Ein Ort mit Geschichte: Martin Sielmann auf dem berühmten Balkon der Prager Botschaft, wo Hans-Dietrich Genscher 1989 die Wende einläutete. Auf einer Bronzetafel ist dessen Rede dokumentiert.
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Ein Ort mit Geschichte: Martin Sielmann auf dem berühmten Balkon der Prager Botschaft, wo Hans-Dietrich Genscher 1989 die Wende einläutete. Auf einer Bronzetafel ist dessen Rede dokumentiert.

Gemeinde- und Kreisrat Martin Sielmann (FDP) wechselt an Deutsche Botschaft in Prag

Die hohe Kunst der Diplomatie

  • Andreas Seiler
    VonAndreas Seiler
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Martin Sielmann, das Gesicht der FDP im Landkreis, versteht es, auf der politischen Bühne ins Rampenlicht zu treten. Diese Gabe mag mit seinem Beruf zusammenhängen: Der Liberale ist nämlich Diplomat und seit dem 1. Juli an der Deutschen Botschaft in Prag tätig – ein Ort, der Weltgeschichte schrieb.

Garmisch-Partenkirchen – Wer im höheren diplomatischen Dienst steht, muss damit leben, nie richtig sesshaft zu werden. Sielmann hat sich damit arrangiert, von seinem Dienstherrn, dem Auswärtigen Amt, herumgeschickt zu werden: „Das gehört zum Beruf“, sagt der 60-jährige Garmisch-Partenkirchner (verheiratet, eine Tochter). Dafür hat er schon viel gesehen von der Welt. Seine Laufbahn, die in den 1980er Jahren begann, führte ihn etwa nach Madrid, Brüssel, Tel Aviv und Luxemburg. Zuletzt war er in der Münchner Zentrale des Goethe-Instituts tätig. Jetzt wurde er erneut versetzt - in die Deutschen Botschaft in Prag.

Berühmte Balkonrede von Hans-Dietrich Genscher

„Es ist ein großes Privileg, hier zu arbeiten“, sagt Sielmann über seine neue Wirkungsstätte in der Hauptstadt der Tschechischen Republik. Die Behörde befindet sich im ehrwürdigen Palais Lobkowicz. Ein schmucker Barockbau, der im Spätsommer 1989 weltberühmt wurde, als dort Tausende DDR-Bürger Zuflucht suchten. Am 30. September überbrachte ihnen schließlich der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) die erlösende Nachricht – und läutete damit das Ende der DDR ein. „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“, lautete seine berühmte Rede. Die letzten drei Worte „... möglich geworden ist“ gingen unter im Jubel der Menschen, die seit Tagen, Wochen, einige sogar seit Monaten auf einen solchen Satz gewartet hatten, um dem Unrechtsregime zu entfliehen. Den Gartenbalkon, auf dem Genscher sprach, gibt es noch heute. Sielmann ließ sich dort für diese Serie fotografieren – und ist von Ehrfurcht erfüllt: „Da umweht einen der Hauch der Geschichte.“

Der FDP-Kommunalpolitiker, der sich bei der anstehenden Wahl um ein Bundestagsmandat bewirbt, ist hin und weg: Prag sei „wunderschön“, schwärmt er. Und die Tschechen seien „nett, offen und freundlich“. In der Deutschen Botschaft leitet Sielmann die Abteilung für Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Derzeit ist er unter anderem damit beschäftigt, die tschechischen Journalisten und deutschen Korrespondenten kennenzulernen. Eine Tätigkeit, die ihm Spaß macht, denn: „Ich bin gern bei der Presse.“ Doch solch ein Jobwechsel ist mit Strapazen verbunden. Sielmann lebte anfangs im Hotel. Erst kürzlich bezog er eine Wohnung – und will jetzt auch Tschechisch lernen.

Der überzeugte Bürgerrechtler stellt aber klar: Garmisch-Partenkirchen ist und bleibt sein Heimatort – auch wenn das Pendeln stressig ist. Die einfache Strecke mit dem Auto dauert etwa viereinhalb Stunden, wenn man es schafft, die Staus zu umgehen. „Das geht“, findet Sielmann, der lange Distanzen zum Arbeitsplatz gewohnt ist. Meist fährt er an den Wochenenden nach Hause ins Werdenfelser Land – sowie zu den Sitzungen des Garmisch-Partenkirchner Gemeinderats und des Kreistags. Seit 2014 gehört er diesen beiden Gremien an, um die Fahne für die FDP hochzuhalten. „Das ist Ehre und Auftrag“, betont er.

Kandidatur für Bundestag

Jetzt stehen die Zeichen auf Wahlkampf. Kürzlich erhielt Sielmann prominente Unterstützung: Auf dem Rathausplatz im Kreisort durfte er Christian Lindner, den FDP-Chef und Spitzenkandidaten der Liberalen, begrüßen. Sielmann erhofft sich viel von der Bundestagswahl am 26. September – und gibt sich selbstbewusst: „Die FDP will regieren und die FDP kann regieren“, sagt er, möchte aber über mögliche Koalitionen nicht spekulieren. Nur soviel: Armin Laschets (CDU) schwarz-gelbe Regierung in Nordrhein-Westfalen funktioniere bestens.

An regionalen Themen, mit denen der FDP-Mann punkten will, mangelt es ihm nicht. Zu seinem Forderungskatalog gehören etwa die zeitgleiche Fertigstellung des Auerberg- und Wanktunnels, der Bahnausbau, die Digitalisierung und die Wahrung der Bürgerrechte. Dass er von einigen als Chefkritiker wahrgenommen wird, der mituntern übers Ziel hinausschießt, lässt ihn kalt. Er liefere eben andere Perspektiven, findet der Freie Demokrat. „Das wird nicht immer gemocht, aber auch geschätzt.“ Und auch dem Image der FDP als Partei der Besserverdienenden kann Sielmann nichts abgewinnen. „Das ist doch Quatsch. Die Mitgliederstruktur ist quer durch.“ Der Volksvertreter empfindet sich sogar als soziales Gewissen, wenn es etwa darum geht, sich in einem Hochpreisort wie Garmisch-Partenkirchen für die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum stark zu machen. Und wie schätzt er die Chancen ein, sich als Direktkandidat im Wahlkreis Weilheim gegen den Favoriten Alexander Dobrindt (CSU) durchzusetzen? Sielmann ist ganz Diplomat: „Das entscheidet der Wähler.“

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