Der Richter verurteilt den Mann zu einer Bewährungsstrafe (Symbolfoto).
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Der Richter verurteilt den Mann zu einer Bewährungsstrafe (Symbolfoto).

Verhandlung am Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen

Mit Schraubenzieher zugestochen: Mann (76) erhält Bewährungsstrafe

Ein 76-jähriger Mann ist am Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Der Angeklagte hatte im August 2019 im Obdachlosenheim in den Garmisch-Partenkirchen mit einem Schraubenzieher in Richtung eines 20-Jährigen gestochen.

Garmisch-Partenkirchen – Es wurde gekocht, getrunken, laute Musik lief dazu. Im Obdachlosenheim in den Garmisch-Partenkirchner Loisachauen hatte ein Bewohner am 21. August 2019 zu einer Party eingeladen. Einem 76-Jährigen, der ebenfalls dort lebt, schmeckte das nicht. Er monierte, dass sich die Gruppe unberechtigt in der Unterkunft aufgehalten habe.

Mann tritt gegen Zimmertür

„Der Hausmeister war nicht da, es gab keine Konfliktlösung“, schimpfte der Rentner. Er rief die Polizei, die sich nicht zuständig fühlte und ans Ordnungsamt verwies. Zweimal wurde gegen seine Zimmertür getreten, er wurde provoziert, sagte der Mann aus, der kurz vor dem Vorfall einen Herzschrittmacher implantiert bekam und mittlerweile psychologische Hilfe in Anspruch genommen hat. „Die Sache ist mehr als eskaliert“, berichtete er vor dem Amtsgericht weiter. „Die Meute war draußen, mit einer Mischung aus Ohnmacht und Wut bin ich raus“, sagte der Rentner. Dann kam ein Schraubenzieher zum Einsatz. Der 76-Jährige benutzte diesen nach eigener Aussage als Drohgebärde zur Abschreckung. Mit dem Werkzeug stach er in Richtung des Oberkörpers eines 20-Jährigen, der im Gang stand. „Eine Affekthandlung. Ich wollte den nicht verletzen.“ Weil der Geschädigte den Arm nach oben riss, konnte er den Stich abwehren. Er wurde am Ellenbogen verletzt, blutete. Der 76-Jährige zog sich ins Zimmer zurück. Die Partygruppe rief die Polizei und den Sanka. Wie der Rentner weiter ausführte, habe er sich inzwischen um einen Täter-Opfer-Ausgleich bemüht und sei bereit, wie von Pfisterer gefordert, 200 Euro an den 20-Jährigen zu zahlen.

Richter will Betrunkenen nicht befragen

Dann wurde es kurios. Als erster Zeuge sollte der Bewohner der Unterkunft aussagen, der zur Party eingeladen hatte. Er torkelte in den Gerichtssaal, noch bevor er sich richtig äußern konnte, ließ Pfisterer eine Polizeistreife zur Alkoholkontrolle herbeiholen. „Ich weiß noch, was passiert ist“, begann der Obdachlose, doch Pfisterer wies ihn hinaus. Die spontane Probe ergab beim verhinderten Zeugen 1,6 Promille. „Ich vernehme doch keine Besoffenen“, winkte der Richter ab.

Zeuge duzt Richter

Als Nächster schritt das Opfer des tätlichen Angriffs in den Zeugenstand. Der Mann war zwar stocknüchtern, wie der kontrollierende Beamte in den Saal rief und bestätigte, doch sein provozierendes Auftreten machte Pfisterer fassungslos. Der 20-Jährige gab schroffe Antworten, duzte den Richter. Dieser ermahnte den Zeugen „wegen ungebührlichen Verhaltens, er trägt unangemessene Kleidung“. Der Postbote gab anschließend an, an jenem Nachmittag einen Schlag gespürt zu haben. „Ich hab gemerkt, dass ich am Arm blute, war aber nicht schwerer verletzt.“ Er wurde kurz im Krankenhaus versorgt. Dass der Angeklagte strafrechtlich belangt wird, daran hatte das Opfer kein Interesse. Pfisterer händigte ihm die ersten 5 Euro des Schmerzensgelds aus, den Schein nahm der junge Mann triumphierend mit nach draußen.

Fehlender Vermerk bringt Wende

Die Wende kam durch einen fehlenden Vermerk in Pfisterers Akten. Staatsanwältin Sophia Roth wies darauf hin, dass der Angeklagte im Mai 2019 eine Strafe wegen einer Körperverletzung erhalten hatte. Der Richter stutzte. Bei ihm stand, dass der Rentner zuletzt 2013 straffällig geworden war. Ein weiterer Zeuge wurde einbestellt. Der 31-Jährige befindet sich derzeit in Stadelheim in U-Haft und wurde von zwei Polizeibeamten vorgeführt. Er gab an, gekocht zu haben, getrunken habe er am Tattag nur wenig. Der Angeklagte sei „mit aggressivem Blick“ auf den 20-Jährigen losgegangen, habe „auf Herzhöhe“ zugestochen. „Das war versuchte Tötung, der Stich war volle Absicht, der war gezielt“, betonte der Zeuge. Pfisterer rätselte. „Es ist undurchsichtig, was da passiert ist. Ich habe kein klares Bild.“

Verteidigerin hält Bewährungsstrafe von drei Monaten für angemessen

Die Staatsanwältin forderte acht Monate Haft – auf Bewährung. Es habe dem Angeklagten nicht gepasst, dass Unberechtigte in der Obdachlosenunterkunft feierten. „Er hat den Stich mit Wucht ausgeführt.“ Dagegen beharrte Verteidigerin Melike Tatlice-Dumlupinar darauf, dass sich ihr Mandant in einer Ausnahmesituation befand. Sie hielt eine Bewährungsstrafe von drei Monaten für angemessen.

Einiges im Dunkeln

Pfisterer folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft. „Es bleibt einiges im Dunkeln, was sich da in der Obdachlosenunterkunft ereignet hat“, gab er zu. Aber: Der Angeklagte habe mit einer Stichbewegung eine Verletzung herbeigeführt. „Da war eine Meute junger Leute, die da nichts zu suchen haben. Da haben Sie in gewisser Weise überreagiert“, hielt er dem 76-Jährigen zugute. Die Tat sei nicht geplant gewesen, er habe versucht, vorher die Lage mit der Polizei zu klären. Jedoch: Wegen der hohen Rückfallgeschwindigkeit des Rentners hielt Pfisterer acht Monate auf Bewährung für gerechtfertigt.

Alexander Kraus

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