Der Angeklagte muss für zwei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis.
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Der Angeklagte muss für zwei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis (Symbolfoto).

Mann hat langes Sündenregister

Mit Schere auf Polizisten losgegangen: Somalier muss ins Gefängnis

Ein Somalier muss wegen verschiedener Taten ins Gefängnis. Richter Andreas Pfisterer ordnete zudem eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

Garmisch-Partenkirchen – Nur wenige Sätze waren es, die der Angeklagte in gebrochenem Deutsch hervorbrachte. Er zeigte Einsicht und legte ein Geständnis ab: „Mein einziges Problem ist der Alkohol.” Das hat das Schöffengericht überzeugt, von einer schärferen Bestrafung abzusehen. Der Somalier, der, meist betrunken, eine wahre Flut von Straftaten im Landkreis begangen hat, muss für zwei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis. Richter Andreas Pfisterer ordnete zudem eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

Gefährliche Körperverletzung 

Um zu erfassen, was der Mann zwischen 2016 und 2019 verbrochen hat, verlas Claudia Karl die Anklageschrift. Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Staatsanwältin fertig war. Ein Auszug: Sachbeschädigungen in den Asylbewerberunterkünften in Garmisch-Partenkirchen, Ettal und Oberammergau, Diebstähle in Supermärkten. Er beleidigte und bedrohte Nachbarn, Security-Mitarbeiter und Amtsträger, er bespuckte sie, schlug und trat um sich. Das Schwerwiegendste: Der Asylbewerber ging mit abgebrochenen Flaschen und einer Schere gegen Polizisten vor und wehrte sich massiv, in Gewahrsam zu kommen. Die Justiz bezeichnet das als gefährliche Körperverletzung sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.

Juristischer Kniff

Verteidigerin Dr. Brigitte Schwerdt griff zu einem juristischen Kniff und bat um ein Rechtsgespräch. Alle Verfahrensbeteiligten einigten sich hinter verschlossenen Türen auf einen Strafrahmen, wenn der Angeklagte vollumfänglich gesteht. Das erleichterte dem Gericht die Beweisaufnahme und ersparte den zahlreichen Zeugen die Aussage.

Drei verschiedene Geburtsdaten

Als der Somalier sämtliche Tatvorwürfe eingeräumt hatte, befragte Pfisterer die Gutachter. Es existieren drei verschiedene Geburtsdaten. Der erste Experte kam zu dem Schluss, dass der Somalier knapp 24 Jahre alt sein müsste. Das Jugendstrafrecht kann somit nicht angewandt werden. Erhellender wurde es, als der zweite Sachverständige sprach. Dr. Lorenz Schweyer attestierte dem Angeklagten eine Alkoholabhängigkeit. Nach einigen seiner Straftaten wurde dem Somalier Blut entnommen, der Promillewert schwankte zwischen 1,4 und 2,0 Promille. Schweyer durchleuchtete dessen Leben. Der Mann habe „eine Perspektivlosigkeit wegen des fehlenden Berufs” und falle durch „das provokative Missachten von Normen” auf. Sein Alltag sei bestimmt von widrigen Umständen und Resignation: „Die Polizei, Security, unfreundliche Leute, Türsteher. Alles ist ihm egal, er trinkt, wie er will.“ Anfangs hatte Schweyer noch von einer geringen Motivation des Angeklagten berichtet, am Ende sprach er jedoch von dessen Selbstreflexion und gesteigertem Willen. „Die Aussichten sind à la longue nicht nur ungünstig.” Der Psychologe stellte auch eine verminderte Steuerungsfähigkeit fest.

Mit Handschellen in den Gerichtssaal

Der Somalier, von zwei Polizisten und einem Justizsicherheitssekretär bewacht, wurde mit Handschellen im Gerichtssaal vorgeführt. Er berichtete, wie er in einem Plastikboot mit 92 Insassen aus Libyen vor islamischen Milizen flüchtete und nach Italien kam. Von dort ging es weiter nach Österreich und 2016 schließlich nach Deutschland. „Ich habe keine Kontrolle“, sagte er zu seinen Alkoholexzessen. In seiner Zeit im Abrams in Garmisch-Partenkirchen traf er sich täglich mit afrikanischen Freunden an der Loisach und berauschte sich mit Bier und Whiskey. Seit vier Monaten befindet er sich in U-Haft in Stadelheim und trinkt keinen Alkohol mehr. Er versprach, sich nach verbüßter Strafe an die Gesetze zu halten. Er wolle in Deutschland bleiben und arbeiten. „Ich muss mein Glück nochmal suchen.”

Unklare Zuständigkeiten

Wie sich im Laufe des Verfahrens zeigte, lag es aufgrund unklarer Zuständigkeiten zwischen Justiz und Staatsanwaltschaft daran, dass der Somalier 2018 nach sechs Monaten in der JVA Stadelheim wieder frei kam. Pfisterer sprach von einer „Panne der Justiz”. Es wäre „viel früher nötig gewesen, dass Sie vor dem Richter stehen“, sagte er. Derselben Meinung war die Verteidigerin. Von einem Jugendrichter verurteilt zu werden, „diese Chance hatte er nicht“, betonte Schwerdt, die ihren Mandanten als „vernünftigen jungen Mann“ beschrieb, der die „Verantwortung seines Tuns“ übernehme. Nach seiner Entlassung 2019 wurde der Angeklagte erneut straffällig und kam wieder in U-Haft.

Richter sieht gute Chancen

Pfisterer räumte bei der Urteilsverkündung ein, das das reduzierte Strafmaß „verwunderlich erscheinen mag“. Jedoch müsse er bei der Stafzumessung die persönliche Situation des Mannes berücksichtigen. Nach der Flucht habe er wegen seiner Perspektivlosigkeit nichts besseres gewusst, als sich zu betrinken. Dazu komme die zweimalige U-Haft. Diese insgesamt zehn Monate gelten als verbüßt und werden angerechnet. Pfisterer wandte sich dem Angeklagten zu. Nach dessen Aufenthalt in der Entziehungsanstalt sieht der Richter gute Chancen. „Sie haben die Gelegenheit, nach einem Jahr frei zu kommen, wenn die Therapie funktioniert. Der Rest könnte dann zur Bewährung ausgesetzt werden.“

Alexander Kraus

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