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Unterricht, der unter die Haut geht: Der KZ-Überlebende Onufrij Mikhajlowitsch Dudok erzählt mit Unterstützung von Dolmetscherin Katja Kudek (l.) und seiner Begleiterin Julia Koehetova-Nabozhniak von Schikanen, Folter und Tod während des NS-Regimes. 

„Bei uns ist kein Leben, hier ist nur Sterben.“

Leichenberge so groß wie Baracken: KZ-Überlebender spricht über sein Martyrium

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Flossenbürg, Auschwitz, Mathausen-Gusen: Onufrij Mikhajlowitsch Dudok überlebte alle drei NS-Konzentrationslager. Mit über 90 erzählte er nun Schülern von seinen schrecklichen Erlebnissen. 

Garmisch-Partenkirchen – Er ging zur Post, wollte nur einen Brief an seine Familie verschicken. Ihr ein Lebenszeichen zukommen lassen. Aus gutem Grund: Onufrij Mikhajlowitsch Dudok war von der deutschen Armee aus dem damaligen Polen (heute Ukraine) nach Nürnberg verschleppt und als Zwangsarbeiter geknechtet worden. Mit gerade einmal 15. Er konnte es nicht ahnen: Der Brief war sein Schicksal.

Auf dem Weg zu seiner Unterkunft begegnete Dudok Polizisten. Er hatte keinen Ausweis bei sich, wurde verhaftet und am Ende ins Gefängnis gesteckt. Der Anfang eines Martyriums. Drei Konzentrationslager er- und überlebte der Jugendliche. Die qualvollen Erfahrungen während des Nazi-Regimes ließen ihn nicht mehr los – nie mehr.

Heute ist Dudok 91, teilt seine schmerzhaften Erinnerungen mit Schülern. Zum zweiten Mal besucht er Neuntklässler des St.-Irmengard-Gymnasiums, ein paar Interessierte der FOS sind auch dabei. Er sitzt im Mensaraum des „Castel Gandolfo“, seine junge Begleiterin Julia Koehetova-Nabozhniak hält seine Hand, stellt ihm Fragen auf Ukrainisch. Dudok spricht nur diese Sprache und ein bisschen spanisch. Katja Kudek übersetzt. Es herrscht beklemmende Stille unter den Jugendlichen. Das, was der NS-Zeitzeuge mit seiner heiseren Stimme erzählt, fährt allen durch Mark und Bein.

Mithäftlinge begingen Selbstmord und liefen in Strom-Zaun

Von Nürnberg aus ging es für Dudok Anfang 1943 ins KZ Flossenbürg. Einen Satz des Kommandanten hat er nie vergessen. Er sagte: „Bei uns ist kein Leben, hier ist nur Sterben.“ Keine Einschüchterungstaktik, sondern die Wahrheit. Die Gefangenen wurden drangsaliert, schliefen in den Baracken zu zweit in einem Bett, mussten stundenlang in der dünnen Häftlingskleidung in der Kälte einfach nur stehen und bekamen so gut wie nichts zu essen. „Menschen versuchten zu fliehen“, berichtet Dudok. „Sie wurden dafür gehängt.“ Andere liefen in den Strom-Zaun, begingen Selbstmord. Er aber hielt durch, wollte nicht aufgeben.

Abgeschlossen hat er mit seiner Vergangenheit nie. Seit mehreren Jahren nimmt Dudok am Treffen der ehemaligen Flossenbürg-Gefangenen in der KZ-Gedenkstätte teil. Am Wochenende kehrte er wieder an den Ort der Peinigungen zurück. Er und seine Begleiter haben diesen Termin mit dem Vortrag in Garmisch-Partenkirchen verbunden. Den Kontakt stellte Lehrerin Franziska Kick her. Sie stammt aus der Oberpfälzer Gemeinde, macht manchmal Führungen in dem KZ und kennt Überlebende.

„Es gab keine Hoffnung“

Dass er einmal zu dieser Gruppe zählen würde, Dudok hätte damals nicht daran geglaubt. Keiner hat das. „Es gab keine Hoffnung“, betont er. „Nirgendwo.“ Erst recht nicht im KZ Auschwitz-Birkenau, in das er verlegt wurde. Schon auf dem Transport in den Waggons starben die Menschen reihenweise. Wegen eines Bombenangriffs und beschädigter Gleise mussten die „Sträflinge“ darin verharren. Sieben Tage, eingepfercht und eingesperrt, ohne Wasser und Essen. Dudok schleckte das Eis auf den Schlössern ab, um zu überleben.

Im KZ reparierte der junge Mann Flugzeuge. Was mit anderen Insassen passierte, blieb ihm nicht verborgen. Menschen aus Griechenland seien nach ihrer Ankunft direkt in die Gaskammern gekommen. Er hatte „Glück“. Bauchschmerzen retteten ihn. Zehn Tage verbrachte Dudok im internen Krankenhaus. Als er zurück in die Baracke A kehrte, waren alle weg, die mit ihm in das Vernichtungslager transportiert worden waren.

Der Zeitzeuge holt eine Mappe hervor. Seine Unterlagen aus Auschwitz. Auf Nachfrage einer Schülerin sucht er seine Häftlings-Nummer: Es war die 166557. Sie ziert auch seinen Unterarm. Dudok ist gebrandmarkt für immer, er trägt Auschwitz auf der Haut.

Bei der Befreiung ging er erst einmal schlafen

Nachdem die sowjetische Armee Ende 1944 näher rückte, begann die SS, das KZ aufzulösen. Tausende Gefangene wurden in andere Lager verlegt. Dudok verbrachte die letzten Kriegsmonate in Mathausen-Gusen. Sehr gut erinnert er sich an die Befreiung durch die Amerikaner. „Das Tor ging auf und die meisten rannten los.“ Er dagegen legte sich in der Baracke neben den Toten schlafen, bis man ihn weckte. Draußen sah er Entsetzliches: „Die Leichen waren auf dem Areal gestapelt – so breit und hoch wie die Baracken.“

Gut eineinhalb Stunden erweisen die Schüler dem Ukrainer den verdienten Respekt, lauschen seinen Schilderungen über die braune Barbarei, ehe sie Fragen stellen dürfen. Die Finger schnellen nach oben. Ein Mädchen erkundigt sich nach dem Brief, ob er denn bei seiner Familie angekommen sei. „Ja“, sagt Dudok. Er las ihn nach seiner Rückkehr 1948 – und weinte dabei. „Der Brief hätte mich fast das Leben gekostet.“

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