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Mann erlegt Muttertier: „Pures Entsetzen“ bei Tierschützern und Jägern nach Urteil - Shitstorm für Richter

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Von: Katharina Bromberger

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Ein Jäger hat ein Muttertier geschossen. Das Gerichtsurteil sorgt für gehörig Wirbel.
Ein Jäger hat ein Muttertier geschossen. Das Gerichtsurteil sorgt für gehörig Wirbel. © dpa (SYMBOLFOTO)

500 Euro und das Wort „Ordnungswidrigkeit“ sorgen für einen Aufschrei unter Tierschützern und Jägern. Damit kam ein Garmisch-Partenkirchner davon, der ein Muttertier erlegt hat. Für den Richter ließ sich keine Straftat nachweisen.

Garmisch-Partenkirchen – Diese eine Sache wollen Jäger unbedingt vermeiden. Es ist „das Schlimmste, was man machen kann“, sagt Johann Geisslinger, Vize-Vorsitzender der Kreisgruppe Garmisch-Partenkirchen im Bayerischen Jagdverband. Wem es passiert, „den belastet das ein Leben lang“, ergänzt Tessy Lödermann, Vorsitzende des Tierschutzvereins im Landkreis. Einem Jäger aus Garmisch-Partenkirchen ist es passiert.

Garmisch-Partenkirchen: Rechtsanwalt von Jäger plädiert für Abschaffung des Paragrafen, der Muttertier schützt

Am 19. Juni 2020 hat der 69-jährige, erfahrene Weidmann ein Muttertier erlegt. Damals forderten Geisslinger und Lödermann gegenüber dem Tagblatt: Diese Tat muss bestraft werden. Ein Jahr später steht fest: Der Strafbefehl über 2000 Euro wurde kassiert, das Verfahren gegen eine Geldauflage von 500 Euro eingestellt (wir berichteten). „Das hat eingeschlagen wie eine Bombe“, sagt Lödermann über die Reaktionen auf das Urteil. „Pures Entsetzen“ herrsche unter Jägern und Tierschützern.

Was sie besonders fassungslos und traurig zurücklässt: Wie „unverhohlen“ der Rechtsanwalt in der knapp zweistündigen Verhandlung dafür plädierte, den Schutz des Muttertiers aus Paragraf 22, Absatz 4 im Bundesjagdgesetz gleich ganz abzuschaffen. Dieser besagt, dass bis zum Selbstständigwerden der Jungen keine Elterntiere getötet werden dürfen. Denn alleine hat der Nachwuchs keine Chance, zu überleben.

Dagegen hat der Jäger – ein Mann mit 40 Jahren Erfahrung – in Lödermanns Augen klar verstoßen. Eine Straftat, von der nur eine Ordnungswidrigkeit übrig geblieben ist. Sie befürchtet, dass sich dieser Richterspruch auf die künftige Rechtsprechung auswirkt. „Dieser Beschluss macht das Tierleid bei verwaisten Kälbern salonfähig.“

Garmisch-Partenkirchen: „Shitstorm“ bricht über Richter nach Urteil herein

An diesem Punkt hakt Dr. Benjamin Lenhart ein. Der Pressesprecher am Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen hat die Aufregung nach der Entscheidung seines Kollegen mitbekommen, er spricht von einem regelrechten „Shitstorm“ in manchen Jagd- und Wild-Fachblättern. Doch geht für ihn die Kritik in die völlig falsche Richtung. Richter Andreas Pfisterer habe sich in keiner Weise gegen den Schutz des Muttertieres ausgesprochen.

