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Eine der zentralen Einrichtungen in der Corona-Krise: Das extern gelegene ambulante OP-Zentrum am Klinikum in Garmisch-Partenkirchen wird als zentrale Corona-Station genutzt.

„Wir brauchen ein großes Miteinander“

Corona: Ex-Amtsarzt stellt Pandemie-Plan auf - und gibt seine Prognose ab

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Rechenmodelle, Forderungen, Prognose - all das enthält der Pandemie-Plan für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Anhand der Zahlen aus China hat der Verfasser verschiedene Modelle für den Verlauf aufgestellt.

Landkreis – Sein Auftrag ist klar formuliert: Er soll den vorhandenen Influenza-Pandemie-Plan auf das Corona-Virus umschreiben. Sein Vorteil: Er hat dieses Werk seinerzeit selbst formuliert. Die Rede ist von Dr. Volker Juds (67), dem ehemaligen Amtsarzt des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, der eigentlich seit vier Jahren seinen Ruhestand genießt. Vor einigen Wochen aber kontaktierte ihn seine Nachfolgerin im Gesundheitsamt, Dr. Karin Kübler. „Die saufen wirklich ab da drin“, betont Juds. Natürlich bot er seine Hilfe an, machte sich ans Werk – ehrenamtlich. Seit 14 Tagen sitzt er nun daheim am Rechner, recherchiert, wertet Fakten und Zahlen aus aller Welt aus, und schreibt seine Erkenntnisse nieder. Das Tagblatt hatte die Möglichkeit, mit dem Amtsarzt zu sprechen, der in dem Plan auch „einen Lagebericht“ sieht. Ein Überblick:

Zentrale Forderung

„Die zentrale Idee des Plans ist die Einrichtung von Pandemiestellen in jeder Gemeinde“, betont Juds. Der Mediziner stellt in der aktuellen Krise eines der größten Probleme in den Mittelpunkt: die Versorgung von alleinstehenden Hilfsbedürftigen oder Senioren. „Wir brauchen jetzt ein großes gesellschaftliches Miteinander, jeder muss sich überlegen, ob er eine Oma in der Nachbarschaft kennt, die Hilfe braucht.“ Von den älteren Menschen, die sich selbst überlassen sind, dürfe niemand durchs Raster fallen. „Es wäre furchtbar, wenn wir nach dieser Krise Menschen zuhause finden, die verhungert sind.“ Daher appelliert Juds an die Gemeinde, an die Bürgermeister, dieses Thema mit Nachdruck anzugehen, eine zentrale Stelle in jedem Ort einzurichten, die Ansprechpartner für alle Hilfesuchenden, aber auch diejenigen ist, die ihre Unterstützung anbieten. „Wo das ist, spielt keine Rolle. Das kann im Rathaus sein, muss aber nicht. Wichtig, ist, dass dieses Projekt sofort anläuft.“ Viele Gemeinden sind in dieser Hinsicht bereits aktiv.

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Juds nimmt alle Jugendlichen in die Pflicht, sich zu engagieren, „bevor sie gelangweilt daheim sitzen“, weil sie nicht in die Schule gehen können. Wichtig sei nur bei allem Hilfsbedürfnis eines Einzelnen: „Es geht niemals um direkten Kontakt zu den Menschen. Man kann auch mit ihnen telefonieren, oder eben Essen in Tupperware vor die Tür stellen und zweimal klingeln“, rät Juds.

Faktor Zeit

Juds scheut sich nicht, Dinge klar auszusprechen: „Es geht um Leben und Tod.“ Jeder Tag des Zögerns in den Bestrebungen, das Virus einzudämmen, bringe laut Hochrechnungen 40 Prozent mehr Erkrankte. „Dessen müssen sich die handelnden Politiker immer bewusst sein.“

