Ein Mann steht im Freien mit Maske auf einer Plattform und zeigt auf einen hohen Berg im Hintergrund.
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„Einer der schönsten Arbeitsplätze“: Seit zehn Jahren betreut Manfred Michel für die Bayerische Zugspitzbahn Gäste auf der Aussichtsplattform. Er informiert, redet gut zu, unterhält.

Ein besonderer Arbeitsplatz hoch über Garmisch-Partenkirchen

„Der Mann, der den Leuten die Höhenangst nimmt“: Manfred Michel, der Chef auf dem Alpspix

  • Katharina Bromberger
    VonKatharina Bromberger
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Die Bahnen fahren. Das Alpspix hat geöffnet. Damit ist auch Manfred Michel wieder im Dienst. Endlich. Die Aussichtsplattform und ihre Besucher – das ist seine Welt.

Garmisch-Partenkirchen – Auf dem Parkplatz hat Manfred Michel die Autos und ihre Fahrer eingewiesen. Damit da kein Chaos entsteht. Die Besucher hatte er im Griff, unter den Kollegen bei der Bayerischen Zugspitzbahn hat ihn, den „Manni“, bald jeder gekannt. Ihn und sein Organ, sein „eingebautes Megaphon“, wie er es nennt. Daran hat sich ein Spezl erinnert, als sie am Osterfelderkopf einen Gästeführer für die neue Attraktion suchten. „Manni“, haben sie zu ihm gesagt, „du kannst doch reden.“ Bewerbungsverfahren abgeschlossen. Seit 2011 arbeitet Michel am Alpspix.

Ja, reden kann er definitiv, der Manfred Michel. Auch als „Magic Manni“ bekannt. Das kommt aus seiner Zeit als Fußballspieler. Er, der gebürtige Unterfranke, der aus dem Nichts ein Tor schoss. 0:2 Rückstand. Michel kommt. Zack. Drin. Das Ganze zweimal. Ausgleich. Magic Manni hat geliefert. Später dann als Trainer. Station machte er bei Vereinen im ganzen Landkreis. „Fußball war mein Leben.“ Einiges hat er gelernt. Zum Beispiel, dass man den Spielern manches immer und immer wieder sagen muss. Das hilft ihm bei seiner Arbeit. Ständig erzählt er an der Aussichtsplattform hoch über Garmisch-Partenkirchen dasselbe, mehrmals am Tag. „Immer die gleiche Leier.“ Michel lacht, er meint’s durch und durch positiv. Denn er wiederholt sich gerne. Darf er doch über „diese Institution“ Alpspix sprechen. Und über alles Mögliche außen herum.

Herr über das Alpspix über Garmisch-Partenkirchen: Viele Informationen, viele Sprüche

Michel hat sich eingelesen, Fakten gesammelt. Natürlich über das Bauwerk selbst mit seinen zwei 25 Meter langen Stahlarmen, jeweils 30 Tonnen schwer, die auf 13 Metern Länge über den Abgrund ragen. Doch will Michel den Leuten mehr bieten. Er erzählt von der Geschichte von Garmisch-Partenkirchen, das 1935 zwangsvereint wurde. Von den Knappenhäusern und dem Bergbau im 19. Jahrhundert. Vom Bau der Seilbahnen. Alles mit lockeren Sprüchen garniert, alles auf Deutsch. Englisch beherrscht er kaum. „Ein paar Brocken.“ Hände und Füße dazu – dann klappt das wunderbar, sagt er. Doch wird der 61-Jährige da oben nicht nur als Geschichtenerzähler gebraucht.

Ein Psychologe, privat zu Besuch, hat ihn mal bei der Arbeit beobachtet und konnte fast nicht glauben, was er da sah. Angeblich hat er Michel ein Zertifikat verliehen: „Der Mann, der den Leuten die Höhenangst nimmt.“ Michel sagt nur: Ein bisschen zureden – und „ruckzuck hast du die Leute da vorne“. Manchmal dauert’s ein bisschen länger.

Als Dank gibt‘s Dresner Christstollen zu Weihnachten

Vor zehn Jahren kam eine Touristin aus Dresden. Das neu eröffnete Alpspix wollte sie unbedingt sehen. Aber bis nach vorne ans Geländer gehen? Niemals. Michel stand ihr bei. Sein Credo: „Männer mit Höhenangst begleite ich, Damen führe ich.“ Im „Tippelschritt“ bewegte sich die Dresdnerin vorwärts. 15 Minuten brauchte sie für die 13 Meter über dem Abgrund. Sie hat „gezittert wie Espenlaub“, die Fingernägel bohrten sich in Michels Arm. Aber: Sie stand ganz vorne und „war überglücklich“. Über Jahre schickte sie ihm danach zur Weihnachtszeit Dresdner Christstollen nach Garmisch-Partenkirchen.

Nicht jeder ist ein Alpspix-Fan. Am 4. Juli 2010 wurde die Aussichtsplattform eingeweiht. Es gab Applaus. Und Protest. Der auffälligste und medienwirksamste: Am Tag der Eröffnung erwartete Ausnahmekletterer Stefan Glowacz die feiernden Touristiker und Politiker frei hängend in einem Biwak, das er unter der Plattform befestigt hatte. Ein Banner ließ die Menschen wissen: „Unsere Berge brauchen keine Geschmackverstärker“. Nach wie vor sei das Alpspix umstritten, sagt BZB-Marketingleiter Klaus Schanda. Doch die meisten nehmen es ihm zufolge mittlerweile positiv wahr. Vor allem in seinem Haus. „Unsere Erwartungen wurden mehr als erfüllt.“ Die rund 300 000 Euro Baukosten haben sich demnach gelohnt. Auch wenn sich die reinen Alpspix-Besucher nicht herausfiltern lassen – es gibt kein gesondertes Ticket – sprechen die Zahlen doch für sich.

Alpspix über Garmisch-Partenkirchen: Fahrgastzahlen haben sich mehr als verdoppelt

Ohne die Attraktion fuhren laut BZB jährlich etwa 40 000 Gäste mit der Alpspitzbahn nach oben. Nach der Eröffnung haben sich die Zahlen mehr als verdoppelt und liegen seit 2011 bei etwa 100 000 Touristen pro Jahr.

Seit zehn Jahren kümmert sich Manfred Michel um die Besucher. Vor fast 38 Jahren kam er nach Garmisch-Partenkirchen. Er hatte eine Stelle als Koch angenommen. Koch hat er gelernt, Metzger auch. Auf dem Bau hat er gearbeitet, zudem als Maler und als Bierfahrer. Als Gästeführer aber am Alpspix, damit hat Michel „einen der schönsten Arbeitsplätze“ gefunden. Einen, der perfekt passt. Denn reden, das kann er.

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