+
Bleibt wohl ein Streitobjekt: die Bahnhofstraße in Garmisch-Partenkirchen.

Geld fließt jetzt in die Schlagloch-Straßen

Bahnhofstraßen-Umbau abgelehnt: Rathauschefin hofft auf ein Bürgerbegehren 

  • schließen

Der Umbau der Bahnhofstraße in Garmisch-Partenkirchen ist vom Tisch. Zumindest erst einmal. 

Update vom 16. Mai, um 18.43 Uhr: 

Ihre Stimmungslage unmittelbar nach der Gemeinderatssitzung – durch ein 15:15-Patt lehnte das Gremium den fahrradgerechten Umbau der Bahnhofstraße ab – beschreibt Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD) mit zwei Adjektiven: ratlos und wütend. Nach einem Gespräch Mittwochnacht mit ihrem Ehemann und einer Flasche Bier zum Abschluss einer für sie unerfreulichen Gemeinderatssitzung hat sie allerdings gut geschlafen. Am Tag danach hatte sich ihre Laune gebessert. Ratlosigkeit und Wut waren in „überwiegend Unverständnis“ umgeschlagen. „Das war eine Entscheidung, die dem Ort nicht guttut.“ Und die sich vielleicht revidieren lässt. Gleich nach der Sitzung äußerte sie die Hoffnung, „dass jetzt ein Bürgerbegehren kommt“. Diesen Wunsch habe sie nicht als Bürgermeisterin, sondern als Bürgerin, stellte sie klar. Sie setzt dabei wohl auf die Radfahrlobby, die in Garmisch-Partenkirchen relativ groß ist.

Einem möglichen Bürgerbegehren sieht man bei der CSU gelassen entgegen. „Wenn eines kommt, kommt’s“, sagt Fraktionsvorsitzende Elisabeth Koch. Die Christsozialen wollen nicht untätig bleiben. „Die Ablehnung heißt nicht, dass das Thema tot ist“, erklärt Koch. Sie meint, Garmisch-Partenkirchen habe etwas Besseres verdient, als das Vorhaben, das im Gemeinderat an einer Allianz aus Christsozialen, Bayernpartei, den beiden Freien Wählern Josef Angelbauer und Florian Möckl, Martin Schröter (FDP) und Christoph Elschenbroich (parteifrei) gescheitert ist. „Low Budget ist nicht die richtige Lösung. Mir schwebt ein Boulevard vor. Und: Wir müssen in die Fläche gehen, mehr Straßen einbeziehen.“

Vorwurf: Machtdemonstration statt Sachentscheidung

Florian Hilleprandt, engagierter Kämpfer für den fahrradgerechten Umbau der Bahnhofstraße, sieht in der Ablehnung vor allem eine konzertierte Aktion von CSU und Bayernpartei (BP). „Beiden geht es nicht um eine Sachentscheidung, sondern um eine Machtdemonstration“, sagt der CSB-Frontmann. Koch und Andreas Grasegger, BP-Fraktionsvorsitzender, mussten lange um ihren Erfolg bangen. Vor allem als sich Peppi Braun (Freie Wähler), der vor einem Monat noch zu den Kritikern des Umbaus gehört hatte, in einem Redebeitrag nun als Befürworter outete. Er war einer jener Gemeinderäte, die sich in den vergangenen Wochen im Bauamt Informationen geholt hatten. „Was ich erfahren habe, hat mich überzeugt“, erklärte er. Zu den Wackelkandidaten zählte Meierhofer, die im Vorfeld der Sitzung versucht hatte, in direkten Gesprächen Überzeugungsarbeit für ihre Sicht der Dinge zu leisten, auch Angelbauer und Elschenbroich gezählt. Sie fielen allerdings nicht um, sondern blieben bei ihrer Meinung.

Das Lager der Gegner sah sich vor allem durch die Stellungnahmen der Blaulichtorganisationen in ihrer Ansicht bestätigt. Rotes-Kreuz-Geschäftsführer Klemens Reindl sowie die beiden Feuerwehr-Kommandaten Peter Gröbl (Garmisch) und Klaus Straub (Partenkirchen) äußerten Sicherheitsbedenken und stellten auch die Einsatzfähigkeit in Frage. An Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig lässt das Schreiben der Polizei-Inspektion Garmisch-Partenkirchen, das erst in Auszügen verlesen wurde, nachdem Koch dies verlangt hatte. Die Schlüsselsätze: Die Ordnungshüter sehen ein „nicht unerhebliches Gefahrenpotenzial für Radfahrer. Dem Umbau kann aus polizeilicher Sicht in dieser Form nicht zugestimmt werden“.

Simulation veranlasst Bürgermeisterin zur „Flucht nach vorne“

Nicht ganz im Sinne von Meierhofer und den Befürwortern aus CSB, SPD, der Grün-Unabhängigen Fraktion und Braun kann auch die Simulation der Essener Firma PVT ausgefallen sein. Meierhofer sah diese erstmals eine Stunde vor der Sitzung und gibt zu, danach „die Flucht nach vorne“ angetreten zu haben. PVT-Geschäftsführer Peter Nolden zeigte in seiner Präsentation, dass eine umgebaute Bahnhofstraße 22 Stunden am Tag den Verkehr in beide Richtungen problemlos bewältigen könne, zwei Stunden lang, voraussichtlich zwischen 16 und 18 Uhr, wird wegen der Einspurigkeit zwischen Bahnhof-Unterführung und Rathausplatz allerdings Stau in nicht unerheblichem Maß produziert. Autofahrer, die am Ende des Staus beim Lidl-Parkplatz stehen, würden Nolden zufolge rund acht Minuten bis zur B2 benötigen, bei zwei Spuren „sind’s nur 95 Sekunden“. Argumente, die auch Elschenbroich in seinem Vortrag brachte. „Kriechen im Schritttempo und Stop-and-go-Betrieb belasten die Umwelt mehr, als zügiges niedertouriges Fahren im höheren Gang.“ Das bestätigte auch Nolden im Tagblatt-Gespräch. „In einem Stau werden große Mengen CO2 emittiert.“

