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Schwindelfrei und vor allem trittsicher mussten die Arbeiter sein, die sich 1960 in der östlichen Baugrube aktiv waren.

Mitarbeiter erinnern sich an ihre Seilbahn des Herzens

Eibsee-Seilbahn: Wunderwerk der Technik

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Ihre letzte öffentliche Fahrt absolviert die Eibsee-Seilbahn am Sonntag, 2. April. Dann transportiert sie noch etwa eine Woche lang Arbeiter und Material auf Deutschlands höchste Baustelle. Was sie und ihre Nachfolgerin verbindet: Beide sind technische Meisterleistungen.

Spektakulärer Bau: die Bergstation der Eibsee-Seilbahn auf 2943 Metern Höhe.

Garmisch-Partenkirchen – Sie musste viele böse Worte erdulden. Frust der Gäste verkraften, wenn die Wartezeiten gar zu lange dauerten. Wer sie aber kennt, also richtig kennt, der gerät ins Schwärmen. „Sie ist ein technisches Wunderwerk“, sagt Günter Karl. Eines, das dem früheren Vorstand der Bayerischen Zugspitzbahn (BZB) und seinem Team „viel Freude gemacht hat“. Blickt man nur auf Antrieb, Steuerung und Co. sei die Eibsee-Seilbahn noch immer voll in Schuss. Deshalb schmerzt’s den Ingenieur auch, dass die Anlage nach knapp 54 Jahren ausgemustert wird. Der Grund: die Förderleistung. „Allein das ist das Problem“, bedauert der Grainauer.

Logisch, dass er an diesem Sonntag noch einmal mit seiner Eibsee-Seilbahn fährt. „Mit Wehmut“, sagt er. „Aber auch voller Freude auf die neue Bahn.“ Denn eines ist klar, diese wird ebenfalls „einmalig in der Welt“. Wie bei ihrer Vorgängerin gehen die Ingenieure, die die Seilbahn Zugspitze konstruiert haben, an ihre Grenzen. Der 75-Jährige spricht gar „von einer technischen Spitzenleistung“. Die braucht es auch, um künftig 120 Menschen pro Stunde statt wie bisher 44 auf Deutschlands höchsten Berg zu bringen.

Es gab auch Pannen

Auch wenn die Eibsee-Seilbahn, die am 14. Mai 1963 in Betrieb ging, bald Geschichte ist, unterstreicht Karl, „dass die Konstruktion noch heute herausragend ist“. Dazu gehören auch die Vielzahl technischer Innovationen wie Seillinie, Seilanordnung oder Laufwerke, „die es in dieser Kombination sonst nirgendwo gibt“. Insbesondere die extreme Seillinie mit knapp 4,5 Kilometern Länge und einem Höhenunterschied von beinahe 2000 Metern zählt der Techniker, der bis zu seinem Ruhestand 2002 als Vorstand der BZB fungierte, dazu. Ungewöhnlich ist zudem, dass die Distanz in einem Zug, das heißt ohne Zwischenstation, überwunden wird. Oberhalb der Stütze II ist der kritischste Punkt bei Sturm: „In den 54 Jahren ist es mehrfach passiert, dass eine Kabine an die Stütze gedrückt wurde“, erinnert er sich. Um zu verhindern, dass sich die Kabinen am Kreuzungspunkt berühren, hat die Bahn eine extreme Spurerweiterung – aus 7 Metern in der Talstation werden am Gipfel 24. „Auch das gibt’s sonst nicht“, sagt er. Aber es ist unerlässlich: Weil die Seile auf 2,6 Kilometern Länge, auf denen sie frei gespannt sind, stark schwingen könnten.

Das bekamen die Verantwortlichen des Bergbahn-Unternehmens zu spüren, als ein Tragseil entgleiste. Bei äußerst ungünstigen Wetterbedingungen habe sich ein regelrechter Eispanzer um das Metall gebildet, erzählt Karl. „Es war mehr als doppelt so dick und hat wie ein weißer Schlauch ausgeschaut.“ Schon das war ungünstig. Aber dann kam der Sturm, das Seil zum Schwingen und das Eis brach. „Durch die Entlastung, nachdem das irrsinnige Gewicht weg war, schnellte es nach oben und wurde aus dem Seilschuh katapultiert.“ Ein Wahnsinn. Das tonnenschwere Seil wieder in Position zu bringen, entpuppte sich als gewaltige Herausforderung. Stillstand bei der Bahn. Und die stand auch noch, als untersucht wurde, ob das Seil Schäden davon getragen hat.

Eibsee-Seilbahn „ist unser Leben“

Kennt die Bahn schon aus Studientagen: Günter Karl, der bis 2002 Vorstand der BZB war.

Es sind solche Momente, die sich fest in Karls Gedächtnis eingebrannt haben. Denn zu technischen Störungen kam es immer mal wieder bei dieser Bahn. Das liegt auch an der exponierten Lage. Wind und Wetter wirken direkt auf sie ein. Ein Problem, das zunächst niemand auf dem Schirm hatte, waren Lawinen. Als in den 1970er Jahren ein gewaltiges Schneebrett aus Richtung Riffelscharte abging, dachte keiner, dass die Stütze II dem nicht standhalten würde. Genau das ist aber passiert. „Mitgerissene Bäume haben so dagegen gedrückt, dass ihre Struktur massiv beschädigt wurde.“ Da galt es, tatsächlich Streben und einen Haupt-Ecksteil der Fachwerk-Konstruktion auszutauschen. Die Folge: Lawinenkegel und ein -damm wurden errichtet. „Danach war’s nie mehr nötig“, sagt Karl.

