In puncto Impfen ist (v.l.) Dr. Kristina Ott, Marcel Hoffman, Dr. Christiane Quint und Dr. Alexandru Munteanu derzeit allerdings gerade nicht zum Lachen zumute.
+
Bleiben positiv: In puncto Impfen ist (v.l.) Dr. Kristina Ott, Marcel Hoffman, Dr. Christiane Quint und Dr. Alexandru Munteanu derzeit allerdings gerade nicht zum Lachen zumute.

„Jetzt steht alles und es kommt keiner mehr“

Große Corona-Impf-Flaute: Keine Anmeldungen mehr in Impfzentrum - Ärzte frustriert

  • Christian Fellner
    VonChristian Fellner
    schließen

Der Impf-Fortschritt im Landkreis Garmisch-Partenkirchen endet abrupt. Keine Anmeldungen mehr im Zentrum. Derweil tauchen die ersten Fälle mit der Delta-Variante auf.

Garmisch-Partenkirchen – Marcel Hoffmann spricht diesen Satz relativ locker aus, dafür, dass er im Grunde eine gewaltige Sprengkraft besitzt: „Wir sind bei Null!“ Null Anmeldungen für Erstimpfungen ab der kommenden Woche. Der Impffortschritt im Landkreis stagniert nicht nur, er ist auf einmal wie abgeschnitten.

Corona im Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Impffortschritt plötzlich wie abgeschnitten

Und das nicht nur im Impfzentrum am Alpspitz-Wellenbad, für das Hoffmann als Organisatorischer Leiter verantwortlich zeichnet. Vielen der niedergelassenen Ärzte geht es ähnlich. „Ich habe mit den Kollegen telefoniert, die ersten Praxen haben nächste Woche überhaupt keine Erstimpfungen mehr“, betont Dr. Kristina Ott, die ärztliche Corona-Koordinatorin. „Ihre Patienten haben die meisten durch, und das Interesse ist deutlich zurückgegangen.“

Frust macht sich breit. „Jetzt steht alles, wir haben Impfstoff, und es kommt keiner mehr“, sagt Hoffmann. Dr. Christiane Quint, die als Betriebsärztin fungiert, kann es auch kaum fassen. „Früher hätten die Leute alles stehen und liegenlassen.“ Laut Ott haben viele Fachärzte das Impfen bereits aufgegeben. „Für sie macht es keinen Sinn mehr.“ 50 Hausarzt-Praxen stehen aber immer noch bereit. Doch: Der Bedarf scheint gesättigt zu sein. Hoffmann geht ins Detail: „Wir haben Stand heute allen Registrierten ein Angebot unterbreitet, wir sind bereits in die Priorität 4.“ Damit ist die Aufhebung der Priorisierung, die ab heute an allen staatlichen Zentren fällt, sowieso kein Thema.

Impfstoff-Frust: „Wir haben Impfstoff, und es kommt meiner mehr“ - Ärzte rätseln, was mit Bürgern los ist

Die Mediziner rätseln, was mit den Bürgern im Landkreis los ist. „Wir wissen es nicht“, räumt Hoffmann ein. Er vermutet, dass es an den Lockerungen der Einschränkungen liegt. „Man braucht für den Urlaub jetzt vielerorts keine Tests mehr.“ Ott sieht noch einen anderen Grund. „Die Leute haben keine Angst vor den Folgen, speziell die Jüngeren. Die lassen sich nicht impfen, wenn sie keine Begünstigungen mehr bekommen.“

Dabei ist aktuell einer von zehn Corona-Fällen ein Longcovid-Patient. Quint zieht auch die Fußball-EM als schlechtes Beispiel heran. „Da fallen sich 44 000 Menschen in einem Virusvariantengebiet in die Arme.“ Es werde den Menschen so suggeriert, dass es Schutz nicht mehr brauche. „Da frag’ ich mich als Ärztin schon, warum ich das alles mache.“

Corona in Garmisch-Partenkirchen: Impfinteresse sinkt trotz Delta-Variante - „Die macht vor Landkreisgrenze nicht Halt“

Genau diesen Fokus verlieren die Doktoren trotz aller Störfaktoren nicht. „Wir haben jetzt die Delta-Variante im Landkreis“, betont Hoffmann. Die ersten zwei Fälle wurden Anfang dieser Woche registriert. „Die macht vor der Landkreisgrenze nicht Halt“, merkt Ott zynisch an.

