Eine Frau sitzt vor einer Kupferfläche und liest, im Hintergrund hören einige Menschen zu.
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Aus einem selbst verfassten Brief an Hermann Levi liest die Künstlerin Franka Kaßner bei der Präsentation.

Künstlerin schafft neues Grabmal

„Das war würdelos, ich wollte sie retten“: Endlich angemessene Grabstätte für Garmisch-Partenkirchens Ehrenbürger Levi

  • Tanja Brinkmann
    VonTanja Brinkmann
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Würdevoll, dieses Wort fällt häufig bei der Präsentation von Hermann Levis Grabstätte. Die Münchner Künstlerin Franka Kaßner hat diese in eine Decke aus Kupferschuppen gehüllt und damit einen ganz besonderen Platz geschaffen. Einen, der dem Ehrenbürger von Garmisch-Partenkirchen angemessen ist.

Garmisch-Partenkirchen – Es knirscht. Raschelt und klappert. Jeder Schritt auf den kleinen Schieferplatten erzeugt einen anderen Ton. Wer sich dem Grabmal von Hermann Levi nähert, taucht ein in die Welt des Klangs. Genau diesen Effekt wollte Franka Kaßner erzeugen. Die Künstlerin aus München hat die letzte Ruhestätte des Dirigenten, einem der bedeutendsten des 19. Jahrhunderts, in ein ganz besonderes Kunstwerk verwandelt. Eines, das dem „hochverehrten Freund aus einer anderen Zeit“ würdig ist. Eines, das ihm nach Jahrzehnten, in denen seine Wohltaten für Partenkirchen in Vergessenheit geraten waren, auch gebührt. Eine Kupferdecke, geschaffen aus einzelnen Schuppen, von denen jede eine Note aus Levis „Der letzte Gruß“ darstellt, umhüllt das Grabmal an der Karwendelstraße.

Haben sich um Levi verdient gemacht: (v.l.) Dr. Sigrid Meierhofer, Charlotte Knobloch und Elisabeth Koch.

Noch gut erinnert sich Kaßner, die schon als Kind Levis Briefwechsel las und sich diesem seither verbunden fühlt, an den ersten Blick auf die verkommene Grabstätte: „Das war würdelos, ich wollte sie retten.“ Genau das ist ihr gelungen. Ein Glücksfall, dass ausgerechnet sie, die sich intensiv mit dem jüdischen Ehrenbürger (1839 bis 1900) von Garmisch-Partenkirchen beschäftigt hat und sich ihm verbunden fühlt, den Zuschlag für die Neugestaltung der Anlage erhielt.

Altbürgermeisterin Meierhofer über Levis Grad: „Habe das Thema als mein Erbe angesehen“

Darin sind sich alle einig, die am Freitag die Präsentation verfolgen. „Ein berührendes Kunstwerk“ urteilt Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU), die vor allem ihre Vorgängerin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD) als unermüdliche Kämpferin für Levi hervorhebt. Gegen alle Widerstände hat sie es geschafft, dass die Gemeinde das betreffende Areal im Tausch von Grundbesitzer Ecko Eichler erhielt und, dass darauf eine würdevolle Gedenkstätte für den vergessenen Ehrenbürger entstanden ist. Dieses Lob wollte Meierhofer nicht allein für sich beanspruchen. Sie erinnerte daran, dass ihr Vorgänger Thomas Schmid (CSB) bereits versucht hatte, einen Teil der Hindenburgstraße nach Levi umzubenennen. Das Ansinnen war gescheitert. „Daher habe ich das Thema als mein Erbe angesehen.“

Eines, dem sie sich Charlotte Knobloch zufolge als sehr würdig erwies. „Sie haben’s angefangen, Frau Koch hat’s jetzt beendet“, sagt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Dafür zeigt sie sich dankbar. Und auch für „Kaßners schönen Entwurf, die sich wirklich in Levi und sein Schaffen hineinversetzt hat“. Sie hofft, dass das Wochenende nicht die letzte Ehrung für den großen Dirigenten, der sich vor allem für junge Talente, darunter auch Richard Strauss, eingesetzt und sogar den erklärten Antisemiten Richard Wagner von seinem Können überzeugt hat. „Sie, lieber Kirill Petrenko, den wir so bewundern, halten das Andenken an Hermann Levi aufrecht“, wendet sich Knobloch an den früheren Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, der jetzt Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker ist. Auch er habe sich massiv dafür eingesetzt, dass Levi endlich eine würdevolle Grabstätte erhält.

„Wie eine Schutzrüstung“: Das Kunstwerk an Levis Grabstätte

„Wie eine Schützrüstung“ – so beschreibt Petrenko, der am Abend das Levi-Gedenkkonzert dirigiert, das Kunstwerk. Der Künstlerin flüstert er zu, dass „es so schön geworden ist“. Jetzt wage sicher niemand mehr, etwas wegzutragen. Das sagt er sicher in Anspielung auf die Schändung des Mausoleums durch die Nationalsozialisten. Und den Abbruch, der 1957 mit Einverständnis der Gemeinde erfolgt war. Auf eine lange Zeit voller Wunden folge jetzt „die einträchtige Heilung“, sagt Knobloch. Für sie ein würdiger Abschluss einer Geschichte, die auch sie belastet hat.

Da ging’s ihr wie Kaßner, die auf einem Stein vor der Kupferdecke sitzend, ihr Kunstwerk erklärt. Das tut sie auf eine sehr berührende, persönliche Weise. In einem Brief, den sie an ihren „hochverehrten Freund“ Levi geschrieben hat. Er möge ihr den Zaun verzeihen, sagt sie. Diesen, „voll fragiler Melancholie“, sieht sie als Schutz der Intimität, will damit Levi aber keinesfalls isolieren. Durch die neue Grabstätte bekomme der Dirigent in seiner Wahlheimat endlich die Aufmerksamkeit, die ihm zusteht. Kaßner, ist schon jetzt gespannt, wie sich die Kupferschuppen im Lauf der Jahre verwandeln. Und welche Stimmungen sie bei den Betrachtern erzeugen, die erst die Klänge der Schieferplatten erlebt haben

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