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„Das einfache Leben macht den Spirit aus“: Die Oberreintalhütte ist ein magischer Ort für Kletterer

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Von: Tanja Brinkmann

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Eine Hütte in hochalpinem Gelände.
Ein Paradies für Kletterer: die Oberreintalhütte auf 1525 Metern Höhe. © Alpenverein

Sie ist eine Legende. Ein Paradies für Kletterer, in dem die Gemeinschaft großgeschrieben wird. Die Selbstversorger-Unterkunft der Alpenvereinssektion Garmisch-Partenkirchen im Oberreintal besteht seit 100 Jahren – und überzeugt heute noch junge und alte Kletterer durch ihre Einfachheit.

Garmisch-Partenkirchen – Manchmal half nur der Gartenschlauch. Den warf Sepp Dengg, Bergführer und von 1964 bis 1967 Hüttenwart im Oberreintal, frühmorgens an, wenn am Vorabend ein bisserl zu arg gefeiert wurde. Dann plätscherte es plötzlich auf dem Dach. Mit der Folge: Die Kletterer dachten, es regnet, und drehten sich im Matratzenlager noch einmal um. Ihre Tour starteten sie dann eben später – und vor allem gut ausgeschlafen.

Es gibt viele Geschichten, die sich um die Selbstversorger-Unterkunft auf 1525 Metern Höhe ranken. Seit 100 Jahren steht sie zwischen den gewaltigen Felswänden des Wetterstein-Massivs – als Ausgangspunkt für über 300 Kletterrouten vom vierten bis neunten Schwierigkeitsgrad.

Erste Pläne zum Hüttenbau im Oberreintal stammen von 1912

Die ersten Alpinisten waren schon viel früher im Oberreintal unterwegs. Charly Wehrle, der dort von 1979 bis 1984 als Hüttenwart der Alpenvereinssektion Garmisch-Partenkirchen fungierte, hat in seiner Chronik vermerkt, dass der Oberreintalschrofen wohl schon 1857 das erste Mal bestiegen worden war. Schriftliche Dokumente dieses Erfolgs gibt es nicht. Erst Anton Schmid aus München und der hiesige Bergführer Anselm Barth, die 1908 den Oberreintalturm über den später nach ihnen benannten Schmid-Barth-Kamin bezwangen, verfassten eine Beschreibung ihrer Tour. Schmid war Peter Anzenberger zufolge „einer der alten Haudegen, dem in dem Bereich etliche Erstbegehungen glückten“. Und er sorgte dafür, dass die Vielzahl an Möglichkeiten im Oberreintal bekannt wurde. Kein Wunder, dass beim Alpenverein Pläne reiften, dort eine Schutzhütte zu errichten. Auch vor dem Hintergrund, dass die Touren nicht an einem Tag bewältigt werden konnten. Allein der Weg zum Ausgangspunkt der Route war enorm. „Viele sind mit dem Radl aus München gekommen“, weiß Toni Bräckle. Er und Anzenberger sind die derzeit zuständigen Hüttenreferenten der hiesigen Sektion und haben etliche Zeitdokumente zusammengetragen, um die 100-jährige Geschichte auf mehreren Schautafeln darzustellen.

Ein historisches Bild von einem Mann, der Zither spielt.
Begeisterter Zitherspieler: der legendäre Franz Fischer, von dem das Oberreintallied und der -gruß stammen. © privat

„Die ersten Pläne 1912 wurden abgelehnt“, berichtet Bräckle aus der Chronik. „Da hat man die Notwendigkeit noch nicht erkannt.“ Auch der Naturschutz habe sicher schon damals eine Rolle gespielt, vermutet Bräckle. Eine wichtige Rolle spielt dabei Franz Fischer, der die Hütte von 1934 bis 1939 und 1948 bis 1953 bewirtete. Er prägte das Geschehen wie kein anderer. Von ihm stammen das Oberreintallied und der Gruß, den sich Kletterer heute noch zurufen. In den 1930er Jahren machte Fischer eine schöne, wilde Tour in den Wänden dort oben und tat am Ausstieg vor lauter Freude einen Schrei: „Hei, mi leckst am Arsch!“ Und weil Anderl Heckmair, wie der gebürtige Schlierseer vom Wettersteinmassiv besessen, nebenan ebenfalls gerade ausstieg, rief er fröhlich zurück: „Du mi aber aa!“ Damit, so will es die Legende, war der bis heute gültige Slogan, Gruß und Schlachtruf des Oberreintals geboren. Angeblich vergewisserte sich Fischer auf diese Weise auch, ob bei den Kletterern rings um seine Hütte alles in Ordnung ist, erzählt Bräckle. Es soll sogar Leute, die ihre Briefe und E-Mails mit der Kurzform „HmlaA“ unterzeichnen. Der Spruch steht zudem liebevoll geschnitzt auf der Bank vor der Hütte. Wem diese fünf Worte sofort etwas sagen, der verbindet damit schöne Erinnerungen an Kletterpartien und einen besonderen Ort.

