Elisabeth Koch im grünen Hochzeitsdirndl
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Seit knapp einem Jahr im Amt: Bürgermeisterin Elisabeth Koch - hier bei der Konstituierenden Sitzung 2020.

Beleidigungen unter der Gürtellinie

„Gschaftlhubereien“ und „monarchisches Gehabe“: Grüne und FDP rechnen knallhart mit Bürgermeisterin ab

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
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Da hat‘s gekracht: Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Elisabeth Koch musste im Gemeinderat deftige Kritik einstecken. Der gescheiterte Bürgermeisterkandidat Dr. Stephan Thiel und ihr Dauerrivale Martin Sielmann prügelten verbal auf sie ein.

Garmisch-Partenkirchen – Stoisch verfolgte sie die Reden. Immer mal wieder drehte sie den Kopf nach rechts in Richtung des Pults. Zwischendurch griff sie in die Brotzeittüte ihrer Sitznachbarin Claudia Zolk. Vielleicht zur Beruhigung ein kleiner Happen? Wobei: Nach außen wirkte Elisabeth Koch (CSU) ruhig. Innerlich aber, da dürfte es gebrodelt haben.

Garmisch-Partenkirchen: Grüne und FDP prügeln verbal auf Bürgermeisterin ein - auch unter die Gürtellinie

Die Garmisch-Partenkirchner Bürgermeisterin wurde im Rahmen der Haushaltsdebatte mit einer Abrechnung konfrontiert, die an Härte nichts vermissen ließ. Dr. Stephan Thiel (Grüne) und Martin Sielmann (FDP) prügelten verbal ohne Unterlass auf die Rathauschefin ein. Teilweise auch mit Tiefschlägen unter der Gürtellinie. Anton Hofer (Ga+Pa miteinander) sparte auch nicht mit Kritik, bezog aber den gesamten Gemeinderat mit ein.

Einer der Chefkritiker bei den Haushaltsreden: Dr. Stephan Thiel (Grüne)

Es waren zwei Stunden im Festsaal Werdenfels, die zeigten, dass ein tiefer Keil zwischen den Fraktionen steckt – die Reibereien, von denen man dachte, sie seien unter Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD) schon am Höhepunkt angelangt, dürften sich eher noch verstärkt haben.

Garmisch-Partenkirchen: Tiefer Keil zwischen Fraktionen im Gemeinderat

Koch freilich hat diese Art. Sie provoziert oft. Anders kann man ihre einführenden Worte dieses Mal nicht bezeichnen. Zunächst würdigte sie die Vorbesprechungen im Finanzausschuss als „sehr konstruktiv und vertrauensvoll“, dann holte sie den Dampfhammer heraus.

Sie warnte diejenigen Kollegen, die gegen das 109-Millionen-Euro-Paket votieren würden: „Ich weiß, dass der eine oder andere nicht zustimmen wird, aber dann stimmt er gegen die Renovierung unserer Schulen, und das sind unsere Kinder.“ Ein Vorwurf, den Hofer als „töricht“ bewertete. „So etwas zu behaupten, ist völlig daneben. Man kann nicht den Menschen unterstellen, dass sie gegen die Kinder stimmen.“

Knallharte Abrechnung mit Bürgermeisterin: Vorwurf eines fehlenden Demokratieverständnisses

Damit war die Vorlage gegeben. Und der Haushalt geriet in den Hintergrund. „Eine Tradition“, führte der Grünen-Fraktionssprecher aus. „Es wird die zurückliegende politische Arbeit des ganzen Jahres betrachtet.“ Für Thiel so etwas wie die Klärung der Frage: „Wer sind die Guten und wer die Bösen.“ In letztere Kategorie ordnete er die Erste Bürgermeisterin ein.

Bei der üppigen Wunschliste wie einer Ski-WM, einem Kongresshaus und weniger Verkehr erfordere es Diskussionen „auf Augenhöhe“ samt transparenter Begleitung durch die Rathauschefin. „Stattdessen werden Hydranten freigeräumt, Fußwege gekehrt, es wird dampfgestrahlt, die Feuerwehr beim Drohnenflug begleitet und sonstige Gschaftlhubereien.“

Zoff in Garmisch-Partenkirchen: Gescheiterter Bürgermeisterkandidat kritisiert Bürgermeisterin

Thiel nahm Bezug auf die Facebook-Aktivitäten Kochs. Er stellte die süffisante Frage, wie viele Follower, also Freunde in den sozialen Medien, sie habe, abgesehen „von den 17 festen hier im Saal?“ Sein Problem: „Die passende Tätigkeitsbeschreibung hierfür entspricht eher E6 statt B3“ . Damit spielte er auf die Gehaltsstaffel an.

