Betten Strüwer in Garmisch-Partenkirchen
+
Ein Geschäft mit Tradition: Bei Strüwers haben sich mehrere Generationen von Garmisch-Partenkirchnern und Urlaubern mit Bett- und Tischwäsche eingedeckt.

„Das fällt mir sehr schwer“

Traditionsgeschäft in Garmisch-Partenkirchen schließt: Der Abschied schmerzt

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
    schließen

Nach über einem halben Jahrhundert ist Schluss. Am 31. Dezember schließt Marianne Amann das Bettenfachgeschäft Strüwer. Ein Schritt, der ihr nicht leicht fällt. Der Laden an der Klammstraße war fast ihr Zuhause. Viele Erinnerungen stecken im Verkaufsraum und in der kleinen Werkstatt.

  • In Garmisch-Partenkirchen schließt mit dem Bettenfachgeschäft Strüwer ein Traditionsbetrieb.
  • Nach 40 Jahren geht Marianne Amann in den Ruhestand.
  • Für die 79-Jährige ist das Geschäft ein Ort voller Erinnerungen.

Garmisch-Partenkirchen – Die Mutter ist allgegenwärtig, in jedem Winkel des kleinen Ladens und auch oben in der Werkstatt. „Ich hab’ fast den Eindruck, dass sie ein zweites Mal stirbt, wenn ich das Geschäft zum 31. Dezember aufgebe.“ Marianne Amann ist’s schwer ums Herz. Weil sie Betten Strüwer, das Lebenswerk ihrer Mutter Edith und ihres Stiefvaters Richard Strüwer aufgeben muss. Und weil sie den Kontakt zu den lieb gewordenen Kunden verliert. Täglich wird der 79-Jährigen bewusst, dass das Fachgeschäft an der Klammstraße in den vergangenen 40 Jahren immer mehr zu ihrem Zuhause wurde, fast mehr als ihre Wohnung im Ortsteil Partenkirchen. Kein Wunder, bedenkt man, wie viele Stunden sie dort verbracht hat.

Noch fleißig in der Werkstatt: Ehe sie den Laden am 31. Dezember schließt, ändert Marianne Amann noch die Kopfkissen von den amerikanischen Maßen 50 mal 70 in 40 mal 60 Zentimeter für Kinder um.

Und auch kein Wunder angesichts der engen Bindung, die sie und ihre zweieinhalb Jahre ältere Schwester Lilly Boell zur 2015 verstorbenen Mutter hatten. „Der Krieg hat uns so zusammengeschweißt“, meint Amann. Der Vater war gefallen, das Haus in Berlin zerbombt. Bei einer Tante in Potsdam fand die junge Frau mit ihren Töchtern Unterschlupf, ging putzen, ehe sie als 30-Jährige nach Garmisch-Partenkirchen, wo ihr Bruder schon als Arzt praktizierte, aufbrach. 1949 erreichten sie den Ort, der ihnen zur neuen Heimat wurde. Die allein-erziehende Mutter lernte Richard Strüwer kennen, der seit 1935 einen Großhandel für Bettwaren betrieb, und eröffnete mit ihm das Bettenfachgeschäft – erst an der Parkstraße und 1952 am heutigen Standort. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

Gute Ware für den kleinen Geldbeutel

Die Strüwers belieferten die Hotels in und um Garmisch-Partenkirchen, waren Anlaufstelle für Einheimische sowie Gäste und auch bei den Besuchern aus den USA sehr beliebt. „Pro Woche haben wir 40 Pakete nach Amerika geschickt“, erinnert sich Amann. Als ihre Kinder drei und fünf Jahre alt waren, stieg die gelernte Bankkauffrau, die zudem Malerei in München studiert hatte, 1980 im Laden ein. Zunächst vormittags. Entscheidend für sie, ihre Mutter, die bis kurz vor ihrem Tod im Alter von 96 Jahren noch mitarbeitete, und ihre Schwester Lilly Boell, die als Rentnerin mit anpackte, war stets, „auch gute Ware für den kleinen Geldbeutel anzubieten“. Diese Produkte genau wie die hochwertigen Waren fertigten sie in der Werkstatt im ersten Stock. Dort wurden zudem Kissen und Decken mit ausgewählten Daunen gefüllt sowie Matratzen bezogen.

Standen 2012 noch jeden Tag im Laden: (v. l.) Marianne Amann (71), Edith Strüwer (93) und Lilly Boell (73) führten gemeinsam Betten Strüwer.

„Das hat meinem Rücken sicher nicht gutgetan“, sagt Amann. Eine schwere Skoliose* veranlasste sie Anfang des Jahres, die Schließung vorzubereiten. Die Krankheit zwingt sie auch, bei Bergtouren kürzer zutreten. Auf den Kramer- oder den Wankgipfel* schafft sie es nicht mehr. Auf ihre Abstecher in die Natur verzichtet sie aber trotz ihrer Schmerzen nicht. „Maximal vier Stunden kann ich noch gehen.“ Bewegung ist ihr wichtig, vor allem im Freien. „Das tut der Seele gut.“ Richtig abschalten kann sie, wenn sie sonntags erst auf einen Berg steigt und dann malt – vorzugsweise Landschaften. Dabei tankt sie auch jetzt noch Kraft für die lange Arbeitswoche.

Die Nähmaschine wird mitgenommen

Kurz vor 4 Uhr klingelt ihr Wecker, dann geht sie erst einmal in die Werkstatt, in der früher vier, später noch zwei Näherinnen beschäftigt waren. Seit 1996 fertigte Amann alleine an, was an Bezügen und anderen Produkten anfiel. Und das in einer Qualität, die die Kunden zu schätzen wissen. „Von den Sachen, die ich gemacht habe, ist fast alles weg.“ Andere Ware, gerade die, mit der sich Urlauber gern eindecken oder Weihnachtsgeschenke, liegt hingegen noch in den Regalen. Drei Tage nachdem Amann ihren Ausverkauf gestartet hat, musste sie wegen des Corona*-Lockdowns wieder schließen. Pech, denn jetzt muss sie schauen, wo sie die verbliebenen Sachen lagert. Bis 31. Dezember können sich aber noch Interessierte melden, „die werden dann beliefert“. Das Inventar der Werkstatt hat sie großteils verschenkt, eine der Industrie-Nähmaschinen nimmt sie mit heim.

Noch arbeitet die 79-Jährige täglich in dem Bettenfachgeschäft an der Klammstraße – unterstützt von ihrer Schwester und ihren Kindern, die beide studiert haben und deshalb kein Interesse an dem Betrieb hatten. Sie räumt auf, sortiert den Bestand. Mit jedem Tag wird Marianne Amann bewusster, dass sie die Tür bald für immer schließt und damit den Laden, in dem ihr ihre Mutter so nah ist, verliert. „Das fällt mir sehr schwer.“

Garmisch-Partenkirchen-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Garmisch-Partenkirchen-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Garmisch-Partenkirchen – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Weitere Information

Wer sich noch mit Bett- oder Tischwäsche eindecken will, erreicht Amann unter Telefon 01 60/92 07 76 90.

*Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Auch interessant

Kommentare