Auf 1525 Metern Höhe ist das Leben ein bisschen stehen geblieben

Als solchen empfinden auch die aktuellen Hüttenreferenten das Oberreintal. „Das einfache Leben macht den Spirit aus“, sagt Anzenberger. Auf gut 1500 Metern ist die Zeit ein bisserl stehen geblieben. Einen Telefonanschluss gibt’s dort oben nicht. Auch kein Internet, nur Mobilempfang. Essen muss man selber raufschleppen. Nudeln oder ähnliches kocht der Hüttenwart – die hiesige DAV-Sektion spricht explizit nicht von einem Wirt. Alles, was bis 19 Uhr parat liegt, wird zubereitet. Und dann gemeinsam verzehrt. Getränke werden verkauft, angeliefert werden sie per Hubschrauber. Früher wurde alles raufgeschleppt. „Oft nur Wein und Schnaps, das war ergiebiger als Bier“, weiß Anzenberger aus alten Erzählungen. Holz gelangt immer noch im Rucksack zur Hütte. „Zur Hütt’n is nimma weit, lieber Kletterer nimm’ a Scheit“ – heißt’s am Abzweig unterhalb der Bockhütte. Logisch, dass man da zupackt, schließlich soll der Herd ja eingeschürt werden. Auch das prägt die Gemeinschaft.

Ein historisches Bild von einer Gruppe Menschen am Berg und einer Wasserleitung.
Wasser aus der Wolfsschlucht: Die erste Leitung zur Oberreintalhütte entsteht 1950. © Alpenverein

„Mit Holz, und danach auch mit Gas, wurde gefeuert“, erinnert sich Wehrle. 70 Jahre lang sei so Suppe gekocht, Schmarrn gebacken worden. „Kerzen und Petroleum gaben abends Licht.“ Mittlerweile sind die Holzscheite nur noch für den Herd nötig. Seit 1994 wird im Oberreintal die Kraft der Sonne und des Wassers genutzt. Die Planung dieser Kleinst-Insellösung – „damals steckte das ja noch in den Kinderschuhen“, sagt Anzenberger – kam von Franz Hoffmann, einem Siemens-Ingenieur, Kletterer und Daniel Düsentrieb aus München. Das Fraunhofer-Institut hat dieses vom Freistaat Bayern und den Isar-Amper-Werken geförderte Projekt zehn Jahre lang wissenschaftlich begleitet. Der Lohn: „Wir haben für die Versorgung der Hütte einen Umweltpreis bekommen“, betont Bräckle.

Arbeiten an der Hütte werden vom Alpenverein ehrenamtlich gestemmt

Als 1999, da hatte gerade Hans Bader übernommen, eine Lawine das alte gemauerte Klo wegriss, wurde 2000 ein Kompostklo mit Waschraum für den Hüttenwart gebaut. Wieder ein Meilenstein im Oberreintal. Wieder einmal einer, der belegt, wie sehr der Umweltgedanke dort zählt. „Diese Arbeiten passierten größtenteils ehrenamtlich“, sagt Anzenberger. Der damalige Hüttenreferent Werner Lindauer, der ihn und Bräckle dann als Nachfolger ins Spiel brachte, war der Motor. Auch das zeugt von der guten Gemeinschaft, dass es stets Freiwillige gibt, die sich für dieses Kleinod einsetzen.

In diesem Jahr endet im Oberreintal wieder eine Ära. Nach 22 Jahren. Bader, für den dieses „ein magischer Ort ist, der nicht nur durch die Landschaft, sondern auch durch die Menschen, die dort ein und aus gehen, entsteht“, hört auf. Wenn die Hütte am Pfingstsamstag, 4. Juni, wieder öffnet, kümmert sich Anja Härtl um alles. Dann kocht sie die mitgebrachten Nudeln der Kletterer und in der Früh Kaffee. Es ist das Ursprüngliche, das Einfache, das den Charme ausmacht. Den wollen Anzenberger und Bräckle auch für die nächsten Generationen erhalten.

Die Ausstellung

„100 Jahre Oberreintalhütte“ ist bis Sonntag, 29. Mai, im Werdenfelser Hof (Ludwigstraße 58) in Garmisch-Partenkirchen zu sehen. Interessierte sind samstags, sonntags und am Feiertag Christi Himmelfahrt, 26. Mai, ab 13 Uhr sowie an den Werktagen ab 17 Uhr willkommen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

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