Treppen können für ältere Menschen zu schwer überwindbaren Hürden werden.
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Treppen können für ältere Menschen zu schwer überwindbaren Hürden werden (Symbolbild).

„Doppelschock“ für ältere Mieter

Studie: Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen fehlen 3200 seniorengerechte Wohnungen - und sie sind zu teuer

  • Peter Reinbold
    VonPeter Reinbold
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Im Alter droht manchen Bürgern eine doppelte Hürde: Oft reicht die Rente nicht, um die Miete zu bezahlen. Zusätzlich sind die wenigsten Wohnungen im Landkreis Garmisch-Partenkirchen seniorengerecht. Einer Studie zufolge fehlen 3200 Stück.

Landkreis – Fast ein Viertel der deutschen Bevölkerung ist älter als 65 Jahre – Tendenz steigend: Statistiker rechnen bis 2060 mit einem Senioren-Anteil von rund 30 Prozent. Die meisten Menschen möchten im Alter so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben, das belegen Umfragen immer wieder. Dafür braucht es seniorengerechte Wohnungen mit stufenlosen Zugängen, breiten Türen, Haltegriffen und Platz für Rollator & Co. Das Problem: Wohnungen, die diese Anforderungen erfüllen, sind rar und teuer.

Landkreis Garmisch-Partenkirchen: In altersgerechten Wohnungen leben oft Familien

Ganz besonder trifft das auf den Landkreis Garmisch-Partenkirchen zu. Das stellt eine Studie des Pestel-Instituts mit Sitz in Hannover fest. Dessen Leiter Matthias Günther spricht von einem „Doppelschock für Mieter“, die älter werden: „Genug Geld fürs Wohnen und eine altersgerechte Wohnung – das sind die beiden Punkte, an die jeder Mieter schon frühzeitig denken sollte.“ Damit dies gelingt, komme vor allem ganz besonders den Vermietern eine hohe Verantwortung zu. Für den Landkreis nennt Günther ganz konkrete Zahlen: Die durchschnittliche Nettokaltmiete in Garmisch-Partenkirchen dürfe 8,50 Euro und in Murnau 8 Euro pro Quadratmeter im Monat betragen. In allen übrigen Kommunen liege die Obergrenze bei 7,50 Euro. Preise, die derzeit extrem übertroffen werden. Eine Erhebung des Immobilienportals Scout 24 kommt zu dem Schluss, dass im südlichen Bayern in der Spitze 13,90 Euro für den Quadratmeter aufgerufen werden.

Die Zahl der Wohnungen in der Region zwischen Mittenwald und Spatzenhausen, die als seniorengerecht gelten, bewegt sich nach Schätzungen des Pestel-Instituts, das sich als Dienstleister für Kommunen, Unternehmen und Verbänden versteht, bei maximal 1200. „Doch nur in rund der Hälfte der Seniorenwohnungen leben tatsächlich auch ältere Menschen. Altersgerechte Wohnungen ohne Schwellen und mit breiten Türen sind auch für Familien attraktiv: Wo Platz für einen Rollator oder Rollstuhl ist, kommt man auch mit einem Kinderwagen klar. Barrierearme Wohnungen bieten einen Wohnbonus – ein Luxusmerkmal fürs Wohnen“, sagt Günther.

Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Viel zu wenige Wohnungen für Senioren - negative Prognose

Der Bedarf an Seniorenwohnungen im Landkreis: enorm. „Aktuell ist von rund 3800 Haushalten auszugehen, in denen Senioren leben, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Ältere Menschen also, für die eine mindestens barrierearme Wohnung die Voraussetzung für ein möglichst langes eigenständiges Wohnen ist“, erklärt der Chef des Pestel-Instituts. Da nur rund 600 von ihnen heute schon in einer Seniorenwohnung leben, lässt sich der Bedarf sehr konkret benennen: Aktuell fehlen rund 3200 Seniorenwohnungen“, rechnet Günther vor.

Zu denen, die sich seit Jahren auf der Suche nach einer Wohnung befinden, die ihren Bedürfnissen gerecht wird und die bezahlbar ist, gehört Maria Schulte (76) aus Garmisch-Partenkirchen. Sie möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Die Scham, schief angeschaut zu werden, ist zu groß. Ihre körperliche Leistungsfähigkeit hat in den vergangenen Jahren abgenommen, das Treppensteigen entwickelt sich zunehmend zur Tortur, das Laufen fällt ihr schwer. Ihr Hausarzt hat zu einem Rollator geraten. Den könnte sie aber entweder in der Wohnung nutzen oder zu Einkäufen. „Ich bin nicht in der Lage, ihn die Treppen hoch oder runter zu bringen.“ Deshalb bemüht sie sich um eine seniorengerechte Wohnung. Bislang ohne Erfolg. „Ich bin schon von Pontius zu Pilatus gelaufen, aber es gibt nichts, das ich mir auch finanziell leisten kann“, sagt sie.

Zahl an Senioren mit eingeschränkter Mobilität steigt bis 2035 um 21 Prozent

Die Prognosen, dass Schulte in absehbarer Zeit, etwas Adäquates findet, bleiben schlecht. Der Mangel an Wohnungen für Ältere – die „graue Wohnungsnot“, wie ihn Experte Günther nennt – wird in den kommenden Jahren steigen: Wer in den 1960er-Jahren – im Babyboom-Jahrzehnt – geboren wurde, kommt demnächst ins Rentenalter. 2035, hat das Pestel-Instituts berechnet, wird es im Landkreis Garmisch-Partenkirchen bereits 4600 Haushalte geben, in denen Ältere mit eingeschränkter Mobilität leben – ein Plus von 21 Prozent. Auch deshalb drängt Günther darauf, im Zuge von Sanierungen möglichst immer auch einen Teil der Wohnungen seniorengerecht umzubauen.

Wenigstens etwas Hoffnung gibt es für alle, die suchen, aber nicht finden. Die Longleif gGmbH, die die 57 Millionen Euro verwaltet, die das Ehepaar Leifheit dem Markt Garmisch-Partenkirchen vermacht hat, baut auf dem Gelände des ehemaligen Zollamts, im nördlichen Teil des Grundstücks, eine Anlage mit 24 barrierefreien Wohnungen – davon sechs rollstuhlgeeignet – , in denen 30 bis 35 Personen leben können. Diese sollen vorwiegend an Senioren mit eher kleinem Budget vermietet werden. Der Bauantrag wurde im Dezember 2020 eingereicht, Ende Februar 2021 hat eine beauftragte Firma Rodungsarbeiten vorgenommen. Der Rohbau hat mittlerweile begonnen. Bis die ersten Mieter einziehen, dauert es sicher noch einige Jahre – und die 24 Wohnungen bedeuten nicht mehr als einen Tropfen auf den heißen Stein.

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