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Wird geschlossen: die Villa Nova in Garmisch-Partenkirchen. 

Diakonie zieht die Notbremse

Zu wenig Personal: Seniorenheim schließt kurzfristig - Bewohner müssen umziehen

  • Manuela Schauer
    vonManuela Schauer
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Der Mietvertrag läuft Ende 2021 aus. Doch Personalengpässe führten nun ein jähes Ende der Villa Nova herbei. Schon im August schließt die Senioreneinrichtung in Garmisch-Partenkirchen. Ein kurzfristiger Schritt der Rummelsberger Diakonie, der bei Angehörigen und Bewohnern Kritik hervorruft.

Garmisch-Partenkirchen – Per Brief erhält Walter Sartorato Anfang Juli die Mitteilung. Die Nachricht – mehr als schlecht. Die Rummelsberger Diakonie stelle den Betrieb der Villa Nova ein, steht in dem Schreiben. Das heißt: Sein Vater, 85, an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt und bereits in Palliativbetreuung, muss ausziehen. Der Heimvertrag wird gekündigt. „Mir nichts, dir nichts“, klagt der Betroffene. Den genauen Zeitpunkt erfährt er wie alle anderen Angehörigen eine Woche später bei einem Infoabend: Bereits im August sollen die Bewohner ausquartiert werden.

Der Münchner ist fassungslos. Bereits 2019 musste sein Vater dreimal umziehen. Ein Dreiviertel-Jahr dauerte es, bis er in der Villa Nova, zu deren Schwerpunkten die würdevolle Begleitung Sterbender zählt, einen Platz bekommen hatte. „Die Situation im Landkreis ist ja überall Chaos hoch drei“, sagt Sartorato. Dass das Altenpflegeheim nun so kurzfristig schließt, markiert nun den traurigen Höhepunkt seiner Erfahrungen.

Was ihn besonders stört: „Man bekommt die Pistole auf die Brust gesetzt.“ Er spielt damit auf dieUmzugsoption ins Lenzheim, „die schlechtere Unterkunft“ mit kleineren und dunkleren (Doppel-)Zimmern an. Wer das ablehnt, steht vor einem Problem. Einen Platz in einer Pflegeeinrichtung zu bekommen, ist eine Geduldsfrage. Wartezeiten bis zu einem Jahr – keine Seltenheit. In diesem Fall blieben nur wenige Wochen, um Ersatz zu finden. „Die ganze Last wird einfach den berufstätigen Angehörigen zugeschoben, die oftmals am Rande der absoluten Erschöpfung stehen“, sagt Sartorato. Eine andere Alternative, als das Angebot anzunehmen, gibt es eigentlich nicht.

Heimleiterin Schön: „Wir haben keine andere Wahl“

Den Unmut der Angehörigen bekamen die Verantwortlichen bereits zu spüren. Beim Infoabend, der „fast ein bisschen eskalierte“, wie Rahel Schön auf Anfrage schildert. Ebenso in persönlichen Gesprächen. Die Heimleiterin versteht, dass die Schließung der Villa Nova – der Mietvertrag mit dem Eigentümer, dem Evangelischen Siedlungswerk, läuft im November 2021 aus – Kritik hervorruft. Sie räumt sogar ein, dass das Vorgehen nicht mit den christlichen Werten einer Diakonie vereinbar ist, betont aber auch: „Wir haben keine andere Wahl.“

