die Hand halten, Trost spenden: Den letzten Weg sollte niemand alleine gehen müssen. Doch den geliebten Menschen im Sterben zu begleiten, hat Corona schwieriger, zum Teil sogar unmöglich gemacht. (Symbolbild)

Klinikum wehrt sich gegen Vorwürfe

Corona macht das Sterben einsam: Ammertalerin kann Mutter vor Tod nicht mehr besuchen

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Die Oberammergauerin hat alles versucht. Doch sie konnte und durfte ihre Mutter vor deren Tod nicht mehr im Klinikum Garmisch-Partenkirchen besuchen. Der Grund: Corona. Doch es hätte eine Möglichkeit gegeben, sagt sie, und erhebt Vorwürfe gegen einen Chefarzt.

Garmisch-Partenkirchen – In einem Leichensack haben sie ihre Mutter hinausgetragen aus dem Krankenhaus. Noch nie ist jemand aus ihrer Familie in einen Leichensack gelegt worden. Noch nie musste jemand auf diese Weise gehen. Alle durften zu Hause sterben. Begleitet von den engen Angehörigen. Doch ihre Mutter – starb allein. „Sie war immer für alle da“, sagt die Tochter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Und ich konnte am Ende nicht für sie da sein. Das hat man mir genommen.“

Man – sie spricht nicht von Corona. Das Virus war, so sieht sie es, vielleicht ein Grund für all das, was ihr schlaflose Nächte bereitet, was sie nicht verarbeiten kann. Doch „Corona hin oder her“: Es hätte nicht so weit kommen müssen, sagt sie. Wenn „man“ die Menschlichkeit nicht ignoriert hätte. „Man“, das ist in ihren Augen das Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Genauer: ein Arzt dort. Die Oberammergauerin erhebt Vorwürfe gegen Alexander Gangkofer, Chefarzt der Geriatrie. Er verteidigt und begründet sein Verhalten – mit dem Virus. Was dieser Fall sicher zeigt: Corona hat das Sterben trauriger, einsamer gemacht.

Corona-Quarantäne: Am 2. Dezember beginnt die lange Zeit im Krankenhaus

Am 2. Dezember kam die Frau aus Bosnien, die wegen der schwierigen Corona-Reiseregeln bereits seit ein paar Monaten zu Besuch bei ihrer Tochter war, in die Klinik. Gefäßverschluss am Bein. Die Operation lief gut. Dann traten Komplikationen auf. Bis zur Lungenentzündung mit Sepsis. „Ich dachte, sie überlebt das nicht“, sagt die Tochter. Bei der Gemeinde erkundigte sie sich bereits nach einem Grab. Doch die Mutter kämpfte. „Meine Mama hat nicht so leicht aufgegeben.“ Nach zehn Tagen verließ sie die Intensivstation. Am 10. Januar sah ihre Tochter „Licht am Ende des Tunnels“: Als sich ihre Mutter alleine auf die Bettkante setzte. Jetzt, dachte die Tochter, geht es aufwärts. Drei Tage später wurde ihre Mama positiv auf Covid-19 getestet. „Seitdem weiß ich eigentlich nicht mehr, was passiert ist.“

Ihr eigener Corona-Test fiel ebenfalls positiv aus, 14 Tage Quarantäne. Am Telefon erfuhr die Tochter und zugleich gesetzliche Betreuerin, ihrer Mama gehe es immer besser. Sie könne schon mit dem Wagerl laufen. Persönlich hat sie mit ihrer Mutter ab dem 13. Januar nicht mehr gesprochen. Die Telefonkarte funktionierte wohl nicht, niemand auf der Station habe ihr den Hörer bringen wollen. Plötzlich hieß es: Sie verweigere Essen und Trinken, die Nieren versagten. Am 20. Januar folgte der Anruf, der der Oberammergauerin den Boden unter den Füßen wegzog. „Ihre Mutter ist schwer krank. Sie hat keinen Lebenswillen mehr. Sie wird demnächst versterben.“ So hat sie die Sätze abgespeichert.

Corona-Quarantäne: Tochter versteht nicht, „warum meine Mutter auf einmal sterben sollte“

Warum? Warum auf einmal? Das Schlimmste war doch längst überstanden. Die Frau verstand und versteht nicht, „warum meine Mutter auf einmal sterben sollte“. Die Tochter forderte Antworten – nach ihrem Gefühl wollte sie ihr niemand geben. Chefarzt Gangkofer habe alles blockiert. Beim Amtsrichter erkundigte sie sich, wie sie Kontakt zu ihrer Mutter aufnehmen könne. Er schlug ihr einen Videoanruf vor. Gangkofer lehnte ab. Eine Begründung: massiver Stress wegen Corona.

Womöglich kann sich niemand vorstellen, wie groß dieser tatsächlich war. Gangkofer spricht im Tagblatt-Gespräch von einer „riesigen Ausnahmesituation“. Die Geriatrie war Covid-Station, das Virus war ausgebrochen. Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte standen permanent unter Anspannung – noch mehr als ohnehin in der Pandemie. In dieser Lage könne es niemand leisten, täglich oder mehrmals täglich mit dem Telefon in ein Patientenzimmer zu laufen, sagt Gangkofer. Dass die Tochter nicht oder zu wenig informiert wurde, dementiert er entschieden. Während bei ihr das Gefühl bleibt, man habe sie als gesetzliche Betreuerin hintergangen und das Klinikum wolle etwas vertuschen, betont er ausdrücklich: Nichts, gar nichts gibt es zu verbergen. Und niemand habe das je versucht. Mit keinem Angehörigen habe er in den vergangenen zwei Jahren so viel Kontakt gehabt. „Wir haben fast jeden Tag eine halbe Stunde telefoniert.“ In einer Zeit, in der jeder in seinem Team am Limit stand.

Corona verändert das Sterben - Ein Palliativmediziner erzählt (Video)

Geriatrie war Covid-Station: Mitarbeiter erleben Szenen, „die zerreißen dir das Herz“

Nichts funktionierte mehr normal. Arbeiten in Schutzanzügen, voll vermummt. Abstand halten, wo man eigentlich Nähe sucht, Beistand leisten, trösten, aufheitern über ein Lächeln, das hinter Masken verschwindet. Man musste gänzlich neue Regeln definieren. Auch für eine Frage, die kein Arzt beantworten will: Wie einsam müssen Patienten sterben? „Das ist so scheißschwer“, sagt Gangkofer.

Er erlebte Dramen. Szenen, „die zerreißen dir das Herz“. Eine Tochter, die unten warten musste, während ihre Mutter oben starb. Weil nur ein Familienangehöriger im Zimmer erlaubt war. Für diese Regel hatte sich das Krankenhaus in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt entschieden: Im Ausnahmefall, sobald ein Patient im Sterben lag, durfte ein Angehöriger den geliebten Menschen besuchen, ihn im besten Fall bis zum Ende begleiten. Dies galt für jeden gleich.

Corona-Qurantäne: Zehn Tage kein Besuch mehr erlaubt, dann stirbt die Mutter - allein

Das Prozedere im Fall der Oberammergauerin lief ab, wie Gangkofer es beschrieben hat: Sie wurde am 28. Januar informiert. Es könnte zu Ende gehen mit ihrer Mutter, sie solle kommen. Vier Stunden lang saß die Tochter am Bett der Mama. Dann verabschiedete sie sich, versprach, am nächsten Tag wieder vorbeizuschauen. Nur: Sie durfte nicht mehr.

„Wie kann jemand nur einen Tag im Sterben liegen – dann auf einmal nicht mehr?“, fragt sich die Oberammergauerin. Zehn Tage lang „war’s plötzlich nicht mehr akut“, der Zustand der Mutter sei stabil, hörte sie jeden Tag, ein Besuch in diesem Fall nicht möglich. Dabei hätte sie sich auf jeden Kompromiss eingelassen, betont die Tochter. Zumindest jeden zweiten Tag ihre Mutter zu sehen, wenn auch nur für eine halbe Stunde. „Das hätte mit Menschlichkeit zu tun gehabt.“ Ihre Mama wartete jeden Tag auf sie, davon ist sie überzeugt.

Am Montagmorgen, 8. Februar, um 8.08 Uhr, klingelte das Telefon. Ihre Mutter sei friedlich eingeschlafen. Mit 77 Jahren. Allein.

Oberarzt widerspricht Vorwürfen der Tochter - Patientin „immer gut versorgt“

Man habe trotz Corona-Ausbruch bei jedem Patienten versucht, genau das zu vermeiden, betont Gangkofer. Doch manchmal lasse sich nicht bestimmen, wann genau der Patient stirbt. Er spricht von einem Prozess, mit besseren und schlechteren Tagen. „Da ist es einfach nicht möglich, dass täglich jemand da ist.“ Jeder Angehörige könnte andere gefährden. Gerade auf der Geriatrie. Manche Familienmitglieder hätten dafür kein Verständnis, sagt Gangkofer. Er bleibt allgemein – Schweigepflicht. Konkret zu diesem Fall aber betont er eine Sache: Der Patientin, „ist es bei uns nie schlecht gegangen, sie wurde immer gut versorgt, da habe ich nicht den Hauch eines schlechten Gewissens“.

Die Oberammergauerin fordert Antworten zum Krankheitsverlauf, ließ sich das Behandlungsprotokoll kommen, das der Redaktion in Auszügen vorliegt und hat – in ihren Augen – Ungereimtheiten entdeckt. Und Notizen, die sie kaum fassen konnte. „Erneutes sehr sinnloses Telefonat mit Tochter geführt“, steht da etwa am 25. Januar, 9.49 Uhr. Um 10.55 Uhr der nächste Eintrag zu einem weiteren Telefonat: „Die Tochter versteht weiterhin nicht, weshalb sie nicht zur Mutter darf. Dies ist in der momentanen Situation unter keinen Umständen möglich.“ Die Anrufe „stören die internen Abläufe“. Genau der Standpunkt, den Gangkofer im Tagblatt-Gespräch vertritt. Genau die Haltung, die die Tochter nicht nachvollziehen kann.

Für Tochter bleiben Fragen - Die Menschlichkeit hat gefehlt

Doch betont sie auch: Nicht in erster Linie wegen des Krankheitsverlaufs und der Komplikationen samt Lungenentzündung, Sepsis, Delirien wendet sie sich an die Öffentlichkeit. All die unglücklichen Umstände, die zum Tod ihrer Mutter führten: „Vielleicht hätte das in jedem anderen Krankenhaus auch passieren können.“ Nur: Warum erklärte man ihr nichts? Und: Die menschliche Behandlung, das steht für sie außer Frage, die hat gefehlt. Immerhin, sagt sie, haben die Pfleger nach ihrem Tod das Fenster geöffnet. „Dann kam zumindest ihre Seele aus dem schrecklichen Krankenzimmer hinaus.“

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