Die Momente, in denen nach einem solchen Dilemma, die Bahn wieder in Betrieb genommen werden konnte, hat er in guter Erinnerung. „Und dass nie Fahrgäste betroffen waren.“ Das betont auch Peter Langer, der seit 35 Jahren als Seilbahnmaschinist bei der BZB arbeitet. „Wir sind 54 Jahre unfallfrei gefahren. Zum Glück.“

Der Grainauer identifiziert sich mit der Eibsee-Seilbahn. Genau wie seine Kollegen. „Sie ist unser Leben“, unterstreicht der 58-Jährige. Verständlich, dass er dem letzten Betriebstag mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegensieht. „Bei der alten Bahn konnten wir noch viel selber machen, bei Revisionen rumtüfteln.“ Das fällt sicher weg bei der neuen Seilbahn Zugspitze. Dafür ist aber auch Schluss mit den langen Wartezeiten, an die sich Langer nur ungern erinnert. „Früher war das Gemotze schlimm.“ Mittlerweile seien die Gäste geduldiger. Und es kommen immer Besucher aus aller Herren Länder – aus dem gesamten arabischen und dem asiatischen Raum. Einer hat ihn besonders beeindruckt. Der Dalai Lama. Der für Buddhisten heilige Mann hielt im Schneefernerhaus einen Vortrag, war enorm unter Zeitdruck und schaffte es doch, Langers Hand zu schütteln. „Ein Höhepunkt“, sagt der gelernte Heizungsbauer.

Brautverziehen auf der Stütze

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge verabschiedet sich Peter Langer von der Eibsee-Seilbahn, mit der er 35 Jahre verbunden war. 

Ein weiterer passierte unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Brautverziehen auf Stütze II. Vorsorglich fragte er bei der Braut nach, ob sie diese Gaudi mitmacht. Hat sie. Und somit mussten Langer und seine Kollegen die Stütze erst einmal ordentlich putzen, schließlich sollte das weiße Kleid nicht schmutzig werden. Und so standen zehn Leute auf der Plattform, die einen Bräutigam in Empfang nahmen, „der ziemlich sparsam geschaut hat“. Für Langer und alle anderen, die eng mit der Eibsee-Seilbahn verbandelt waren, ist sie ein Wunderwerk. Eines, das sie bei aller Freude auf das Neue vermissen werden. „Hier an der Zugspitze haben wir den schönsten Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann“, betont der Grainauer. Nur bei 20 Grad minus und Schneesturm, wenn’s dann noch Schneeschaufeln heißt, zweifelt er kurz. Dann kann’s sein, dass auch ihm ein paar böse Worte auskommen.

Ein letztes Mal: Zur Zugspitze mit der Eibsee-Seilbahn

Daten und Fakten zur Bahn

Beförderte Gäste: 21,3 Millionen.

Zurückgelegte Kilometer: 3,034 Millionen, das entspricht 76 Mal um die Erde.

Zurückgelegte Höhenmeter: 1,32 Milliarden, das sind 148 762 Mal vom Meer auf den Mount Everest oder 3,42 Mal auf den Mond.

Strecke: 4453 Meter.

Talstation: 994 Meter über dem Meeresspiegel mit elektrischem Antrieb (maximal 710 PS), Spanngewichten (je 46,5 Tonnen für die Trag- und 26 Tonnen für die Zugseile) und Notstromdiesel (280 PS).

Bergstation auf 2943 Metern Höhe mit einer Zugseil-Umlenkung und den Tragseil-Verankerungen.

Stützen: zwei in Stahlkonstruktion – eine 65 Meter hohe in 1193, eine zweite 85 Meter hohe in 1475 Metern Höhe.

Kabinen: zwei aus Leichtmetall mit einem Fassungsvermögen von jeweils 44 Fahrgästen sowie einem Schaffner.

Fahrzeit: maximal zehn Meter pro Sekunden, das heißt eine Strecke dauert rund neun Minuten.

Förderleistung: maximal 260 Fahrgäste pro Stunde und Richtung. Seile: vier Tragseile (zwei je Fahrbahn) mit einem Durchmesser von 46 Millimetern und einem Gewicht von jeweils 60 Tonnen – übrigens sind noch immer die von 1963 im Einsatz; zwei Zugseile mit einem Durchmesser von 28 Millimetern und jeweils 30 Tonnen Gewicht, von denen fünf Garnituren im Lauf der Jahre verbraucht wurden.

Größte Spannweite: zwischen Stütze II und der Bergstation 2192 Meter horizontal und 2626 Meter in Schräglage.

Größte Höhe zwischen Kabine und Boden: 240 Meter.

Spurweiten: 7 Meter sind es in der Talstation, am Kreuzungspunkt der Kabinen 16 Meter und in der Bergstation 24 Meter.

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