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Die Einrichtung steckt in Kalamitäten, hat Personalengpässe bei der Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Vor allem fehlen Pflegefachkräfte. Schon in der Vergangenheit überlebte die Villa Nova mit den derzeit 28 Bewohnern nur, weil die Mitarbeiter des Lenzheims dort einsprangen. Fachkräfte, die normal im Sozialdienst tätig sind, mussten zum Beispiel den Pflegedienst übernehmen. „Da wird’s schon schräg“, meint Dieter Janßen, Regionalleiter Süd. Corona verschärfte die Situation. Zum einen, weil es keine Fluktuation auf dem Branchen-Markt gibt. Das heißt, heuer mit keinen zusätzlichen Kräften mehr zu rechnen ist. Zum anderen führten die strengen Auflagen zu mehr Aufwand. Überstunden en masse häuften sich an. Jetzt stehen Urlaube an. „Die Mitarbeiter brauchen die Erholung“, betont Schön. Dafür muss die Chefetage Sorge tragen. Um keine Versorgungsprobleme zu riskieren, zieht die Diakonie deshalb die Notbremse. „Wir wollen das lieber geordnet machen, bevor ein Bewohner zu Schaden kommt“, betont Janßen. Der Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FQA), also der Heimaufsicht am Landratsamt, wurde die Lage erläutert. „Sie hat bestätigt, dass es eng wird.“ Mit dem Betriebsrat sei die Planung ebenfalls abgestimmt worden.

Unterstützung bei der Suche nach einem neuen Platz

Diese sieht vor, dass alle Bewohner der Villa Nova in einen eigenen Bereich im Erdgeschoss des Lenzheims einziehen. Mit Einzel-, aber auch Doppelzimmern. Auch das bemängelt Sartorato – und Schön versteht’s. „Es ist nicht optimal, dass sich die Senioren ein Zimmer oder das Bad teilen.“ Dafür verlangt die Diakonie einen anderen Preis. Wegen der geringeren Wohnqualität kostet die Unterbringung im Lenzheim 300 bis 450 Euro im Monat weniger, sagt Prokurist Janßen. Die ersten Besichtigungen fanden bereits statt. Schön sagt: „Viele haben die Zimmer für okay befunden.“ Alle hätten mittlerweile dem Umzug, der von der Diakonie organisiert und abgewickelt wird, schon zugestimmt.

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Wer sich dagegen entscheidet, erhält – so weit es möglich ist – Unterstützung bei der Suche nach einem neuen Platz. Die Verantwortlichen nehmen Kontakt auf, sagt Janßen. Zum Beispiel zu den Häusern der Diakonie in Starnberg und Penzberg. „Wir setzen niemanden auf die Straße.“ Einen adäquaten Ersatz zu finden, stellt er aber klar, heißt nicht unbedingt, in Garmisch-Partenkirchen unterzukommen. Das muss jedem klar sein.

Den Vorteil in dem Dilemma sehen Janßen und Schön darin, dass die Mitarbeiter der Villa Nova an den neuen Standort mitwechseln. Somit behalten die Senioren ihre Vertrauenspersonen, und die Aufgaben können auf mehrere Schultern verteilt werden. Kündigungen sind nicht vorgesehen, betont der Regionalleiter. Maximal verändern sich die Stellenprofile. „Aber nichts, wo es um Geld oder Stunden geht.“

Zukunft des Gebäudes unklar

Was mit dem Gebäude nach dem Auszug passiert, bleibt offen. Derzeit laufen Gespräche mit potenziellen Interessenten, teilt Friederike Günzel vom Evangelischen Siedlungswerk mit. Die Zukunft des Lenzheims – seit 2006 unter der Trägerschaft der Rummelsberger Diakonie – steht dagegen fest. 2021 soll wie geplant der moderne Anbau im Bereich des Wintergartens erfolgen. Ursprünglich gedacht für Patienten, die an massiver Demenz leiden. Sobald der Gebäudeteil bezugsfertig ist, sollen die Bewohner der Villa Nova bei der Zimmervergabe bevorzugt werden. Dann stehen nur noch Einzel- oder Tandemzimmer (Einzelzimmer mit gemeinsamem Bad) zur Verfügung.

Damit alle 120 Pflegeplätze während der Bauphase erhalten bleiben, fällt diese entsprechend lang aus. Schön hofft auf eine Fertigstellung im Jahr 2025 oder 2026. „Das braucht Zeit“, sagt auch Janßen – und ergänzt: „Einige Bewohner werden die Zeit nicht erleben.“

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