Aktuelle Infos zur Corona-Lage im Landkreis gibt‘s im Ticker

Ein großes Hindernis stellt die zeitliche Verzögerung zwischen der Ansteckung und einem möglichen positiven Test dar. „Im Grunde genommen sind die Zahlen, die wir momentan täglich aktuell bekommen der Stand von vor 14 Tagen“, moniert Juds. Warum, erklärt der Experte sehr einfach: „Die ersten fünf Tage weiß ein Erkrankter meistens gar nicht, dass er sich angesteckt hat. Dann legt er sich ins Bett. Da es die nächsten Tage nicht besser wird, geht er am siebten oder achten Tag schließlich zum Hausarzt, um den Abstrich machen zu lassen.“ Das überlastete Labor brauche dann drei bis vier Tage, um die Probe auszuwerten, das Gesundheitsamt bis zu drei Tage, ehe die Meldung an das Robert-Koch-Institut ergehe. „Und schon sind es 12 bis 14 Tage.“

Rechenmodelle

Auf Basis der Daten der Corona-Pandemie in China hat Juds Modelle für den Verlauf aufgestellt, die auch auf den Landkreis heruntergebrochen werden können. Seinen Beobachtungen zufolge entwickelt sich die Seuche viel explosiver als eine Influenza, weil jeder Infizierte zwei bis vier Personen ansteckt. Bei der klassischen Grippe waren es 1,5. Die Ansteckungsrate stelle die große Gefahr des Corona-Virus dar. Denn anders als in schweren Grippesaisons erfolgt bei Corona ein viel rasanterer Anstieg der Fallzahlen, wodurch das medizinische System auf die Probe und vor Kapazitätsprobleme gestellt wird. „Dieser Ansturm in komprimierter Zeit bringt das dramatische Geschehen mit sich, das wir in Italien und Spanien sehen.“

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Aus den chinesischen Zahlen lässt sich ableiten, dass zirka 80 Prozent der Erkrankten zuhause bleiben können, 20 Prozent müssten in Kliniken behandelt werden (5 Prozent gar intensivmedizinisch). In gut vorbereiteten Ländern betrage die Sterblichkeitsrate rund 0,5 bis 0,9 Prozent. Bei einem Erkrankungsgrad der Bevölkerung von einem Prozent ergeben sich für den Landkreis (88 000 Einwohner) rund 880 Erkrankte, von denen zirka 176 in einem Klinikum behandelt werden müssten. Bei einer Sterberate von 0,5 Prozent gebe es rund vier Tote. Liegt die Erkrankungsrate bei zwölf Prozent, wären es bereits 10 560 Infizierte, mehr als 2000 Krankenhaus-Patienten sowie knapp über 50 Todesfälle. Sogar ein Worst-Case-Szenario (60 Prozent der Bevölkerung erkrankt) hat Juds durchgerechnet, um den Hilfsorganisationen Zahlen liefern zu können. „Eine solche Entwicklung ist aber extrem unwahrscheinlich“, versichert der Arzt. „Aber für jede seriöse Planung muss man wissen, was im schlimmsten Fall drohen kann.“

Prognose

Mit Prognosen zum zeitlichen Verlauf oder Schätzungen haben sich Experten bisher zurückgehalten. Genau das aber bezeichnet Dr. Juds als „unseriös“. Er bewertet die Situation ganz pragmatisch. „Wir müssen jedoch immer davon ausgehen, dass die Zahlen und Angaben aus China richtig sind“, betont er. Erste Erkrankungen seien bereits im Dezember bekannt geworden. „Aber man spricht von einer Pandemie, wenn in einem Land an einem Tag 100 und mehr Infektionen vorliegen.“ Das sei Mitte Januar der Fall gewesen. Am 18. März meldete die chinesische Regierung keinerlei Neuerkrankungen mehr. „Das wären ungefähr acht Wochen, solange also wie eine normale Grippewelle dauert. Wenn da nicht gelogen wurde.“

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Juds erwartet daher die Hochphase der Pandemie im Landkreis für Ende März und die ersten beiden April-Wochen sowie ein Abklingen bis Anfang Mai. „Zu befürchten ist allerdings, dass unsere Maßnahmen denen Chinas in ihrer Wirksamkeit nicht entsprechen“, betont Juds. Seine große Hoffnung ist es dennoch, dass der Landkreis diese Seuche ohne einen Todesfall übersteht. „Es ist wirklich möglich, wenn wir es schaffen, mit allen verfügbaren Mitteln die Ausbreitung so gut wie möglich einzudämmen.“

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