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Zu Besuch in Garmisch-Partenkirchen: (2.v.l) Hans Pfundtner, der Staatssekretär im Reichinnenministerium. 

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Nazi-Ehrenbürger: Es tut sich was

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Vergangenheitsbewältigung kann lästig sein. Vor allem, wenn es sich um ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte handelt. Die Ehrenbürgerwürden für Nazi-Größen zählen dazu. Das Internet-Nachschlagewerk Wikipedia führt in den Listen von Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald nach wie vor Männer der ersten Garde des Dritten Reichs – auch Adolf Hitler. Das soll sich ändern.

Landkreis– Dietramszell hat es 2013 getan, Tegernsee 2016. Die Stadt im Landkreis Miesbach hatte 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde aberkannt. Zu Lebzeiten hatte es Hitler in rund 4000 Städten zum Ehrenbürger gebracht. Dazu zählten auch Garmisch-Partenkirchen, Murnau und Mittenwald. Zwar taucht der Name des Diktators und seiner Helfer wie Hermann Göring, Adolf Wagner, Franz Ritter von Epp und Hans Pfundtner in den offiziellen Ehrenbürgerlisten beider Orte nicht mehr auf. Doch wer nach den Ehrenbürgern beider Marktgemeinden im Internet sucht, der stößt bei Wikipedia sehr wohl auf Pfundtner (Garmisch-Partenkirchen), der Staatssekretär im Reichinnenministerium hatte prominent an den Rassegesetzen mitgeschrieben, und bei Mittenwald auf Hitler, Wagner (NSDAP-Gauleiter im Gau München-Oberbayern) und Epp (Reichsstatthalter in Bayern). Während man in der Isartalgemeinde die während der Zeit des Nationalsozialismus ohne örtlichen Zusammenhang verliehenen Ehrenbürgerschaften an Paul von Hindenburg, Hitler, Wagner und Epp nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs als nichtig betrachtet, steht man in Garmisch-Partenkirchen auf dem legalistischen Standpunkt, dass die Ehrenbürgerwürde mit dem Tod erlischt und Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD) zufolge „Hitler und Pfundtner deshalb fehlen“.

Was verwirrt und die Erklärung ad absurdum führt: Bis auf Pfarrer Franz Sand sind die anderen 36 Honoratioren verstorben und dürften logischerweise damit nicht mehr aufgeführt werden. „Ein Einwand, der etwas für sich hat“, meint Meierhofer. „Vielleicht müssten wir eine Lösung finden.“ Ähnlich sieht es Robert Allmann, Kopf der SPD-Fraktion. „Das passt nicht zusammen.“

Thema seit 1945 in Garmisch-Partenkirchen noch nicht behandelt worden

Meierhofer steht nicht in dem Ruf, etwas für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte übrig zu haben. Ganz im Gegenteil. An der Umbenennung des Ritter-von-Halt-Stadions, das seit Juli 1958 den Namen des Präsidenten des Organisationskomitees für die Olympischen Winterspiele 1936 trug, war sie an vorderster Front beteiligt. Am 18. Juli 2006 wurde es in „Stadion am Gröben“ umbenannt. „Ich glaube, die Zeit war damals reif dafür“, sagt Meierhofer.

Für Elisabeth Koch ist die Zeit reif, dass sich auch jetzt was tut. „Die Dinge müssen aufgearbeitet werden. Dazu stehe ich“, sagt die CSU-Fraktionschefin. Die Anwältin hält es mit actio et reactio. „Wer eine Ehrung erhalten hat, dem darf der Gemeinderat sie auch wieder entziehen können. Auch posthum.“ Man müsse sich dem Thema stellen, sagt Allmann, „und die Angelegenheit korrigieren. Ganz egal, ob es unangenehm ist oder nicht.“ Dazu erwartet er Vorschläge der Gemeindeverwaltung.

In den Archiven des Marktes Garmisch-Partenkirchen findet sich kein Papier, dass sich der Gemeinderat seit 1945 jemals mit dem Thema Ehrenbürgerwürden von Nazigrößen auseinandergesetzt hat. „Trotz intensiven Forschens bin ich auf nichts gestoßen“, erklärt Archivar Franz Wörndle. Auch Alois Schwarzmüller, langjähriger SPD-Gemeinderat – er setzt sich seit vielen Jahren mit der Nazivergangenheit des Ortes auseinander und tut das heute noch – kann sich nicht erinnern, dass sich das Kommunalparlament in der Vergangenheit seit 1945 damit beschäftigt hat. „Ich kenne keine Sitzung.“ Wörndle und Schwarzmüller sind auch Autoren des Buches „Die Kehrseite der Medaille“, zu dessen Realisierung Dr. Gabriele Rüdiger, die Pfundtner-Enkelin, einen finanziellen Beitrag leistete.