Sie liefert aber noch ein Argument für Unschlüssige. „Der Herbst.“ Keiner wisse aktuell, wie sich die Lage entwickelt. „Kommt wieder ein Lockdown oder nicht?“ Dann könnten Geimpfte besser davonkommen als Verweigerer. Die Allgemeinärztin bangt um die Kinder unter zwölf Jahren. „Die wird es wohl treffen, weil es kein Impfangebot gibt.“ Quint ergänzt, „dass sich genau deshalb alle Eltern impfen lassen sollten“.

Neuer Corona-Lockdown wegen Delta-Variante? Ärztin bangt um Kinder - „Die wird es wohl treffen, weil es kein Impfangebot gibt“

Denn die Kinder könnten sich anstecken und das Virus weitertragen. Ott betont in dieser Hinsicht, dass einen bestmöglichen Schutz vor der Delta-Mutation erst die zweite Impfung garantiert. „Die erste Spritze schützt nicht.“ Ihr sei bewusst, dass die Impfung jetzt mit Urlaubsplänen vieler Menschen kollidiere, „aber genau deshalb sollten sie so schnell es geht beginnen“.

Aktuell gibt es im Grunde kein Warten mehr. „Wer sich meldet, erhält sofort einen Termin“, sagt Ott. Das unterschreibt Hoffmann auch fürs Impfzentrum. „Wer sich heute registriert, hat am nächsten Tag ein Angebot, einen Termin auszumachen.“ Bei der staatlichen Einrichtung geht es sogar so weit, dass ab nächster Woche sogenannte „Open-House-Zeiten“ eingeführt werden.

Montag bis Sonntag von 17 bis 19 Uhr (samstags zusätzlich von 8.30 bis 12.30 Uhr sowie 15.30 bis 19 Uhr) braucht es nicht einmal einen Termin oder eine Anmeldung, um sich Biontech oder Moderna – die beiden mRNA-Impfstoffe werden im Zentrum angeboten – injizieren zu lassen. Für Murnau gibt es die Möglichkeit dienstags und sonntags von 16 bis 17.30 Uhr.

Corona-Impf-Flaute: „Wir haben noch große Lücken“ - Betriebe werden nochmals angeschrieben

Eigentlich sind die Verantwortlichen mit den bisher erreichten Werten nicht unzufrieden. 53 Prozent Erstimpfungen, rund 40 Prozent bei den Zweitimpfungen. Bei der Gruppe Ü60 liegt die Quote bei rund 80 Prozent. „Aber wir haben noch große Lücken“, merkt Ott an. Diese seien bei den 19- bis 60- Jährigen zu finden. „Da fehlen rund 25 000 Menschen im Landkreis. Dazu kommen Bürger mit Migrationshintergrund.“

Um an diese Bevölkerungsschichten heranzukommen, sollen nun vor allem die Betriebe im Landkreis nochmals angeschrieben und ermutigt werden. „Die können sich gerne auch gleich einen Termin im Impfzentrum geben lassen“, sagt Quint als Betriebsärztin. Dort sind genügend Kapazitäten vorhanden.

Wichtig ist allen, dass das Impfen nicht aufhört: „Die Leute sollten zumindest mit einem Arzt darüber sprechen“, appelliert Quint. Auch, um nicht so manchem Schauermärchen zu verfallen.

Kontakt für Betriebe

Unternehmen können das Impfzentrum per E-Mail kontaktieren: impfzentrum@lra-gap.de

Die Partnachklamm in Garmisch-Partenkirchen ist einmalig. Ein Naturdenkmal, das jedes Jahr mehr als 300.000 Besucher anlockt: Vier davon kommen wohl nicht mehr zurück. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen GAP-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare