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Ausstellung zu Olympia 1936 in Garmisch-Partenkirchen: „Die Kehrseite der Medaille“ vor dem Aus?

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Von: Peter Reinbold

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Zwei Männer und eine Frau stehen in einer Ausstellung vor einer Tafel, die Frau in der Mitte zeigt darauf.
Wiedereröffnung der Ausstellung im Skistadion im Februar 2013: (v.l.) der damalige CSB-Bürgermeister Thomas Schmid, Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und Alois Schwarzmüller. © Thomas Sehr

Den Olympischen Spielen 1936 verdankt Garmisch-Partenkirchen seinen Weltruhm, den Nazis waren sie Mittel zum Zweck. Die Ausstellung „Die Kehrseite der Medaille“ versuchte, einen Kontext herzustellen. Allerdings ist fraglich, ob es die Ausstellung in der bisherigen Form weiter geben wird. Eine Ursachenforschung.

Garmisch-Partenkirchen – Der Online-Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ waren sie kürzlich eine große Story wert: die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen 1936, die vor 85 Jahren zwischen dem 6. und 16. Februar stattfanden. Der Sport, wie die Geschichte gezeigt hat, war bei dieser Veranstaltung allerdings dem nationalsozialistischen Regime nur Mittel zum Zweck.

Was der Öffentlichkeit meist nur als Wintermärchen in Erinnerung ist, vereinigt auch zahlreiche Schattenseiten, über die man in Garmisch-Partenkirchen lange Zeit den Mantel des Schweigens deckte – bis in die Gegenwart. Zum einen dienten sie der Zwangsvereinigung von Garmisch und Partenkirchen, zum anderen lieferten sie die Blaupause zu den Sommerspielen im selben Jahr in Berlin. Wer genau hinsah, dem blieb nicht verborgen, was Deutschland und den deutschen Juden in den kommenden neun Jahren drohte und passierte, obwohl der Propagandaapparat von Reichsminister Joseph Goebbels versuchte, der Welt ein anderes Bild zu zeichnen. Das Bild eines liebenswerten, weltoffenen Staats, der bereits drei Jahre nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler nicht mehr existierte. Für Alois Schwarzmüller (78) dokumentieren die Spiele von Garmisch-Partenkirchen eine Zeitenwende. „Sie waren der Moment, als die Politik erstmals die Macht über den Sport übernahm.“ Der ehemalige SPD-Gemeinderat und pensionierte Gymnasiallehrer hat sich lang und ausgiebig mit der braunen Vergangenheit seines Heimatorts beschäftigt und ist deshalb ein gefragter Gesprächspartner.

Charlotte Knobloch zur Ausstellung zu Olympia 1936: Verantwortung und echte Liebe zur Heimat

Zusammen mit Franz Wörndle, dem Archivar des Marktes, Josef Ostler und Peter Schwarz stellte er die Ausstellung „Die Kehrseite der Medaille“ zusammen, die erstmals im Zuge der Alpinen Skiweltmeisterschaften 2011 im Garmischer Kurhaus zu sehen war. Sie setzt die Olympischen Spiele und den Nationalsozialismus in einen Kontext. Ab 2013 fand sie eine Heimat im Ostflügel des Skistadions. Lobende Worte gab es bei der Eröffnung von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern. „Diese Verantwortung zu übernehmen ist der Ausdruck von echter Liebe zur Heimat.“

Das sahen und sehen bis heute nicht alle so. Die Idee eines Olympiamuseums, das die Nazi-Thematik wohl ausgeklammert hätte, verschwand in den Schubladen. Und auch den schönen Schein von Olympia 1936, dem Garmisch-Partenkirchen seinen Weltruhm verdankt, wollten sich manche Kreise nicht mit braunen Flecken besudeln lassen. CSU-Bürgermeister Toni Neidlinger – von 1978 bis 2002 im Amt – hat sich Schwarzmüller zufolge immer geweigert, eine derartige Auseinandersetzung zuzulassen. „Erst mit Bürgermeister Thomas Schmid hat sich ab 2010 etwas getan“, erinnert sich der ehemalige Studiendirektor. Vermutlich, sagt Schwarzmüller, allerdings aus Kalkül und auf Druck des Internationalen Olympischen Komitees. Zur Erinnerung: In dieser Zeit bewarb sich Garmisch-Partenkirchen zusammen mit München und Schönau am Königssee um die Austragung der Olympischen Spiele 2018, die dann an das südkoreanische Pyeongchang gingen. Ein weiterer Anlauf kam nicht zustande, weil ein Bürgerentscheid eine Bewerbung für 2022 verhinderte.

