Zwei Männer stehen vor einem Museum.
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Das Geburtshaus des Künstlers beherbergt seit 1973 das Museum Werdenfels, für das sich Leiter Josef Kümmerle (r.) und Dr. Lorenz Wackerle engagieren.

Ein etablierter Künstler beim Machtantritt der Nazis

„Ein guter Weg“: Suche nach einem Experten läuft, der Josef Wackerles Wirken im Dritten Reich untersucht

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
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Die Suche läuft – endlich. Ist ein Experte gefunden, der Professor Josef Wackerle und sein Wirken im Dritten Reich wissenschaftlich aufarbeitet, steht einer erneuten Präsentation seiner Werke im Museum Werdenfels in Garmisch-Partenkirchen nichts mehr im Weg. Ein Vorgehen, das alle Beteiligten überzeugt.

  • Die Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern sucht jetzt einen Experten, der Wackerles Wirken im Dritten Reich aufarbeitet.
  • Die Werke des Künstlers werden erst inventarisiert, dann wissenschaftlich aufgearbeitet und schließlich wieder im Museum gezeigt.
  • Marktgemeinde hat auch ein großes Interesse an der Aufarbeitung, weil Josef Wackerle doch Ehrenbürger ist.

Garmisch-Partenkirchen – Jetzt ist die Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern am Zug. Die sucht einen Kunsthistoriker, der sich mit Professor Josef Wackerle und seiner Rolle im Dritten Reich beschäftigt. Das ist das Ergebnis eines Treffens von Dr. Dirk Blübaum, dem neuen Leiter der Landesstelle, Dr. Christof Flügel, der ebenfalls erst seit Kurzem für den Landkreis zuständig ist, und Josef Kümmerle, dem Leiter des Museums Werdenfels. „Ein guter Weg“, findet Kümmerle. Corona-bedingt konnten Dr. Lorenz Wackerle, der Enkel des Künstlers, und seine Frau Dr. Gisela Wackerle nicht an dem Termin teilnehmen. Mit ihnen wurde am Montag allerdings ein separates Treffen ausgemacht.

Die jüngste Entwicklung beurteilen die Wackerles positiv. Endlich kommt Bewegung in eine Sache, die sie seit 2018 beschäftigt. Damals wurde Wackerle aus dem Museum, das seit 1973 in seinem Geburtshaus untergebracht ist, verbannt. Im Zuge der Erweiterung und Umgestaltung wurde eine Aufarbeitung seines Wirkens während des Nationalsozialismus gefordert. Der Landkreis, als Träger des Museums, sah hier die Familie am Zug. Die aber fühlte sich von dieser Aufgabe überfordert.

Bedeutender Künstler: Professor Josef Wackerle aus Partenkirchen, hier im Jahr 1930.

Das ist nun vom Tisch. „Ich finde es gut, dass sich jetzt die Landesstelle dahinterklemmt“, sagt Gisela Wackerle. „Die hat ganz andere Möglichkeiten, jemanden zu finden.“ Genau deshalb habe man sich für dieses Vorgehen entschieden, bestätigt Flügel. Er betrachtet die Angelegenheit ganz nüchtern, will jegliche Emotionalität herausnehmen. Das Schaffen des Künstlers sieht er als „historische Quelle, die sauber aufgearbeitet werden muss“. Zunächst sollen ihm zufolge die Exponate im Museum und auch die Sammlung, die noch im Besitz der Familie ist, inventarisiert werden. Der nächste Schritt ist dann die wissenschaftliche Aufarbeitung von Wackerles Wirken. Zur Erinnerung: Der Partenkirchner war bei der Machtergreifung der Nazis bereits 53 Jahre alt und längst ein etablierter Künstler. Seine Werke fanden Anklang bei der neuen politischen Elite. Sicher auch ein Grund, warum Wackerle Staatsaufträge erhielt. Der Neptunbrunnen im Alten Botanischen Garten in München ist einer davon. Der andere: die Rosseführer am Marathontor am Berliner Olympiastadion. Ist das und sein weiteres Schaffen im Dritten Reich aufgearbeitet, geht es um die künftige Präsentation seines Werks im Museum Werdenfels. Drei bis fünf Jahre, schätzt Flügel, dauert das Ganze.

Ausstellung über die „Gottbegnadeten“ im Deutschen Historischen Museum

Den Zeitpunkt, jetzt damit zu beginnen, findet er richtig. Das Deutsche Historische Museum in Berlin bereitet gerade die Ausstellung „Die Liste der ,Gottbegnadeten‘ – Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik“ vor. Wackerle und auch der Komponist Richard Strauss, der 1908 in Garmisch-Partenkirchen seine Wahlheimat fand, zählen zu den 378 Künstlern, die 1944 von Adolf Hitler und Joseph Goebbels als gottbegnadet gelistet wurden. Sie galten als „unabkömmlich“ und blieben vom Front- und Arbeitseinsatz verschont. Bis auf wenige Ausnahmen arbeiteten sie auch nach 1945 in der Bundesrepublik. Sie übernahmen Lehrtätigkeiten, beteiligten sich an Preisverleihungen und Wettbewerben, erhielten Aufträge aus Politik und Wirtschaft und produzierten vielfach Kunst im öffentlichen Raum. Wie Wackerle. Ein sehr schönes Beispiel für sein spätes Wirken sieht Gisela Wackerle in seinem Three-Fates-Brunnen (Nornenbrunnen) in Dublin – wieder ein Staatsauftrag. „Ein herausragendes Werk“, meint sie. Die drei Schicksalsgöttinnen spinnen, messen und schneiden den Lebensfaden, der nach antikem Glauben die Götter mit den Menschen verbindet. Die Bundesrepublik stiftete diesen Brunnen 1953 als Ausdruck der Dankbarkeit für die vom irischen Volk nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geleistete Hilfe.

Hat Spuren hinterlassen: In der Wallfahrtskirche St. Anton hängt dieses Bild von Josef Wackerle, das Michael Kardinal von Faulhaber 1946 geweiht hat.

Auch das fließt sicher ein in die anstehende Aufarbeitung. Noch ist nicht klar, was diese kostet. Der Landkreis als Träger wird diese beauftragen. Zuschüsse kommen außerdem von der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern und der Gemeinde, deren Ehrenbürger Wackerle schließlich ist. Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) ist erleichtert, dass endlich „eine gute Lösung“ gefunden wurde, um Wackerle in absehbarer Zeit wieder in seinem Geburtshaus ausstellen zu können.

Dafür nimmt Flügel aber auch die Familie in die Pflicht. Er findet, dass sie sich auch an dieser Mischfinanzierung beteiligen muss. Gesprochen wurde darüber noch nicht. „Wir leisten gerne Hilfe mit unserem Wissen und unserem Archiv“, betont Gisela Wackerle. „Über eine weitere Beteiligung ist noch nichts entschieden.“

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