Ein Frau packt in einem Laden ein Paket.
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Versucht alles, um ihre Winterware loszuwerden: Jacqueline Gruber packt Tüten für Kunden, die bestellte Artikel abholen. Andere Produkte verschickt die Geschäftsführerin auch.

Durchs Raster gefallen

„Ich bin am Verzweifeln“: Einzelhändler warten noch immer auf Corona-Hilfen

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
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Bald sind es zwei Monate, dass Einzelhändler wegen des harten Corona-Lockdowns schließen mussten. Die vollmundigen Versprechen, mit welchen Unterstützungen sie rechnen können, haben sich bislang nicht erfüllt.

  • Die Geschäfte haben seit 16. Dezember 2020 geschlossen, die Lager sind voll, staatliche Hilfen lassen aber auf sich warten.
  • Click-und-Collect-Angebot ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
  • Wirtschaftsministerium setzt auf Überbrückungshilfe III und verspricht den Einzelhändlern Unterstützung.

Garmisch-Partenkirchen – Die Lager sind voll. Warme Jacken, Skihosen, gefütterte Schuhe – das und vieles mehr stapelt sich bei den Einzelhändlern in Garmisch-Partenkirchen. Parallel dazu trudelt die Frühjahrsware ein und Lieferanten rufen an, um Bestellungen für den kommenden Herbst und Winter entgegenzunehmen. „Ich bin wirklich am Verzweifeln“, sagt Jacqueline Gruber. Seit 16. Dezember 2020 ist ihr Snowboard- und Skateboardshop an der Ludwigstraße geschlossen. Wie alle Einzelhandelsgeschäfte deutschlandweit. Die Fixkosten laufen derweil weiter. Und auch die Gehälter für ihre vier Angestellten, darunter ein Lehrling, muss die Geschäftsführerin von „Edge 2 Edge“ zahlen. Unterstützung vom Staat – bisher Fehlanzeige. „Wir sind komplett durchs Raster gefallen“, klagt Gruber.

Wie ihr geht es vielen Einzelhändlern. Seit bald zwei Monaten haben ihre Läden geschlossen, allein durch das Click-, beziehungsweise Call-und-Collect-Angebot können sie ihre massiven Umsatzeinbußen nicht auffangen. „Eine nette Sache“, meint Gruber, „die uns aber nicht weiter bringt.“ Ähnlich sieht’s Barbara Metzner: „Sehr aufwändig“, findet die Inhaberin von Schuh Wittmann diese Möglichkeit, doch noch etwas von der Winterware zu verkaufen. Auch in ihrem Lager stapeln sich Stiefel und andere warme Schuhe, auch sie hat bis auf Kurzarbeitergeld noch keine staatliche Hilfe erhalten. Ungenaue Informationen, insbesondere über die November-/Dezemberhilfe, und unerreichbare Hürden, um in den Genuss einer Förderung zu kommen, macht die Garmisch-Partenkirchnerin dafür verantwortlich.

Versprechen der Politik passen nicht zur Umsetzung

„Ziemlich chaotisch“ nennt Thomas Grasegger, Geschäftsführer des Trachten- und Modehauses Grasegger, das Vorgehen. „Die Ausführungsverordnungen sind meist unklar, sie kommen sehr spät und werden dann wieder geändert.“ Dabei stört ihn vor allem die gewaltige Diskrepanz zwischen den vollmundigen Versprechen der Politiker und der tatsächlichen Umsetzung. „Das passt einfach nicht zusammen.“ Deshalb hofft er bislang auch nicht auf die jetzt anlaufende Überbrückungshilfe III, „zu viel ist noch unklar“.

Damit tut er den Verantwortlichen Unrecht, findet ein Sprecher des Bayerischen Wirtschaftsministeriums. Das neue Förderprogramm sei schließlich eigens dafür ausgelegt, Betriebe für den Zeitraum November 2020 bis diesen Juni zu unterstützen, die durch den „harten Lockdown“ einen Umsatzeinbruch erlitten haben. „Dabei wird die Höhe nach den monatlichen Ausfällen gestaffelt“, verdeutlicht der Ministeriumssprecher das Vorgehen. Auf diese Weise würden bis zu 90 Prozent der betrieblichen Fixkosten erstattet. Die Anträge müssen die betroffenen Unternehmen über Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte oder Buchprüfer bis 31. August bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München oder Oberbayern stellen. „Doch eines ist klar“, betont der Sprecher, „diese Hilfen sind kein kompletter Ersatz der Kosten.“ Viele Einzelhändler gerade in den Innenstädten stehen trotzdem vor großen Liquiditäts- und Eigenkapitalproblemen.

Sorge, dass viele kleine Läden „still verschwinden“

Nachdem diese nicht wie der gebeutelte Handelsriese Galeria Karstadt Kaufhof mit Staatshilfen in Millionenhöhe rechnen können, denkt auch Grasegger, „dass etliche kleine Läden ganz still verschwinden“. Ein Szenario, das Metzner ebenfalls fürchtet. „Es wäre schlimm, wenn es dazu kommen würde.“ Der Staat solle endlich darauf schauen, dass der Handel zum Durchschnaufen kommt. Den Entscheidungsträgern aber auch den Kunden müsse bewusst sein, dass Steuern von den Geschäftsleuten vor Ort gezahlt werden, „nicht von den Anbietern im Internet“.

Dem kann sich Oliver Deby, Geschäftsführer von GoodStuffHockey an der Bahnhofstraße, nur anschließen. „Wir Einzelhändler sollten aus Solidarität zumachen, aber die Supermärkte und Discounter haben offen.“ Mit Blick auf deren enormes Angebot, das rein gar nichts mit Lebensmitteln zu tun hat, sieht er darin eine große Diskrepanz. „Völlig verrückt, das ist eigentlich ein Witz“, findet er. Auch Gruber versteht nicht, „warum Aldi und Co. Funktionskleidung und ähnliches verkaufen dürfen, die Einzelhändler aber auf Winterware sitzen bleiben“.

Für diesen Fall hat Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) Abhilfe versprochen. „Die Überbrückungshilfe III sieht eine Sonderregelung für Saisonware der Wintersaison 2020/2021 (Skier, Bekleidung et cetera) vor“, bestätigt der Ministeriumssprecher. Demnach können Warenabschreibungen zu 100 Prozent als Fixkosten angerechnet werden – „eine Sonderregelung für den Einzelhandel“. Wer schon vor dem Lockdown Einbußen verkraften musste, dem empfiehlt der Sprecher mit seinem Steuerberater Möglichkeiten zu prüfen, inwieweit er Anspruch auf Mittel aus der Überbrückungshilfe II hat. „Grundsätzlich ist auch für Umsatzeinbrüche vor November daran zu denken.“ Betroffen davon ist Deby, der seit September kaum etwas verkaufen konnte, „weil der Eishockey-Betrieb großteils seit September dicht ist“.

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