Opfer sieht Corona-Nebeneffekt

Vor Auto mit München-Kennzeichen gespuckt: Garmisch-Partenkirchner Neubürger schockiert – „Woher kommt die Wut?“

  • Claudia Möllers
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Ein Garmisch-Partenkirchner Neubürger hat eine unschöne Begegnung gemacht: Wohl aufgrund seines Münchner Kennzeichens spuckte ihm ein Mann vors Auto.

Garmisch-Partenkirchen – Die Advents- und Weihnachtszeit ist traditionell eine friedliche Zeit. Auch im idyllischen Garmisch-Partenkirchen. Aber der schwelende Disput zwischen Einheimischen und (vermeintlichen) Ausflüglern ist noch nicht überwunden. Ein Neubürger hat eine unschöne Begegnung gemacht, mit der er jetzt an die Öffentlichkeit tritt.

Neu-Garmisch-Partenkirchner arbeitet als Arzt auf der Corona-Station

Manuel Viehmann (36) ist Arzt am Klinikum in Garmisch-Partenkirchen. Er arbeitet auf der „Inneren Medizin“, hat Dienst auf der Corona-Isolierstation, in der Notaufnahme, schiebt Nachtdienste als Notarzt und übernimmt Einsätze von Kollegen, die wegen einer Corona-Erkrankung ausfallen. Im April ist er mit seiner Frau und den beiden Kindern im Alter von vier und sechs Jahren von München nach Garmisch-Partenkirchen ganz nah an die Zugspitze gezogen. Schließlich arbeitet auch seine Frau seit über zwei Jahren in der Marktgemeinde.

In einer Wohnstraße wie dieser passierte das Undenkbare: Ein Mann spuckte vor das Auto von Manuel Viehmann (36).

Schock-Szene in Auto: Kinder müssen alles mit ansehen

Sie fühlen sich sehr wohl, genießen die Marktgemeinde und die Umgebung, haben schon viele Kontakte knüpfen können. „Unsere Kinder gehen in die Schule und den Kindergarten. Wir wissen das Leben in diesem Ort zu schätzen und versuchen, dem Ort und den Menschen etwas zurückzugeben.“ Doch was die Familie am vierten Advent direkt vor der Haustür erlebt hat, hat die Viehmanns erschüttert. „Wir starteten als Familie mit dem Auto zu einem kleinen Wanderausflug. Ein paar Meter entfernt ging ein Paar spazieren. Eigentlich nichts Außergewöhnliches“, schildert Viehmann unserer Redaktion.

Begegnung mit München-Hasser: „Er starrt uns wütend an und spuckt vor unser Auto“

Doch dann: „Der große Mann mit einem sehr großen Hund mustert uns, sieht unser Kfz-Kennzeichen mit dem ,M‘ für München, starrt uns wütend an, senkt den Blick und spuckt vor unser Auto.“ Viehmann ist empört, seine Kinder fragen ihn, warum der Mann das gemacht hat. „Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Erklären kann ich die Situation in diesem Moment nicht“, beschreibt der Arzt seine Reaktion. Als ekelhaft und dumm bezeichnet er seinen Kindern gegenüber das Verhalten. Und er möchte es publik machen und damit zum Nachdenken anregen.

Schon vor Spuck-Attacke: Garmisch-Partenkirchner versuchte Kennzeichen zu wechseln

Seit April versucht Viehmann, sein Kennzeichen zu wechseln – und bekomme einfach keinen Termin. Dass aber sein Münchner Kennzeichen eine solche Wut bei einem offenbar Einheimischen auslöst, das lässt ihm keine Ruhe. Schließlich zeige ja sein Fall, dass man den Wohnort wechseln könne, ohne das Kennzeichen zu ändern. Kollegen von ihm leben in Tirol und fahren mit österreichischem Kennzeichen nach Garmisch-Partenkirchen zur Arbeit in die Klinik. Andere Menschen in Garmisch-Partenkirchen hätten einen Dienstwagen mit Münchner Kennzeichen. Aber unabhängig davon, ob die Fahrer eines Wagens mit Münchner Kennzeichen nun in Garmisch-Partenkirchen leben oder nicht: „Woher kommt die Wut auf Leute aus München, aus Bayern?“, fragt sich Viehmann. Im Krankenhaus und vom Rettungsdienst bekämen alle Menschen sofortige Hilfe – egal, woher sie kommen, wie sie sprechen oder welches Nummernschild an ihrem Auto angebracht sei.

Woher kommt der München-Hass? „Alle wollen in die Gegend mit schöner Natur“

Freilich weiß Viehmann von den Debatten der vergangenen Monate. „Alle wollen in die Gegend mit schöner Natur“, das kennt er natürlich noch aus seiner Münchner Zeit. Als Neubürger beklagt er nun auch die Auswüchse des Ausflugsverkehrs, den Müll, der liegen bleibt, Wohnmobile, die Straßen zuparken. Viehmann sieht beide Seiten.

Der Mediziner hofft, dass die Menschen miteinander ins Gespräch kommen, statt wütende Gesten zu zeigen. „Ich denke, der Konflikt der Einheimischen mit den Ausflüglern ist innerhalb von kurzer Zeit nicht zu lösen, dafür sind neue Ideen und zu viele strukturelle Veränderungen notwendig. Nur mit gegenseitiger Rücksichtnahme, vor allem vonseiten der Ausflügler, kann die Situation verbessert werden.“ Solche Wut-Reaktionen, wie Viehmanns sie erlebt haben, sind für den Arzt ein Nebeneffekt der Corona-Krise. Er wünscht sich, „dass wir in dieser für alle sehr schweren und entbehrungsreichen Zeit respektvoll und nicht wütend oder feindselig miteinander umgehen“.

Übrigens nicht die erste Anfeindung am Alpenrand wegen eines Münchner Kennzeichen. Während der ersten Corona-Welle eskalierte die Situation am Tegernsee komplett.

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Rubriklistenbild: © FOTOPRESS THOMAS SEHR

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