Vielmehr habe er geprüft: Sind die Voraussetzungen für eine Straftat gegeben? Also: Hatte das tote Tier sicher ein Kalb, das durch den Schuss seine Mutter verloren hat – und damit selbst dem Tod geweiht war? „Das kann sehr gut sein“, sagt Lenhart. „Aber niemand will verurteilt werden, weil etwas ,sehr gut sein kann‘.“

Nach Muttertier-Tötung: Jäger macht Ärger in öffentlichem Schreiben Luft - „Fahrlässige bis grobfahrlässige Pflichtwidrigkeit“

Ein Richter müsse sich davon überzeugen – Lenhart betont dieses Wort ausdrücklich –, dass eine Straftat vorliegt. Dass sie möglich oder denkbar ist, reicht nicht. „Und da lassen wir uns auch von den Jägern nicht reinreden.“ Sein Kollege habe geltendes Recht angewendet. Also: seine Arbeit gemacht.

Das aber schlecht. Zumindest werfen ihm das Jäger wie Hubert Hertlein vor. In einem Schreiben wendet sich der Murnauer, nach eigener Aussage Jäger mit rund 60 Jahren Erfahrung und 36-jähriger Tätigkeit als Ausbildungsleiter und Ausbilder in allen Jägerprüfungsfächern, an Landrat Anton Speer und an die Presse.

Auf knapp zwei Seiten macht er seinem Ärger Luft. In seinen Augen kann man den Richterspruch so nicht stehen lassen. Die „fahrlässige bis grobfahrlässige Pflichtwidrigkeit“ wurde demnach ebenso wenig bewertet wie die unbedingte Sorgfaltspflicht, die jeder Jäger vor dem Schuss auf ein Tier mit Gesäuge einzuhalten habe. Für Hertlein zeigt die Verhandlung samt Beschluss, dass „Richter und Staatsanwalt mit der Materie Jagd und Wildbiologie völlig überfordert waren“.

Garmisch-Partenkirchen: Jagd-Fall sorgte schon vor einem Jahr für Wirbel, als er bekannt wurde

Ein Angriff, den Lenhart weglächelt. Stimmt, nicht in jeder Materie sind die Richter ausgewiesene Experten. „Wir müssten Ärzte, Fliesenleger und Jäger sein“, sagt der Gerichtssprecher ironisch mit Blick auf die Vielfalt der Fälle. Und ohne Ironie: Nein, müssen sie eben nicht. Sie müssen Recht anwenden. Schon als der Fall vor knapp einem Jahr bekannt geworden war, sorgte er für Wirbel.

Wie berichtet, hatte der Jäger im Staatsjagdrevier „Steilen“ im Wetterstein zwei Alttiere erschossen. In der Schonzeit, in der keine Alttiere erlegt werden dürfen. Wer sich nicht daran hält, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Was jedoch viel schwerer wog: Ein Rotwild, das Wanderer zwei Tage später tot im Wald fanden, war ein Muttertier, zu erkennen am prall gefüllten Gesäuge.

Darauf verweist Lödermann. Ob das Kalb der Hirschkuh womöglich zuvor bereits durch einen Fuchs ums Leben gekommen sein könnte oder nicht, spielt für die Dritte Landrätin keine Rolle. „Es war ein führendes Alttier.“ Punkt. Also ein Alttier mit Kalb, das beweise das Gesäuge. Und darauf schießt man einfach nicht. Das fordert auch der Ehrenkodex unter Jägern. Abgedrückt wird nur, wen man sich zu 100 Prozent sicher ist, worauf man zielt. „Ein anständiger Jäger macht vorher keinen Finger krumm“, sagt Lödermann.

Der Betroffene selbst spricht von einem traurigen Versehen, einem Unfall. Der nicht passieren darf, urteilten damals wie heute Jagdkollegen. Doch kann und wird es solche Unglücke immer geben, das sagt manch ein Gleichgesinnter hinter vorgehaltener Hand. Auch der Beste und Umsichtigste sei davor nicht gefeit. Sogar Lödermann betont: „In der Jagd kann man Fehler machen.“ Dann aber müsse man dafür geradestehen. Nicht nur mit einer Ordnungswidrigkeit davonkommen.

Bei einem Unfall im Landkreis Garmisch-Partenkirchen verunglückte ein 79-Jähriger tödlich. Eine Joggerin wollte den Verunglückten noch reanimieren - jedoch ohne Erfolg. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen GAP-Newsletter.

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