Ein gewollt tristes Bild in Schwarz-Weiß: Alles wäre bereit für den Skibetrieb auf der Zugspitze – wie hier am Schneefernerkopf. Es darf nur kein Brettlfan kommen. Das hat die Regierung beschlossen.  Foto: bzb
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Ein gewollt tristes Bild in Schwarz-Weiß: Alles wäre bereit für den Skibetrieb auf der Zugspitze – wie hier am Schneefernerkopf. Es darf nur kein Brettlfan kommen. Das hat die Regierung beschlossen.

Frust und Ohnmacht

Wegen Corona-Beschluss: Aus für Skibetrieb in 2020 – Mitarbeiter der Zugspitzbahn in „Schockstarre“

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
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Der Schock sitzt tief: Bis mindestens 20. Dezember wird es keinen Skibetrieb geben. Es wird Kritik an der Politik laut.

  • Markus Söder (CSU) hat die Corona-Regeln in Bayern verschärft. Demnach bleiben die Skigebiete vorerst bis 20. Dezember zu.
  • Diese Entscheidung trifft die Bayerische Zugspitzbahn in Garmisch-Partenkirchen hart. Der Marketingleiter spricht von einer „Watschn“.
  • Auch Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin kritisiert das Vorgehen der Landesregierung. Sie befürchtet für die Marktgemeinde einen Ansturm an Wintersportlern.

Garmisch-Partenkirchen – Es ist eine Mischung aus Ärger, Unverständnis, angereichert mit einer Portion neuer Angriffslust, die in der Luft liegt einen Tag nach der großen Verkündung. Die Skigebiete bleiben zu, Winterurlaub ist passé, mindestens bis 20. Dezember, wahrscheinlich aber gleich bis 10. Januar – so haben es Markus Söder (CSU) in überzeugter Manier und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) in einer Mitgehangen-Mitgefangen-Stimmung den bayerischen Bürgern zum Besten gegeben. „Es herrscht bei uns so etwas wie Schockstarre“, fasst Klaus Schanda, Marketingleiter der Bayerischen Zugspitzbahn, die Gemütslage im Unternehmen zusammen. „Wir sind alle niedergeschlagen, das war wie eine Watschn.“

Skifahren in Garmisch-Partenkirchen: Kein Betrieb in 2020 - Zugspitzbahn-Mitarbeiter frustriert

Tief sitzt der Stachel auch bei Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU). „Das ist wieder Wischiwaschi“, moniert sie. „Ich hätte alle Entscheidungen mitgetragen, auch einen knallharten Lockdown. Doch da wurde wieder mal eine Chance vertan.“ Dem Termin 20. Dezember traut sie kein bisschen über den Weg. „Daran glaubt doch kein Mensch mehr.“ Schließlich habe Söder schon verraten, dass dieses Datum nur zustande kam, weil per Gesetz die Verordnungen maximal auf vier Wochen ausgelegt sein dürfen. Vor einigen Wochen habe sich der Ministerpräsident ganz anders geäußert, den Wintertourismus als machbar eingestuft, Aiwanger war dazu sogar zu einem Pressegespräch nach Garmisch-Partenkirchen gekommen – nun dieser „faule Kompromiss“, so fasste Koch die Ergebnisse zusammen.

Ich verstehe die Leute draußen, dass sie wütend werden.

Elisabeth Koch

Den Kurs der Regierung kann Koch nicht mehr nachvollziehen. Sie vermutet, dass „irgendwelche parteipolitischen Interessen“ für den Sinneswandel in Sachen Skibetrieb verantwortlich sind. Auch den Kleinkrieg, der sich mit Österreich anbahnt, verurteilt sie. „Ich verstehe die Leute draußen, dass sie wütend werden.“

Klare Worte zu Corona-Maßnahmen: Kein Verständnis für verbotenen Ski-Betrieb in Garmisch-Partenkirchen