Bürgermeister Hornsteiner setzt Thema auf Gemeinderats-Tagesordnung

Nägel mit Köpfen macht Mittenwalds Bürgermeister Adolf Hornsteiner (CSU). Vom Tagblatt mit den Tatsachen konfrontiert, dass Hitler und Konsorten noch in der Ehrenbürgerliste stehen, will er diesen Punkt in der Gemeinderatssitzung am Dienstag, 23. Mai, behandeln und in einem „symbolischen Akt“ die Ehrenbürgerwürden widerrufen lassen. So etwas nennt man eine prompte Reaktion auf ein drängendes Problem. „Wer Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat, kann nicht Ehrenbürger von Mittenwald sein“, sagt Hornsteiner. Er sieht sein Handeln „als wichtiges Signal in der heutigen Zeit“.

Nazi-Größen und fragwürdigen Personen der Zeitgeschichte Ehrenbürgerschaften abzuerkennen, ist für Jürgen Zarusky keine bloße Formalie. Zwar gelten diese mit dem Tod als erloschen, dennoch: „Die Gemeinde positioniert sich damit“, betont der Historiker, der am Institut für Zeitgeschichte in München arbeitet gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Der Bayerische Gemeindetag, die Interessenvertretung der Kommunen, rät zu einem Distanzierungsbeschluss. „So haben es schon viele Gemeinde gehandhabt“, sagt Sprecher Wilfried Schober. Verstorbenen könne man rechtlich keine Ehrenbürgerwürde aberkennen, da sie keine natürlichen Personen mehr sind.

Murnau wurde schnell aktiv

Reinen Tisch – zumindest in Sachen Adolf Hitler – hat Murnau bald nach Ende des 2. Weltkriegs gemacht. Bereits am 20. Juni 1945 strich der Markt, einst eine Hochburg des Nationalsozialismus, den Diktator. Mit Max Dingler, der 1923 am Hitlerputsch beteiligt und Mitglied der NSDAP war, tut sich Murnau nicht so leicht. Die Hauptschule in Murnau trug seinen Namen, wurde aber am 14. Juli 2011 in einem Eilverfahren mit Wirkung zum 1. August 2011 umbenannt. Auf der Ehrenbürgerliste befindet sich Dingler aber immer noch. Wenn er nicht würdig ist, dass eine Schule seinen Namen trägt, kann er unmöglich in einer Reihe mit verdienstvollen Männern wie Emanuel von Seidl oder James Loeb stehen oder genannt werden.


Höfl-Riesch: Keine Ehrenbürgerwürde für Ski-Legende

Maria-Höfl Riesch kann nicht mehr Ehrenbürgerin ihres Heimatortes werden.

Sie ist dreifache Olympia-Siegerin und mehrfache Weltmeisterin: Maria Höfl-Riesch. Die Skirennfahrerin hat durch ihre sportlichen Erfolge den Ruhm von Garmisch-Partenkirchen in der Welt gemehrt. Die Ehrenbürgerwürde hat sie trotzdem nicht erhalten – auch als die geborene Garmisch-Partenkirchnerin noch im Ort wohnte – und kann es auch nicht mehr werden. Die Kriterien verbieten es, weil die 33-Jährige mittlerweile in Kitzbühel lebt. „Ich finde es generell eine schöne Tradition, dass Garmisch-Partenkirchen, wie viele andere Orte auch, besonders verdienstvolle Bürger auf diese Weise ehrt“, sagt sie. „Allerdings haben sich die Kriterien und auch die Sichtweise auf das, was ehrungswürdig ist, im Laufe der Zeit immer wieder geändert.“ Wenn man heute zum Beispiel argumentiere, Rosi Mittermaier könne man nicht zur Ehrenbürgerin machen, weil sie nicht in Garmisch-Partenkirchen geboren wurde, so hatte das bei Richard Strauss offenbar keine Bedeutung. „Wie übrigens auch bei einem gewissen Hans Pfundtner nicht, der ebenfalls nicht aus Garmisch-Partenkirchen stammte, ein strammer Nazi war – er wurde früh NSDAP-Mitglied, war als Staatssekretär im Reichsministerium des Innern unter anderem an der Ausarbeitung der Nürnberger Gesetze beteiligt – , aber nach wie vor im Internet auf der Liste der Ehrenbürger steht. Jedenfalls wurde ihm die Ehrung nie aberkannt, sondern nur gesagt, dass das durch seinen Tod nicht notwendig sei.“ Immerhin durfte sich Höfl-Riesch schon mehrmals ins Goldene Buch eintragen. „Das ist ja auch eine schöne Ehrung“, sagt sie. „Aber noch wichtiger ist für mich, dass Garmisch-Partenkirchen meine Heimat ist und das in meinem Herzen auch immer bleiben wird. Hier bin ich groß geworden, hier leben meine Eltern, und hier habe ich zum Sport gefunden, dem ich vieles verdanke – und somit auch meinem Heimatort.“

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