Fußgängerzone: Shopping, Glühwein und Flanieren gibt’s derzeit nur online, daheim oder allein.
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Fußgängerzone: Shopping, Glühwein und Flanieren gibt’s derzeit nur online, daheim oder allein.

Gespenstische Ruhe auf dem Plateau

Vom Tourismus-Magneten zum Geisterort: Lockdown trifft kleine Gemeinde hart - „Fühlt sich nur traurig an“

In der Tiroler Tourismus-Hochburg Seefeld herrscht gespenstische Ruhe - beinahe schon Totenstille. Der Corona-Lockdown hat das Dorf auf dem Plateau hart getroffen.

Seefeld – Wenn die Sonne im Februar wieder länger scheint, funkeln in Seefeld normalerweise die Schneekristalle mit den Strasssteinchen auf den Mützen der Urlauberinnen um die Wette. Zwischen Bahnhof und Seekircherl wird zu hunderten flaniert, Kaffee und Glühwein genossen. Und auch auf den Loipen und Pisten der Olympiaregion sucht man die Stille vergebens.

Corona in Seefeld: Lockdown versetzt Touristen-Hochburg in Winterschlaf

Nicht so 2021: Die Fußgängerzone ist ausgestorben, Hotels und Gaststätten sind geschlossen, und auf den Skihängen und hunderten Loipenkilometern sieht man nur ein paar Profisportler oder lockdown-müde Einheimische. Corona hat den mondänen Tourismusort auf dem Plateau heuer in eine Art Winterschlaf versetzt.

Wildparken an der Rosshütte: Nicht 2021, da kann man sich den Platz selbst am späten Vormittag in Ruhe aussuchen.

Touristen-Hochburg Seefeld im Corona-Lockdown: Keine Kunden im Skiverleih - Angestellte in Kurzarbeit

Außer Betrieb befindet sich auch Reinhard Haselwanters Schleifmaschine, durch die sonst sieben Tage die Woche die Skier seiner Kunden laufen. „Man könnte sagen, wir haben vergangenen März von hundert auf null heruntergefahren – und dort sind wir noch immer.“ Der Skiverleih mit Geschäft, der schon seit Jahrzehnten im Familienbesitz ist, hat zwar geöffnet, Kunden kommen aber quasi keine. „Seefeld lebt vom ausländischen Touristen, kann der nicht kommen, steht mehr oder weniger alles.“

Jeder und gerade der einheimische Kunde ist eine wichtige Stütze, auch für unsere Moral

Reinhard Haselwanter

Der fleißige Unternehmer hat normalerweise mehrere Angestellte, die sind nun in Kurzarbeit, die eigene Familie lebt vom Ersparten. Trotzdem ist Haselwanter gerne für die Kunden da. „Jeder und gerade der einheimische Kunde ist eine wichtige Stütze, auch für unsere Moral.“ Seine Gedanken gehören aber nicht nur dem eigenen Betrieb. „Wenn wir nichts verkaufen können, leidet spätestens in der nächsten Saison auch die Sportartikelindustrie.“ Die staatlichen Hilfen seien da oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Urlaubsgefühl – Fehlanzeige: Allein Trainingsplan oder Lockdown-Frust treiben derzeit vereinzelte Profisportler oder Einheimische auf die WM-Loipen von 2019. Fotos (3): Ebenhoch

Ähnlich sieht es Peter Norz, Mitinhaber der Skischule Alpinpower an der Rosshütte. „Es ist eine triste Angelegenheit und wirtschaftlich eine Katastrophe. Ohne den Tourismus kann die Skischule nicht überleben.“ Doch auch dort hält man den Betrieb offen, auch wenn bis auf ein paar vereinzelte Kinder-Privatstunden nichts gebucht wird. Dass dadurch Zeit zum privaten Skifahren bleibt, kann keiner der Skilehrer so recht genießen. Zu schwer wiegt die Sorge, wie es weitergeht.

