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„Die Region ist sicher kein Hotspot“: Das ist für Dr. Karin Kübler und Hansjörg Wiesböck vom Gesundheitsamt zwar derzeit erfreulich, aber nicht im Ansatz beruhigend. Die Situation kann schnell drehen. 

Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Behörde spricht von „extrem guter“ Versorgungssituation

Coronavirus: Das Gesundheitsamt Garmisch-Partenkirchen informiert über die aktuelle Lage

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Wie ist die Lage in Sachen Coronavirus im Landkreis Garmisch-Partenkirchen? Kaum einer kann diese Frage so detailliert beantworten wie das Gesundheitsamt. 

Garmisch-Partenkirchen –Der Tisch im Besprechungsraum des Landratsamtes ist groß. Groß genug, um sich nicht zu nahe zu kommen. Also auch geeignet für ein solches Gespräch. Auf der einen Seite sitzen Dr. Karin Kübler, die Amtsärztin im Gesundheitsamt, Hansjörg Wiesböck, der operative Einsatzleiter, und Stephan Scharf, der Pressesprecher. Die andere Seite ist für die Gäste reserviert. Als Erstes gibt es auch für den Redakteur und den Fotografen eine kurze Aufklärung: „Auch für Sie ist es jetzt unheimlich wichtig, beispielsweise auf den Abstand zu achten“, sagt Wiesböck. Verstanden. Die Kollegen beim Tagblatt versuchen sich bestmöglich daran zu halten, Außer-Haus-Termine finden so gut wie nicht mehr statt. In der Redaktion besetzt jeder der Kollegen, die noch nicht in Homeoffice arbeiten, ein eigenes Büro. „Bestens“, betont Wiesböck. Und Kübler stellt klar: „Wenn nur auch jeder die Abstände draußen einhalten würde, dann wäre allen geholfen, denn dann ist das Risiko wirklich minimal.“

So also steigt man heutzutage ein in ein Lagegespräch mit den Menschen, die aktuell einen der verantwortungsvollsten Jobs im Landkreis haben. Das Gesundheitsamt ist die maßgebliche Behörde in der Corona-Zeit. Kommunikation sei wichtig in diesen Tagen, sagt Wiesböck. Und darum stellen sich Amtsleiterin Dr. Kübler und er auch der Presse, um die Situation in der Region näher zu beleuchten, Aufklärung zu betreiben. Wie das Amt in dieser Phase agiert, wird das Tagblatt in den kommenden Tagen in einem eigenen Bericht skizzieren. Im Vordergrund stand aber eine Zustand-Beschreibung, um den Menschen Informationen aus erster Hand zu geben. Ein Überblick über verschiedene Themenbereiche.

Coronavirus: Die aktuelle Lage im Landkreis Garmisch-Partenkirchen

60 Positiv-Getestete gab es am Dienstagabend im Landkreis, eine ältere Person davon in Intensiv-Betreuung im Klinikum Garmisch-Partenkirchen. „Damit sind wir definitiv im guten Mittel der Landkreise, die nicht so stark betroffen sind“, urteilt Wiesböck. Doch sei es gefährlich, nur auf die nackten Zahlen zu blicken. „Bei der Betrachtung ist das Verhältnis zur Einwohnerzahl entscheidend.“ Doch auch da liegt die Region eher am unteren Ende der Skala. „Wir sind sicher kein Hotspot.“ Erfreulich, aber nicht im Ansatz beruhigend. Denn wie sich das Corona-Virus ausbreitet, lässt sich aktuell nur schwer einschätzen. Das Problem stellen wieder die Testergebnisse dar: Sie bilden aufgrund der langen Zeit, die zwischen Ansteckung und Befund vergeht, nicht die aktuelle Situation ab. „Ob die Maßnahmen, die die bayerische Regierung ergriffen hat, wirken, das können wir vielleicht in einer oder eineinhalb Wochen sagen“, stellt Wiesböck klar. „Dann sehen wir, ob sich die Fallzahlen linear oder exponentiell entwickeln.“

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Coronavirus: Die Hotline für Menschen mit Symptomen

Die Nummer 0 88 21/75 15 00 stellt weiterhin die zentrale Kontakt-Möglichkeit mit dem Gesundheitsamt dar. Das Telefon in der Behörde steht kaum still. „Wir haben oft vormittags schon 100 Anrufe“, sagt Dr. Kübler. „Maximal hatten wir an einem Tag um die 300 Anrufe.“ Viele Bürger müssten die Amtsmitarbeiter allerdings wieder abweisen. „Die rufen an und hätten gerne einen Test, haben aber keinerlei Symptome“, sagt Wiesböck.

Diese Art der Anrufe sei für keinen der Beteiligten hilfreich. „Die Leute sollten sich erst einmal informieren, bevor sie zum Hörer greifen“, sagt Pressemann Scharf. Auf der Homepage des Landratsamtes gibt es ein Dokument, das die Antworten auf die gängigsten Fragen rund um die Corona-Tests beantwortet. „Die Leute sollen wirklich in sich reinhorchen, wichtig ist, dass sich die Menschen melden, denen es wirklich schlecht geht, die, die Symptome zeigen.“ Zudem stellt Kübler klar, dass das Gesundheitsamt keine Arztpraxis darstellt. „Wir sind eigentlich nicht der primäre Kontakt, es gibt mittlerweile auch niedergelassene Ärzte, die kontaktfreie Rachentests anbieten.“

Coronavirus: Medizinische Versorgung ist „extrem gut“

„Wir haben eine Versorgungssituation, die extrem gut ist“, sagt Wiesböck. Er wagt einen Vergleich: „Wir verfügen in etwa über das Angebot, das eine Stadt mit 500 000 Einwohnern normalerweise hat.“ Wiesböck und weitere Experten haben in den vergangenen Tagen einige Simulationen erstellt, in denen verschiedene Szenarien durchgespielt wurden. „Wir müssen ja wissen, wann wir an die Grenzen kommen“, betont er. Die zentrale Erkenntnis: „Wir brauchen keine Angst zu haben, dass die Kapazitäten nicht ausreichen“, fasst Dr. Kübler zusammen. Verantwortlich für die gute Situation sind vor allem die beiden Groß-Kliniken, aber auch die vielen anderen medizinischen Einrichtungen wie Reha-Kliniken oder das Rheumazentrum. 

„Das Klinikum in Garmisch-Partenkirchen ist ein Regelversorger, hat daher schon mehr Abteilungen als die Häuser in anderen Landkreisen.“ Dort gibt es zusätzlich zur Intensiv- eine Überwachungsstation sowie als Plus eine eigene Kinder-Intensivstation. „Dazu haben wir in Murnau die Unfallklinik, die eine extrem hohe Beatmungs-Kapazität hat“, betont Wiesböck. „Das stellt noch einmal eine Verdoppelung des Angebots dar, in gewissen Bereichen sogar eine Verdreifachung.“ Eines macht Wiesböck aber deutlich: „Wir können uns deswegen nicht auf die faule Haut legen und sagen, die Maßnahmen wären alle überflüssig.“ Denn nun kommt eine Eigenheit des Covid-19-Erregers ins Spiel: die rasante Verbreitung. „Die Kliniken sind auf die Patienten vorbereitet, nur es muss langsam gehen, denn es steht eben nicht genug Personal zur Verfügung.“ Daher gilt als zentrales Ziel aller Bemühungen weiterhin: „Wir müssen die Entwicklung verlangsamen und versuchen, die Kurve abzuflachen“, stellt Kübler klar.

Coronavirus in Asylbewerber-Unterkünften: Landkreis wäre vorbereitet

Ein Fall wie in Geretsried hat abgeschreckt. Ein Positiv-Getesteter in einer Sammel-Unterkunft hat dazu geführt, dass 165 Asylbewerber in Quarantäne mussten. Für ein solches Szenario im Landkreis ist das Gesundheitsamt vorbereitet. „Es gibt einen Krisenplan für den Fall, dass etwas passiert“, betont Wiesböck. Auf dem Abrams-Gelände wurde bereits eine Isolier-Einheit geschaffen.

Coronavirus: Was passiert mit den Menschen, die wieder gesund sind?

Die ersten Positiv-Getesteten werden in diesen Tagen aus der Isolation entlassen. Dies geschieht unter strengen Regeln. „Da gibt es klare Vorgaben des Robert-Koch-Instituts, und daran halten wir uns“, stellt Wiesböck klar. Nach den 14 Tagen Quarantäne muss der Betroffene negativ getestet werden und danach nochmals 48 Stunden beschwerdefrei sein. Erst dann wird er entlassen. „Das muss durch das Gesundheitsamt festgestellt werden und ist immer eine Einzelfallentscheidung.“ Die in Quarantäne befindlichen Personen werden vom Amt täglich kontaktiert. Sollte ein Betroffener nicht erreichbar sein, müssen die Verantwortlichen ausrücken und vor Ort nach dem Rechten schauen. Teilweise auch in Polizeibegleitung. „Es muss jedem klar sein, wenn er die Isolation vorzeitig abbricht, ist das nachweisbar, da schauen wir sehr genau hin.“ Eines versichern die Experten den Erkrankten aber auch: „Keiner wird länger als nötig in Quarantäne gehalten.“

Coronavirus: Schluss-Appell an die Vernunft jedes Einzelnen

Zustände wie eine Ausgangsbeschränkung wollen die Behörden nicht ewig aufrechterhalten. „Wenn die Bevölkerung begreift, worauf es ankommt, sind diese vielleicht auch nicht mehr nötig, weil sie dann automatisch eingehalten werden“, sagt Wiesböck. Wichtig ist den Verantwortlichen, dass vor allem jüngere Menschen verantwortungsvoll mit der Situation umgehen. „Auch sie können erkranken, es gibt genug Fälle“, betont Wiesböck. Auch wenn sie keine Symptome zeigen, bleibt laut Kübler ein großes Restrisiko, dass sie das Virus übertragen, weil sie nicht merken, dass sie es in sich tragen. „Wir müssen alle ins Boot holen und vernünftig mit der Situation umgehen, dann können wir das Wachstum dieser Pandemie so gut wie möglich unterbinden.“

Corona-Krise: Lesen Sie hier alle aktuellen Entwicklungen im Landkreis Garmisch-Partenkirchen

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