Verkehrte Welt am Skihang? – Der E-Ski soll den Wintersport revolutionieren
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Verkehrte Welt am Skihang? – Der E-Ski soll den Wintersport revolutionieren.

Brauchen wir bald keinen Lift mehr?

E-Ski: Diese Idee könnte den Wintersport revolutionieren

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Folgt auf das E-Bike der E-Ski? Wenn es nach dem Tüftler Rupp Grasegger geht, schaffen es Tourengeher bald ganz ohne Lift oder Schwitzen auf den Berg – dank Skiern mit Elektroantrieb.

Garmisch-Partenkirchen – Vor seinem Fenster sieht Rupp Grasegger sie schon über den Hang pretschen, die Skifahrer an der Eckbauer-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen. Die Piste ist zwar derzeit sommergrün, aber das ist nicht das einzige, worin sich Vision und Wirklichkeit unterscheiden: Vor Graseggers geistigem Auge fahren die Skifahrer bergauf. Ganz ohne Lift.

Der 79-jährige Heizungsbaumeister ist überzeugt, dass er das nächste große Ding in Sachen Elektromobilität erfunden hat: den E-Ski. Die Idee kam ihm, als er den Tourengehern zusah, wie sie sich die Piste hinaufplagten. Grasegger musste an die Radfahrer-Scharen denken, die sommers mit elektrischem Rückenwind die Almwege erkunden. „Wisst’s“, sagt er, „beim Skifahren wird das genauso sein, dass einer sagt: Heute mag ich mich nicht so plagen.“ Wenn der dann im Winter auf die Alm will, schaltet er den Elektroantrieb zu und fährt die 1000 Höhenmeter schweißfrei rauf. So einfach ist das.

Der Erfinder: Rupp Grasegger am Schreibtisch.

Und doch wieder nicht: Drei Jahre tüftelte der Garmisch-Partenkirchener, bis aus der Idee ein Patentantrag wurde. Massig Modellzeichnungen landeten zerknäuelt im Papierkorb, in seiner Kellerwerkstatt fräste er Antriebswalzen und probierte Steuerungsplatinen. Immer mit der Sorge: Hoffentlich kommt kein anderer vor ihm drauf. „Ich habe mich mit keinem darüber unterhalten“, erzählt er heute. „Wenn du das einem Skihersteller erzählst, holt der sich das Patent.“ Jetzt darf er reden, denn inzwischen ist der Aktendeckel drauf: DE102017102275B3 heißt das Patent, von dem sich Grasegger nicht nur eine Revolution im Skisport, sondern natürlich auch ein gutes Geschäft verspricht.

Es ist übrigens nicht das erste: Mit seinem „Heizmobil“, das ein Haus mit Wärme versorgt, während die verbaute Heizung repariert oder ausgetauscht werden muss, verdient er sein Geld. Und sein „Quadro-Ring“, ein Anschluss-Flansch, mit dem Hauseigentümer unkompliziert Heizkörper nachrüsten können, ist nach eigener Aussage weltweit in vielen Heizanlagen verbaut. 80 000 Euro habe ihm ein ostfriesischer Geschäftsmann dafür gezahlt, erzählt Grasegger.

Teures Patent: Müssen sich Skilift-Betreiber Sorgen machen?

Der E-Ski sollte mindestens so viel einspielen. Denn das Patent kam den Erfinder teuer: fast 60.000 Euro an Anwalts- und Entwicklungskosten habe er vorgestreckt. Dabei existiert der E-Ski bisher nur auf dem Papier. Ob Skiliftbetreiber sich bald ernsthaft Sorgen um ihr Geschäft machen müssen, hängt davon ab, ob es zu einem funktionierenden Prototypen reicht. Einen solchen zu bauen oder den E-Ski gar selbst in Serie herzustellen, hat Grasegger nicht vor. „Wisst’s“, sagt er, „das würde unheimlich viel Geld kosten“. Der 79-Jährige hofft, dass die Skiindustrie auf die Idee anspringt.

Überraschend: Der günstigste Skiort Europas - und der teuerste

Ob die Antriebsrolle aus Plastik, Stahl oder Aluminium ist – Grasegger zuckt mit den Schultern. „Das ist eigentlich gleich.“ Hauptsache, der E-Ski basiert auf seiner Vorgabe: Vor jedem Skischuh klafft eine rechteckige Aussparung im Ski, durch die eine geriffelte Antriebswalze in den Schnee greift. Der Elektromotor samt Batterie – insgesamt nicht schwerer als anderthalb Kilo pro Ski, sagt der Erfinder – sitzt auf dem Brett. Im einen Skistock ist der Gashebel verbaut, geformt wie ein Pistolenabzug. Im anderen Stock sowie am Skischuh gibt es einen Not-Aus-Knopf. „Wenn es einen schmeißt“, sagt Grasegger. Bei 28 Sachen, die er sich als Maximalgeschwindigkeit vorstellt, durchaus denkbar.

Die Erfindung: Dank einer Antriebswalze soll der E-Ski mit bis zu 28 km/h bergauf fahren.

Ist das eigentlich noch Sport? „Ja!“, bekräftigt der Erfinder. Man müsse ja nicht immer gleich den ganzen Berg hinauffahren. „Es kann ja auch die Unterstützung für den letzten steilen Buckel sein“, findet er. Vernunft und sportlicher Ehrgeiz des Skifahrers sind also gefragt. Nicht, dass sich noch wer auf der Langlaufloipe von der Zugluft den Tod holt, wenn er elektrogetrieben mühelos durch die Kälte gleitet.

Zielgruppe für den E-Ski sind Junge wie Alte. „Das ist wie beim Radl“, sagt Grasegger. „Beim einen geht es früher an, beim anderen später.“ Der 79-Jährige sportelt winters mehrmals die Woche auf der Piste oder in der Loipe. Er würde sofort auf den Elektro-Ski umsteigen, wenn es ihn denn schon gäbe. „Einer, der mit dem Alter nicht mehr so kann, kommt zu Plätzen, die er sonst sein Leben nicht mehr sehen würde“, sagt er. Und denkt an die Skitour hinauf zum königlichen Jagdschloss am Schachen, das über Garmisch-Partenkirchen auf 1866 Metern Höhe im Wettersteingebirge thront. Dieser Anstieg ist ihm mittlerweile zu steil. „Wisst’s“, sagt Rupp Grasegger, „wenn der E-Ski fertig ist, fahre ich mit meiner Frau da einfach rauf“.

Update vom 26.10.2018: Beim Ski Weltcup gibt es noch keine E-Ski, hier erfahren Sie wo Sie den Auftakt des Ski-Weltcup in Sölden sehen können.

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