Das deutsch-amerikanische Freundschaftsfest, das hier Michael Woywod im Elvis-Kostüm und Biwi Rehm, damals Zweiter Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen, eröffnen, war sehr beliebt.
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Das deutsch-amerikanische Freundschaftsfest, das hier Michael Woywod im Elvis-Kostüm und Biwi Rehm, damals Zweiter Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen, eröffnen, war sehr beliebt.

Zwei Amerikaner erzählen

Angst statt Willkommens-Kultur: So hat sich die US-Gemeinde in Garmisch-Partenkirchen nach 9/11 verändert

  • Tanja Brinkmann
    VonTanja Brinkmann
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Der 11. September 2001 veränderte die Welt. Islamistische Terroristen entführten vier Flugzeuge und steuerten drei davon in die Türme des World Trade Centers in New York sowie ins Pentagon in Washington. Menschen aus dem Landkreis erzählen 20 Jahre danach ihre Geschichte. Im vierten Teil der 9/11-Tagblatt-Serie erzählen Paul Dutro und Drew Benson, wie sich das Leben in der amerikanischen Gemeinde in Garmisch-Partenkirchen nach den Anschlägen verändert hat.

Garmisch-Partenkirchen – Plötzlich sind sie nicht mehr da. Toben nicht mehr auf dem Spielplatz hinter dem Wohngebiet. Streifen nicht mehr durch das Areal in der Breitenau und laufen nicht mehr weiter zum Herrgottschrofen. „Das war für mich am auffälligsten“, sagt Drew Benson. Die deutschen Mütter, die ihre Kinderwagen durch die US-Gemeinde schieben, sind seit den Anschlägen vom 11. September 2001 weg. Das Miteinander zwischen Garmisch-Partenkirchnern und Amerikanern, das über Jahre gewachsen ist und beide Seiten mit Stolz erfüllte, kommt quasi zum Erliegen. Um das Areal an der früheren Artillerie-Kaserne wird ein Zaun errichtet. Der Eingangsbereich wird seither streng bewacht. Einlass findet nur, wer angemeldet ist und seine Daten angegeben hat.

„Das hat sich seltsam angefühlt“, sagt Paul Dutro. Der 72-Jährige lebt wie Benson seit Jahrzehnten in Garmisch-Partenkirchen. „Wir waren es gewohnt, die Deutschen willkommen zu heißen.“ Gemeinsame Feiern zum 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, das Freundschaftsfest mit großem Bierzelt, Fahrgeschäften und Feuerwerk und andere Aktivitäten zeugten davon. Unabhängig von großen Feierlichkeiten, zu denen auch der Christmas-Ball zählte, bestand stets ein reger Austausch. Ein gemeinsames Softball-Team gehörte genauso dazu wie der deutsch-amerikanische Frauenclub. „Ich erinnere mich gern an die Weihnachtszeit zurück, wenn wir in die Breitenau eingeladen wurden und die schön geschmückten Wohnungen besuchen durften“, sagt eine Garmisch-Partenkirchnerin. Damit war Schluss nach dem 11. September. Genau wie mit unkomplizierten Treffen mit Freunden und Bekannten. Oder dem Besuch der Bücherei in der so genannten Housing-Area, dem US-Wohnbereich, sowie der Gottesdienste, die in der kleinen Kirche, der Community-Chapel, auf dem Gelände der Sheridan-Kaserne stattfanden. Um dieses gab es schon eine Mauer, da wurden nach den Terroranschlägen nur die Eingänge versperrt – bis auf einen, der aber streng kontrolliert wird. „Dass alles geschlossen ist, ist inzwischen Normalität“, meint Benson.

Erst zweimal war das Eingangstor vor den Anschlägen 2001 besetzt gewesen

Daran, dass das Tor besetzt war und man sich vor dem Eintritt auf das US-Hoheitsgebiet ausweisen musste, kann sich der 63-Jährige schon aus früheren Zeiten erinnern. zweimal zuvor war das Tor besetzt worden. In den 1980er Jahren nach Anschlägen der Rote Armee Fraktion (RAF) auf amerikanische Einrichtungen und auch nach dem Fall der Berliner Mauer 1989. „Da gab’s aber keinen Zaun“, sagt Benson. Und das Miteinander mit den Deutschen bestand weiterhin. „Das hat sich auch nur temporär angefühlt.“ Ganz anders 2001.

„Schon am nächsten Tag, da wollte ich in der PX an der Bahnhofstraße Geld holen, waren da jede Menge Militärfahrzeuge“, erinnert sich Dutro. „Ich weiß gar nicht, wo die plötzlich alle herkamen.“ Was sich außerdem in sein Gedächtnis eingebrannt hat, ist die enorme Solidaritätswelle, die den Amerikanern von deutscher Seite entgegenschlug. Da wurden Blumen an der Marshall-Statue an der Gernackerstraße niedergelegt und Kerzen aufgestellt. Und Dutro sprang über seinen Schatten: „Man hat uns immer eingebläut, dass man nicht demonstrieren soll“, erzählt er schmunzelnd. Als Garmisch-Partenkirchner aber wenige Tage nach den Anschlägen zu einem Friedensmarsch aufriefen, um ein Zeichen gegen die Gewalt zu setzen, lief auch er mit.

Paul Dutro spürt noch immer „große Angst bei vielen Amerikanern“

Dutro, der sich auf einem Sabbat-Jahr 1974 ins Werdenfelser Land verliebte und seither hier lebt, arbeitete 20 Jahre als Tourguide für das Armed Forces Recreation Center (AFRC), die Erholungseinrichtungen der US-Armee. Auch da hatte er viel Kontakt zu den Deutschen, schließlich brachte er seinen Landsleuten deren Kultur und Geschichte näher. Denkt er an die Jahre vor den Anschlägen vom 11. September zurück, „kann ich nur von der guten alten Zeit sprechen“. Seither spürt er eine große Angst bei vielen Amerikanern, „die immer noch da ist“.

Es hat sich viel geändert. Auf dem großen Spielplatz in der Breitenau tummeln sich nur noch amerikanische Kinder. Auch die Gassigeher, die durch die Housing-Area Richtung Herrgottschrofen gegangen sind, gehören der Vergangenheit an. . Noch im August 2001 habe es ein Gespräch von AFRC-Vertretern gegeben, wie man den Garmisch-Partenkirchnern höflich mitteilen könnte, dass sie die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner nicht auf dem Sportplatz und anderen Rasenflächen zurücklassen sollten. „Man wollte sie ja nicht verprellen, sie sollten sich doch willkommen fühlen“, sagt Dutro. Wenige Wochen später waren zumindest diese Überlegungen hinfällig.

Das Landkreiswetter

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