So etwas macht auch kein Seiden-Dirndl oder Scala-Besuch mit dem italienischen Präsidenten wett.

Dr. Stephan Thiel

Auch die Abläufe in den Sitzungen enttäuschen den gescheiterten Bürgermeister-Kandidaten, das regelmäßige Abblocken von Dingen, die der CSU nicht gefallen, durch die Hausmacht. „Insgesamt lässt dieses Auftreten eine mangelnde Wertschätzung an der Arbeit der Gemeinderäte vermuten – zumindest mit dem Teil der Andersdenkenden.“ Thiel fasst das Vorgehen der Bürgermeisterin mit fehlendem Demokratieverständnis zusammen.

Garmisch-Partenkirchen: „Bürgermeisterin mit Verbesserungspotenzial“

Er habe den Eindruck, dass Koch nie von der Rolle als Fraktionsvorsitzende der CSU weggekommen sei. Sie spare nicht mit diffamierenden Äußerungen über Mitglieder des Gemeinderats, sie lasse sich häufig zu Lästereien nach Sitzungen hinreißen. „Das ist kein staatstragendes Verhalten – so etwas macht auch kein Seiden-Dirndl oder Scala-Besuch mit dem italienischen Präsidenten wett.“ Ein solches Auftreten als Trägerin des höchsten Amtes der Gemeinde sei schon eher „für uns äußerst befremdlich“.

In Martin Sielmann fand Thiel den großen Unterstützer. Der FDP-Einzelkämpfer feierte seinen Grünen-Kollegen frenetisch. „Stephan, Du hast die beste Rede gehalten, die ich in sieben Jahren in diesem Gemeinderat gehört habe.“ Wenn er nicht solange Mitglied bei der FDP wäre, würde er sofort einen Antrag der Grünen ausfüllen.

Der Dauerrivale der Bürgermeisterin: Martin Sielmann (FDP).

Damit war klar, was kommen würde. Sielmann ließ kein gutes Haar an seiner Dauerrivalin der vergangenen Jahre. „Wir haben eine Bürgermeisterin mit Verbesserungspotenzial“, eröffnete er noch verhalten. „Ich möchte Sie ermutigen, doch endlich einmal die Oppositionsrolle auszukehren und sich auf das zu besinnen, was essenziell ist: die Gemeinde zusammenzuführen.“

Gemeinderat in Garmisch-Partenkirchen: Kritik an Bürgermeisterin - „Frau Koch – oder Müller?“

Ein Punkt, den Thiel wie auch Sielmann anprangerten, war die Tatsache, dass Koch ein Jahresinterview mit dem Tagblatt abgelehnt hatte, „weil ihnen der Interviewer nicht passte“, monierte Sielmann. „Dieses monarchische Gehabe, auch wenn sie Sissy heißen, ist vollkommen fehl am Platz.“ Er wertete es als „prädemokratisch“.

Die Tirade auf Koch gipfelte in einem Namen-Verdreh-Spielchen. Die Bürgermeisterin sah sich gezwungen, ausgerechnet Sielmann wegen einer erforderlichen Lüftungspause zu unterbrechen, sprach ihn dabei mit Schröter an. Zur Erinnerung: Im alten Jahr hatte der aktuelle FDP-Bundestagskandidat seinen Nachnamen geändert. Ein Fauxpas, der Koch nach der Pause nochmals unterlief – und Sielmann endgültig in Rage brachte.

Garmisch-Partenkirchen: Gemeinderatssitzung erreicht negativen Höhepunkt - Schuss gegen Bürgermeisterin geht übers Ziel hinaus

Sie verbesserte sich zwar einige Sekunden danach – doch zu spät. „Sehen Sie, Frau Koch – oder heißen sie Müller? –, jeder hat doch das Recht, bei seinem Namen genannt zu werden.“ So steuerte die Sitzung auf ihren negativen Höhepunkt zu. „Sie machen das mit System, und sie machen das regelmäßig“, warf er der Koch vor. Sielmann habe seinen Arzt auf ein derartiges Verhalten angesprochen. „Der sagte, solche Namensverwechslungen seien ein deutliches Indiz für einsetzende Demenz.“ Ein leichtes Raunen war im Saal zu vernehmen. Ein Schuss, der übers Ziel hinausging.

Doch der Redner zog sein Ding durch. Eisern nannte er Koch Frau Müller und setzte seine Abrechnung mit der laufenden Kommunalpolitik fort. Ein unschöner Abschluss eines Abends, an dem der Haushalt hätte im Mittelpunkt stehen sollen. Der wurde am Ende mit 18:9 Stimmen abgesegnet.

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