Klare Worte von Koch – wieder einmal. Ihre Meinung kund zu tun, darum ist die Bürgermeisterin nie verlegen. Nur steht sie oft allein auf weiter Flur. Landrat Anton Speer (FW) würde Koch gerne zur Seite stehen. Doch er sieht seine Möglichkeiten als begrenzt an. „Ich habe im Vorfeld mit Minister Aiwanger persönlich über die Lage gesprochen.“ Er versicherte dem Parteifreund, dass in der Region alles bereit sei für einen maßvollen und sicheren Wintersportbetrieb. „Wir haben hervorragende Hygienekonzepte, davon hab’ ich mich mehrmals überzeugt“, sagt Speer. Einen reinen Skibetrieb „ohne jegliches Après-Ski oder Hüttengaudi“ sei in seinen Augen absolut machbar. Doch die Freien Wähler konnten sich in der bayerischen Regierungskoalition nicht durchsetzen. „Die ganze Sache kommt vom Bund“, vermutet Speer. „Da ist nichts zu machen.“ Auch der Landrat will jedoch nicht aufgeben. „Ich werde den Minister wieder anrufen, wir müssen da jetzt am Ball bleiben.“

Garmisch-Partenkirchen steht Ansturm von Wintersportlern bevor

So regieren Frust und Ohnmacht. Dazu kommt ein düsterer Blick nach vorne. „Ja, das werden sicher Zustände wie im Sommer“, urteilt Speer noch recht milde. Koch greift zu drastischeren Worten. „Wir werden überrollt werden, vor allem, wenn es auch noch schneien sollte.“ Garmisch-Partenkirchen und der Region steht ein Ansturm von Wintersport-Hungrigen bevor. Noch dazu, wenn der Tagesausflügler die Grenze nach Tirol nicht mehr überschreiten soll, sich in der Folge in Quarantäne begeben müsste. „Ich will mir das gar nicht vorstellen: Wir haben Lockdown, und am Farchanter Tunnel herrscht wieder Blockabfertigung“, sagt Koch.

Bei dieser Thematik sieht sich die Rathauschefin allein im Regen stehen gelassen. „Die ganze Last liegt bei uns, und wer kümmert sich darum?“ Eine rhetorische Frage. „Wir hängen in der Luft, uns fehlt die Perspektive.“ Denn es gehe ja nicht nur um die Bergbahnen und Skilifte. Hotels, Gastronomie, Skischulen und Verleihbetriebe – „da hängen überall Menschen dran, Familien.“ Koch kann das Vorgehen im Freistaat nicht mehr für gut heißen. „Lieber einmal g’scheit als dreimal halbschaarig – so lautet ihr Motto. Nach diesem hätte sie sich endlich Klarheit erwartet. „Ich habe mir eine mutige Entscheidung erhofft, aber diese ist alles andere als mutig.“

Nach einschneidenden Corona-Maßnahmen: BZB trifft sich zur großen Runde

In erster Konsequenz vermeldete die Bayerische Zugspitzbahn am Freitagmittag dann auch gleich das Aus für den Skibetrieb 2020. Schanda hatte bis zuletzt gehofft, als Bergbahn eine Chance zu bekommen. „Meinetwegen eine Maximalzahl an Urlaubern, eine Beschränkung für den Transport in den Kabinen, ein Verbot für Außenverkauf – das hätten wir alles gemacht.“ So aber steht alles still. Trotz aller Hygienekonzepte, die den Sommer über bestens funktionierten, die Beförderung von 450 000 Gästen ermöglichten – ohne bekannte Infektionen.

Wie es weitergeht bei der BZB, das soll eine große Runde am Montag ergeben. Dann wollen die Verantwortlichen die Köpfe zusammenstecken und die Themen beleuchten. Da stehen nicht wenige auf der Tagesordnung: In welcher Form werden im Classic-Gebiet weitere Vorbereitungen vorangetrieben auch in Hinblick auf den Weltcup Ende Januar? Wie geht man mit dem Ticketverkauf um, wie mit dem vermehrt zu erwartenden Tourengeher-Betrieb? „Es wird einen unheimlichen Run auf unsere Berge geben“, befürchtet Schanda. Nur, was passiert, wenn es zu Unfällen kommt, die Bergwacht ausrücken muss – und keine Bahn zur Verfügung steht? „Eigentlich kann man das unseren Bergrettern nicht zumuten“, sagt Koch.

Sie hat am Ende noch einen guten Tipp für die hohen Herren in München parat: „Wenn Sie ein Hygienekonzept für die verstopften S- und U-Bahnen brauchen, schicken wir Ihnen unsere gerne zu.“ Der Ton wird rauer, die Laune schlechter.

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