Ein altes Haus von außen ist zu sehen, die Tür steht offen.
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Nicht geeignet für Familien: die Obdachlosen-Unterkunft in den Loisachauen.

Auch alle Herbergen belegt

Wegen Corona: Vielen Familien droht Obdachlosigkeit - „Sehen das Problem auf uns zurollen“

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
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Durch die Corona-Pandemie hat sich die Lage für Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind, dramatisch verschlechtert. Darunter viele Familien.

Landkreis – Der Vater hat in der Gastronomie gearbeitet und ist jetzt arbeitslos. Die Mutter hat auf 450-Euro-Basis gejobbt und ansonsten die beiden Kinder betreut. Auch dieser Verdienst ist coronabedingt weggebrochen. Nachdem die Familie mehrere Monate keine Miete bezahlt hat, droht ihr jetzt die Kündigung und damit die Obdachlosigkeit. Es ist ein fiktives Beispiel, das Claudia Zolk (CSB) zufolge die momentane Realität aber sehr gut abbildet. „Wir sehen dieses Problem auf uns zurollen“, sagt die Zweite Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen.

Corona-Pandemie: Gefahr der Obdachlosigkeit für Familien

Mit dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) steht die Marktgemeinde diesbezüglich in Kontakt. Dieser fungiert seit 2014 als Partner der 22 Landkreis-Gemeinden, wenn es darum geht, wohnungslose Menschen unterzubringen. 15 Notwohnungen wurden dafür in Mittenwald, Murnau, Burgrain und Garmisch-Partenkirchen angemietet. Zudem hat der SkF eine so genannte Herberge eingerichtet, in der neun Personen unterkommen können. Das Angebot reicht allerdings nicht mehr aus, das machte SkF-Geschäftsführer German Kögl vor wenigen Tagen in einem Brief deutlich, der an alle Landkreis-Bürgermeister und den Zuständigen in den Ordnungsämtern ging. Sämtliche Unterkünfte sind belegt, für die Herberge gibt’s mittlerweile eine Warteliste.

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Familien droht Wohnungslosigkeit - Job-Schwierigkeiten wegen Corona

„Das ist neu“, bestätigt Tina Hack, die im Team der Wohnungslosenhilfe arbeitet. Bislang standen dort immer freie Plätze zur Verfügung. Um die Situation in den Griff zu bekommen, laufen bereits Gespräche mit Vermietern von Ferienwohnungen und Pensionen. Schon jetzt wissen Kögl und seine Mitarbeiter nämlich, dass wieder Räumungstermine anstehen. Er fürchtet zudem, dass diese Zahl in den kommenden Monaten noch steigt. „Für Familien bestand bisher Räumungsschutz, doch es zeichnet sich ab, dass sie zukünftig nicht mehr davor bewahrt werden“, unterstreicht Kögl. Ein solch massiver Eingriff in die Lebenssituation sei insbesondere für Kinder ein traumatisches Erlebnis.

Wegen Corona: Obdachlosen-Unterkünfte ausgelastet - „Wir müssen aufstocken“

Nachdem gerade diese nicht in einer Obdachlosen-Unterkunft wie der in den Loisachauen in Garmisch-Partenkirchen untergebracht werden dürfen, sieht auch Zolk nur die Möglichkeit, vorsorglich Ferienwohnungen anzumieten. „Wir müssen aufstocken.“ Zumal coronabedingt ein weiteres Problem auf den Landkreis zukommt. Deutsche Staatsbürger, die bislang ihre Rente im Ausland verbracht oder dort gearbeitet haben, werden wegen der Pandemie zurückgeschickt. Durchschnittlich sind es zwei pro Woche, bestätigt Kögl. „Sie waren bisher in Spanien, in den USA oder Kanada sind jetzt da und wissen nicht, wie’s weitergeht“, schildert Hack das Phänomen. Außerdem haben sie und ihre Kolleginnen festgestellt, dass etliche Mitarbeiter aus der Gastronomie, denen mit dem Job auch das Personalzimmer gekündigt wurde, jetzt vor ihrer Tür stehen.

Obdachlose habe es schon immer gegeben und werde es wohl auch immer geben, betont Hack. „Man könnte das Ganze aber menschenwürdiger gestalten.“ Gerade die Unterkunft in den Loisachauen, in der der SkF nach wie vor einmal pro Woche beratend tätig ist, die aber künftig vom Katholischen Männerfürsorgeverein München betreut wird, steht häufig in der Kritik. „Ich weiß von zwei Leuten, die lieber draußen schlafen, als dort unterzukommen“, sagt die Sozialarbeiterin. Gerade um die machen sich sie und ihre Kollegen angesichts der Minusgrade und Schneemengen große Sorgen. „Wir sind immer erleichtert, wenn sie kommen, und sich bei uns ein warmes Essen abholen.“ Auch das ist coronabedingt ein Problem.

Kein Publikumsverkehr in der Tee- und Wärmestube für Obdachlose: „Teilweise rutschen die Leute durch“

Momentan herrscht in der Tee- und Wärmestube an der Parkstraße kein Publikumsverkehr. „Wir dürfen nur Essen zum Mitnehmen anbieten“, bedauert Hack. Die Möglichkeit, sich aufzuwärmen, eine warme Dusche zu nehmen oder sich mit SkF-Experten auszutauschen, existiert derzeit nicht. Mit der unguten Folge: „Teilweise rutschen Leute durch.“

Für Obdachlose ist die jeweilige Gemeinde zuständig. Um Hilfesuchende schnell unterzubringen, wurde besagter Vertrag mit dem SkF geschlossen. Den Sozialdienst unterstützt auch der Landkreis in seinen Bemühungen – auf freiwilliger Basis. 2020 sind von Landratsamtssprecher Stephan Scharf zufolge 81 600 Euro für Nicht-Sesshafte sowie die Tee- und Wärmestube geflossen. Außerdem wurde die Fachstelle zur Vermeidung und Behebung von Obdachlosigkeit mit 180 800 Euro unterstützt. „Das Ganze liegt nicht in unserer Zuständigkeit“, betont Scharf. „Aber wir verschließen Augen nicht vor diesem Problem.“

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