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Ihre rote Coca-Cola-Gondel gibt Katrin Ostermair-Maurer nicht her.

Countdown für ein Stück Ortsgeschichte

Eckbauerbahn: Sanieren? Verkaufen? Beides keine Option

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Sonntag, 7. Oktober 2018, 18.30 Uhr. Da endet die Geschichte der Eckbauerbahn in Garmisch-Partenkirchen. Nach fast 62 Jahren. Am Montag beginnen die Arbeiten für ihren Nachfolger. Statt Zweier- fahren künftig Sechserkabinen auf den Berg. Auch sonst verändert sich vieles.

Garmisch-Partenkirchen– Da fährt sie, ihre Gondel. Im Coca-Cola-Rot schwebt sie gen Berg. Katrin Ostermair-Maurer steht auf der Terrasse vor dem Olympiahaus und lächelt. Wie immer, wenn sie ihre rote Kabine sieht. „Dann weiß ich: Meine Bahn fährt.“ Allerdings nur noch bis Sonntag. Am 7. Oktober schließt sie (siehe Kasten). Für immer. Voraussichtlich im Mai 2019 wird zwar wieder eine Eckbauerbahn Besucher auf den Berg bringen. Mit Nostalgie wird diese nichts mehr zu tun haben. Eine Alternative zu einem Neubau mit Sechser- statt Zweier-Kabinen aber sah Ostermair-Maurer nicht.

„Mit Ach und Krach“ kam die alte Bahn zuletzt durch den TüV. Das Hauptproblem: Die alten Stützenfundamente brachen langsam. Nach fast 62 Jahren – am 23. Dezember 1956 ging die Eckbauerbahn in Betrieb – kein Wunder. Nun stand die Familie vor der Frage: Sanieren? Ein Himmelfahrtskommando. Verkaufen? Ein zu schmerzhafter Schritt. Neu bauen? Eine enorme Herausforderung. Für die sich vor allem ihre drei Söhne aussprachen.

Der älteste, Maximilian Ortner (32), arbeitet im Betrieb, bald als Stellvertretender Betriebsleiters. Sebastian (31) ist mit Julia Neuner verheiratet – ihr Vater betreibt den Beggasthof Eckbauer. Johannes (28), Landmaschinenmechaniker, hilft ebenfalls mit. „Da war ich gleich überstimmt“, sagt ihre Mutter und Bahn-Geschäftsführerin, die als Pächterin auch das Olympiahaus bewirtschaftet.

Am Montag startet das Großprojekt. Zur Investitionssumme äußert sich Ostermair-Maurer nicht. Sie betont nur: Weder Bauchschmerzen noch schlaflose Nächte begleiten sie. Nach zwei Jahren Planung will die 52-Jährige einfach loslegen.

Am 28. August bekam sie die Genehmigung. Für eine „zukunftsorientierte Lösung“, wie sie betont. Dazu gehört ein verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt. Die Eingriffe wollte sie „so gering wie möglich“ halten. Deshalb bleibt die alte Trasse bestehen, die jedoch erweitert werden muss.

Eine wichtige Rolle spielt zudem die Barrierefreiheit. Bisher befand sich der Einstieg im ersten Stock. Auch die Kabinen waren für Menschen im Rollstuhl kaum zu benutzen. Die neuen ermöglichen einen stufenlosen Einstieg. Zudem wird die alte Talstation weggerissen und weicht einem ebenerdigen Bau. Eine Fassade aus Holz, Stein und Glas ersetzt den gelben Anstrich sowie den grünen Schriftzug der Eckbauerbahn. Die Bergstation bleibt als Garage erhalten, ein Neubau kommt hinzu. Eine Grafik der neuen Gebäude will Ostermair-Maurer noch nicht veröffentlichen, auch das neu entwickelte Logo hält sie unter Verschluss. „Die Leute sollen sich ein Bild davon machen, wenn alles fertig ist.“

Sie werden ungewohnten Komfort erleben. Vorbei die Zeiten, in denen man nach einer Regenschauer pitschnass oben ausstieg. „Und das konntest Du dann auch nicht mehr mit Nostalgie schön reden“, sagt Ostermair-Maurer und lacht. Dasselbe gilt für meterlange Warteschlangen. Bis zu eineinhalb Stunden standen die Gäste an schönen Tagen an. „Das geht nicht.“ Künftig bringen 45 Sechser-Gondeln 570 Menschen pro Stunde auf den Berg – fast doppelt so viele wie bislang. Zudem werden neben Rollstuhlfahrern Familien samt Kinderwagen problemlos befördert. Ebenso wie Kindergarten-Gruppen. Ihnen blieb ein Ausflug ins Eckbauer-Gebiet bislang verwehrt. Zu viele Betreuungspersonen waren in den Kabinen nötig.

Maurer-Ostermair freut sich auf das Neue. Und wird das Alte vermissen. Daran hängen Erinnerungen.

Wie viele Erlebnisse Menschen mit der Eckbauerbahn verbinden, wurde der Garmisch-Partenkirchnerin bewusst, als sie eine Facebook-Aktion startete: Sie bot die 75 Gondeln zum Verkauf an. Weit über 150 Menschen meldeten sich mit persönlichen Geschichten. Mittlerweile sind alle Kabinen weg. Eine hat sich Katrin Maurer-Ostermair reserviert: Ihr Coca-Cola-rotes Exemplar wird sie im Garten aufstellen.

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