Ausstellung seit 2018 in der Versenkung verschwunden

Seit 2018, als im Olympiaskistadion die Sanierungsarbeiten begannen, die einen Abbau unumgänglich machten, ist die Ausstellung in der Versenkung verschwunden. Die Exponate lagern im Marktarchiv, die Erklärtafeln ruhen im Kindergarten Partenkirchen. Ob sie in ihrer bisherigen Form jemals wieder auftauchen – mehr als fraglich. „Das Wann und Wie steht in den Sternen“, sagt Wörndle. Zusammen mit Schwarzmüller und Schwarz – Josef Ostler hat sich zurückgezogen – hatte sich der Archivar im August des vergangenen Jahres dreimal mit Andreas Salsamendi getroffen. Der Geschäftsführer der Kölner Simple GmbH hat ein Konzept entwickelt, das im Skistadion eine Erlebniswelt entstehen lassen soll. Was Salsamendi plant, hört sich gut an und besitzt Charme. Im Erdgeschoss des Ostteils des hufeisenförmigen Areals will er die Ausstellung „Die Kehrseite der Medaille“ unterbringen. „Sie steht im Zentrum“, meinte er bei einer Präsentation im Oktober 2018 im Gemeinderat. Seitdem herrscht offenbar Stillstand. „Wir haben ein Konzept vorgelegt, es muss nur noch vollzogen werden“, erklärt Schwarzmüller im Tagblatt-Gespräch.

Woran’s hakt, dass sich nichts tut? Schwarzmüller vermutet zwei Ursachen. Der erste Grund: „So eine Ausstellung kostet Geld“, sagt er. Das ist knapp, weil sich die Sanierung des Skistadions als Fass ohne Boden herausgestellt hat. In der Gemeinde kursiert die Frage, ob man sich so etwas leisten könne, in Zeiten, in denen der Etat coronabedingt auf Kante genäht ist. „Eine bessere Ausstellung kostet mehr Geld“, meint Wörndle. „Das können wir uns bei der derzeitigen Haushaltslage nicht leisten“, räumt Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) ein. Deshalb hat sie das Salsamendi-Konzept auf Eis gelegt. Selbst die Rückkehr der Ausstellung ins Skistadion scheint auf der Kippe zu stehen. „Für mich ist auch ein anderer Ort denkbar“, sagt die Rathaus-Chefin.

Bürgermeisterin Koch hat offenbar wenig Gefallen an der „Kehrseite der Medaille“

Der zweite Grund: Es scheint so, als habe Koch wenig Gefallen an der „Kehrseite der Medaille“ gefunden. Allerdings nicht, weil sie leugnet, dass die Nazis in Garmisch-Partenkirchen Olympia die Unschuld raubten. Koch hat sich stets gegen Rechts positioniert und zum Beispiel die Alternative für Deutschland (AfD) bekämpft, die in einem Gasthaus im Ortsteil Partenkirchen häufiger ihr Spitzenpersonal auftreten ließ. Alexandra Roos-Teitscheid, Vizechefin der Grünen-Fraktion im Gemeinderat, fragte in der November-Sitzung Koch nach dem Stand der Dinge in Sachen Ausstellung. Roos-Teitscheid hält es für wichtig, dieses dunkle Kapitel aufzuarbeiten. Denn: „Das ist Teil der Geschichte von Garmisch-Partenkirchen.“ Dies sieht Koch genauso. Die Präsentation komme wieder, kündigte sie an. Allerdings plädierte sie für eine Neuauflage. „Das war ein Sammelsurium. Mir hat der rote Faden gefehlt“, kommentierte sie die Fassung von Schwarzmüller, Wörndle, Schwarz und Ostler. Zu dieser Ansicht steht sie weiter. Ihr Appell damals wie heute: „Machen wir es besser.“ Schwarzmüller und Wörndle sind von der Qualität ihrer Präsentation überzeugt und sehen „sehr wohl einen roten Faden“.

Mit ihrer Meinung steht Koch indes nicht allein. Mindestens ein Museumsprofi soll „Die Kehrseite der Medaille“ kritisiert haben. Wörndle zufolge hat sich eine Expertin eher unfreundlich geäußert. Bei der Ausstellung handle es sich ihrer Meinung nach um „hingepappte Flyer“. Deshalb gedenkt Koch, alles auf den Prüfstand zu stellen. Sie hat den Fall an den gerade installierten Kulturbeirat weitergereicht. Ihrer Meinung nach sollen „Leute drüberschauen, die Abstand zur bisherigen Ausstellung haben“.

Buch über Olympia-Ausstellung ist entstanden

Aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit wird „Die Kehrseite der Medaille“ auch dann nicht verschwinden, sollte ihr Ende besiegelt sein. Den Machern um Schwarzmüller ist es gelungen, 2016 ein Buch aufzulegen. Das 196-seitige Hardcover-Dokument, das über die Buchhandlungen Gräfe & Unzer sowie Adam und über die Tourist-Info vertrieben wird, konnte nur entstehen, weil sich mit der Frankfurter Ärztin Dr. Gabriele Rüdiger eine Sponsorin fand, die sich von der Ausstellung bei einem Besuch beeindruckt zeigte. Beim Rundgang war sie auf das Foto von Hans Pfundtner, Mitglied des Organisationskomitees der Spiele und damals noch Ehrenbürger des Marktes, gestoßen, – er war ihr Großvater. Sie zeigte sich „sehr berührt“ und konnte sich der Tatsache nicht entziehen, dass Pfundtner als Staatssekretär im Reichsinnenministerium auch an der folgenschweren Gesetzgebung mitgewirkt hatte und damit zum Täter geworden war.

Das Buch erwies sich nicht als Verkaufsschlager. Von den 2000 Exemplaren, Verkaufspreis 16,90 Euro, die gedruckt wurden, ruhen noch 250 in den Regalen. „Man hat es zu wenig beworben“, meint Wörndle.

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