Corona in Seefeld: Skischule kann ohne Tourismus nicht überleben

Die corona-erzwungene Freizeit freudig nutzen, können auch die Hoteliers und Gaststättenbetreiber im Ort nicht recht. „Wir sind Unternehmer und Gastgeber“, erklärt Alois Seyrling, Obmann des Tourismusverbands und Geschäftsführer des familieneigenen Klosterbräus. „Wir wollen etwas machen und Gäste bewirten. Allein in unserem Haus zu sein, fühlt sich nur traurig an.“ Man arbeitet zwar den ganzen Tag, aber man verwaltet nur und plant. „Ein fixes Ziel, wie ein fixer Öffnungszeitpunkt, fehlt, und diese Unsicherheit ist schwer auszuhalten.“

Wir verdienen nichts und versuchen, dass wir am Leben bleiben.

Bürgermeister Werner Frießer

Um ein bisschen Planungssicherheit zu schaffen, hat man sich im TVB darauf verständigt, dass die großen Hotels der Vier- und Fünf-Sterne-Kategorie erst im Sommer wieder öffnen. Pensionen und kleinere Häuser stehen jederzeit parat. „Die großen Hotels sind allein schon aufgrund der Mitarbeiterzahl träger im Aufsperren und haben eine hohe Grundlast.“ Daher sei es besser, sich jetzt schon auf einen vorgezogenen Sommersaisonstart einzustellen. „Denn das ist in Seefeld unser Glück, der Sommer bringt in etwa den gleichen Umsatz ein wie der Winter.“

Auch die Kaufmannschaft hat ihren Blick schon auf den Sommer gerichtet. Nichtsdestoweniger wollen alle gemeinsam nun die Chance zur Öffnung ab 8. Februar nutzen. „Wir sind glücklich, dass wir endlich wieder aktiv handeln können“, sagt Obmann Alexander Schmidt. Alle Geschäfte im Ort sind dabei.

„So einen guten Rücklauf wie in den vergangenen Tagen hatten wir noch nie auf unsere Werbemittelaktionen.“ Auch wenn es sicher nicht leicht wird und eine Wirtschaftlichkeit kaum gegeben ist, so möchten doch alle ein Signal der Normalität setzen. „Und endlich die Lichter im Ort wieder angehen lassen und damit ein wenig Hoffnung spenden.“

Corona in Seefeld: Gemeinde braucht nicht nur Touristen, sondern auch jeden einzelnen Einheimischen

Als Signal der Hoffnung versteht sich auch das Offenhalten der Liftanlagen, bestätigt Bürgermeister und Vorstand der Bergbahnen Rosshütte, Werner Frießer. „Wir verdienen nichts und versuchen, dass wir am Leben bleiben. Dennoch war eine Schließung nie ein Thema. Wir sehen das auch als Service am Einheimischen.“

Denn auch eine Tourismusgemeinde wie Seefeld braucht nicht nur ihre Gäste und Tourismusbetriebe, sondern eben auch jeden einzelnen Einheimischen. Daher wollen Frießer und alle anderen für sie da sein. Denn nur so werden alle froh gestimmt parat sein, wenn in Zukunft Terrassen, Pisten und Loipen wieder vor Besuchern wimmeln.

Wegen Corona dürfen Faschingsumzüge oder Gungln dieses Jahr nicht stattfinden. Ein Maschkera-Stammtisch aus Farchant hat sich jetzt eine Idee einfallen lassen, die coronakonform ist. Eine tierische Überraschung machte kürzlich hingegen Erich Frühschütz-Grüning aus Bad Bayersoien: Er entdeckte in seinem Heizungsraum ein Reh. Das Tier war durch die Garage und Werkstatt dorthin gelangt - still und heimlich. Alles aus der Region gibt‘s im GAP-Newsletter.

(Von Kathrin Ebenhoch)

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