Um die Vorteile des Umbaus für den Ort, die Fahrradfahrer und die Umwelt hatte Meierhofer ein Heer von Experten um ihre Einschätzung gebeten, was Mike Bräu (CSU) veranlasste, die Bürgermeisterin süffisant dafür zu loben, welche „Geschosse sie auffahren lässt“. Eindrucksvoll die drei Mädchen vom Jugendbeirat, die ganz im Stil der Friday-for-future-Bewegung auftraten. Sie hätten den Eindruck, es gehe nur um die Autofahrer. Der Umbau könne ein Beitrag dafür sein, den Klimawandel zu stoppen. Ins gleiche Horn stieß Dr. Stephan Thiel (Bündnis 90/Die Grünen), der als Vater des Garmisch-Partenkirchner Fahrradkonzepts gilt, das bis 2030 umgesetzt werden soll. Thiel arbeitet als Physiker und beschäftigt sich von Berufs wegen mit Klimaforschung. „Wir müssen jetzt etwas tun, sonst ist es zu spät.“

CSU-Antrag geht durch

Die Gemeinderäte hörten die Botschaft wohl, nur der Hälfte von ihnen fehlte der Glaube, oder ihre Sicherheitsbedenken waren größer. Zwar gab es mit 15:15-Stimmen ein Patt zwischen Befürwortern und Gegnern, doch der Gleichstand bedeutet Ablehnung. Die rund 1,7 Millionen Euro, die der Umbau der Bahnhofstraße kosten hätte sollen, fließt nun in die Beseitigung von Schäden im gemeindlichen Straßen- und Wegenetz. Im Klartext: Es werden Schlaglöcher, die der Winter gerissen hat, ausgebessert. Dieser CSU-Antrag passierte mit 16:14-Stimmen den Gemeinderat. Braun war Mehrheitsbeschaffer.


Erstmeldung vom 16. Mai, um 9 Uhr: 
Garmisch-Partenkirchen  - Das war knapp, aber es hat gereicht. Die Bahnhofstraße in Garmisch-Partenkirchen wird nicht fahrradfreundlich umgebaut. Zwar gab es mit 15:15-Stimmen ein Patt zwischen Befürwortern und Gegner, doch der Gleichstand bedeutet Ablehnung. In einer Mammutsitzung, die fast vier Stunden dauerte, gaben für die Gegner aus CSU, Bayernpartei, die Mehrheit der Freien Wähler, FDP-Mann Martin Schröter und Christoph Elschenbroich wohl Sicherheitsbedenken den Ausschlag. Die Feuerwehren, das BRK und die Polizei äußerten massive Bedenken. Die rund 1,7 Millionen Euro, die der Umbau der Bahnhofstraße hätte kosten sollen, fließt nun in die Beseitigung  von Schäden im gemeindlichen Straßen- und Wegenetz. Im Klartext: Es sollen Schlaglöcher, die der Winter gerissen hat, ausgebessert werden. Dieser CSU-Antrag passierte mit 16:14-Stimmen den Gemeinderat.

Lesen Sie auch: Hauptverkehrsader Bahnhofstraße: Jetzt soll ein Radweg her

Ob damit der Umbau endgültig vom Tisch ist - fraglich: Am Ende der Sitzung gab Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD), für die dieses Projekt eine Herzensangelegenheit ist, ihrer Hoffnung mit einem Satz Ausdruck: Sie wünschte sich, „dass ein Bürgerbegehren kommt“. Diese Anmerkung will sie als Bürgerin, nicht als Rathaus-Chefin gemacht haben.

Mehr zum Thema: Fahrradgerechte Bahnhofstraße: Feuerwehr-Kommandant lässt kein gutes Haar an den Plänen

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Hochwasser überflutet Golfplatz - Gesperrte Schienen und Straßen
Ein Golfplatz unter Wasser, gesperrte Schienen und Straßen, eine Mure: Die starken Niederschläge haben im Landkreis Garmisch-Partenkirchen Folgen. Aber es bleibt …
Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Hochwasser überflutet Golfplatz - Gesperrte Schienen und Straßen
Frauenpower in einer Männerdomäne: Speditions-Chefin erhält besonderen Preis
Sie ist die erste Frau in Bayern, die diese Auszeichnung erhalten hat. Katrin Eissler hat in Berlin einen Preis für Unternehmerinnen verliehen bekommen. 
Frauenpower in einer Männerdomäne: Speditions-Chefin erhält besonderen Preis
Murnauer Feuerwehr-Standort: Jetzt liegt das Altlasten-Gutachten vor
Murnaus Feuerwehr steuert ein neues Gerätehaus auf dem alten Volksfestplatz an. Das Bodengutachten zu möglichen Altlasten an diesem Standort liegt der Gemeinde nun „in …
Murnauer Feuerwehr-Standort: Jetzt liegt das Altlasten-Gutachten vor
Gesperrte Straßen als Ärgernis - das fordern die   Betroffenen
Das jüngste Hochwasser hat es wieder gezeigt: Sind die Staatsstraße 2062 und die Bundesstraße 2 einmal gesperrt, wird die Anbindung Ohlstadts speziell an Murnau zur …
Gesperrte Straßen als Ärgernis - das fordern die   Betroffenen

Kommentare