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Pilotprojekt vorgestellt (v.l.): Nikolaus Stöger (Forstbetriebsleiter Oberammergau), Ortsobmann Nikolaus Grasegger, Bezirksalmbauer und AVO-Vorstand Josef Glatz, AVO-Schriftführerin Susanne Krapfl, Landrat Anton Speer (Freie Wähler), Kerstin Gabler (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft) und AVO-Geschäftsführer Hans Stöckl. 

Versammlung in der Almhütte in Garmisch-Partenkirchen

Wolf bleibt Reizthema bei den Almbauern

Ein Pilotprojekt zeigt: Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen sind etwa zwei Drittel der möglichen Weideflächen nicht zäunbar. Das Thema kam im Rahmen der Almbauernversammlung auf den Tisch.

Landkreis – Ein neugeborenes Ziegenkitz, tot auf der Weide. Ein Schaf, dessen halber Hinterlauf in blutigen Fetzen hängt. Wolfsopfer. Schreckliche Bilder. Bald auch im Landkreis?

Schlimmes Ereignis in Mittenwald

Und dabei war das Jahr 2019 auch so schon schlimm genug, wie Landrat Anton Speer in seinem Grußwort zur Almbauernversammlung am vergangenen Freitag in der Almhütte darstellte. Nach dem Schneekatastrophen-Winter folgte ein um zwei Wochen verspäteter Almauftrieb. Erst der feuchtkalte Frühling, dann der viel zu heiße Juni, der mit dem Tod von über 180 Mittenwalder Bergschafen durch einen trockenheitsbedingten Hangrutsch am 1. Juli seinen traurigen Höhepunkt fand.

Ein langer Herbst ließ die Almbauern durchschnaufen – nur, um in einen November-Föhnsturm zu münden, „der am Anfang gar nicht so schlimm ausgesehen hat“. Die Aufräumarbeiten im unzugänglichen Gelände sind noch lange nicht abgeschlossen.

Viele Baustellen

Und die Baustellen für die Bauern werden nicht weniger: Am 1. April dieses Jahres tritt die Düngemittelverordnung in Kraft. „Wahnsinn, was da auf uns zukommt. Der Bürokratismus wird immer mehr“, konstatiert Landrat Anton Speer. An tierischer Bedrohung mangelt es ebenfalls nicht: 60 Biber wurden bereits entnommen, vor allem im Staffelseeraum. Sie beschädigten 4000 Bäume und gefährdeten dadurch unter anderem die Verkehrssicherheit von Wanderwegen: „Da müssen wir unbedingt wieder tätig werden“, so Speer.

Schweinepest droht

Im Nordlandkreis droht Schwarzwild, die Schweinepest einzuschleppen. Allein 15 Wildschweine wurden vergangenes Jahr im Graswangtal erlegt. Forstbetriebsleiter Nikolaus Stöger bittet darum, Sichtungen sofort zu melden. „Zum Bär sog i nix“, warnt Stöger erst, um dann doch noch zu ergänzen: „Wir wissen nicht, wo er ist. Wie vom Erdboden verschluckt. Schauen wir mal, wo er wieder auftaucht!“

Wolf im Blickpunkt

Vom Biber über die Wildsau bis zum Bären: Bayerns Natur ist reicher als es manchem lieb ist. Im Mittelpunkt des Abends steht aber Meister Isegrimm. Almbauernpräsident Josef Glatz weiß: „Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen haben derzeit die höchste Wolfsdichte der Welt.“ Er hebt die „narrisch guade“ Zusammenarbeit mit den Staatsforsten hervor. Dennoch: „Es gibt keinen Stopp. Der Wolf kann nix dafür. Wenn er Hunger hat, frisst er halt.“

Erstaunte Ausrufe

Daten der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf sorgen für erstaunte Ausrufe in der voll besetzten Almhütte. In Bayern ist er längst angekommen, durch den Veldensteiner Forst oberhalb Nürnbergs streift bereits der zweite Wurf eines Rudels. „Der Druck nimmt zu“, sagt Susanne Krapfl, Schriftführerin des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern (AVO). „Wir haben alle Angst, dass er kommt.“

Pilotprojekt Wiedeschutz

Was man tun kann, wenn es soweit ist und der Landkreis offiziell zum Wolfsgebiet erklärt werden sollte, das weiß Kerstin Gabler vom Institut für Tierzucht bei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Sie stellte die Ergebnisse des Pilotprojekts Weideschutz vor, für das im vergangenen Jahr in Garmisch-Partenkirchen sowie den Gemeinden Burgberg und Rettenberg im Allgäu Daten erhoben wurden. Denn nur wer innerhalb eines Jahres nach Erklärung eines Wolfsgebiets einen Grundschutz errichtet hat, erhält für Risse noch Ausgleichszahlungen. Als Zaun genügt dabei ein vierlitziger Elektrozaun mit mindestens 90 Zentimeter Höhe. Feldstücke mit mehr als 40 Prozent Hangneigung auf über 15 Prozent der Außengrenzen gelten laut Arbeitshypothese als „nicht zumutbar zäunbar“. Ebenfalls solche, die im Weiderechtsbezirk oder im Lawinenstrich liegen, von offiziellen Wegen oder Gewässern geschnitten werden (Durchschlupfmöglichkeit) oder deren Bodenbeschaffenheit eine Zäunbarkeit verhindern. Die Studie ergab zudem, dass der Faktor „Einsprung“, also das leichte Überwinden des Zauns durch Böschungen und so weiter in die Bewertung hinzugenommen sollte.

Zwei Drittel der möglichen Weideflächen nicht zäunbar

Fazit des Pilotprojekts: Im Landkreis sind etwa zwei Drittel der möglichen Weideflächen nicht zäunbar. Eigentlich gut – denn für Risse in nicht schützbarem Gebiet gibt es immer Geld. Auch Entnahmen, also Abschüsse, sind möglich. Die Crux daran ist, dass das Landesamt für Umwelt im Ernstfall die tatsächlichen Grundschutz-Parameter erst noch zu definieren hat. Das kann die von der LfL so fleißig zusammengetragenen Studienergebnisse theoretisch zunichte machen. „Im Grunde sind alle unsere Daten dann für die Tonne“, gibt Kerstin Gabler zu. Was letztendlich wohl schlimmer ist – Wildtier oder Bürokratie-Wildwuchs? Das wird die Zukunft zeigen. Gegen den Wolf darf man sich wenigstens wehren, allerdings nur im noch festzusteckenden Rahmen. Eigentlich bleibt zum Schluss nur der Satz, mit denen Landrat Anton Speer sein Grußwort beendete: „Ich bewundere jeden, der unter diesen Bedingungen die Landwirtschaft fortführt.“ 

Eva Klaehn

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