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Einsatz im Winter: Ein Rettungswagen wartet, bis ihm die Bergwacht einen verunglückten Skifahrer übergibt. 

„Wir wehren uns mit Händen und Füßen“

Das BRK schlägt Alarm: Massive Versorgungsengpässe im Rettungsdienst drohen

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Massive Kürzungen beim Krankentransport – das sind unter anderem die Empfehlungen für die Ausstattung des BRK-Kreisverbandes. Dessen Vertreter kritisieren diese Pläne und fürchten massive Engpässe in der Versorgung.

Landkreis – Es sind drastische Worte, die Klemens Reindl wählt. Versorgungslücke ist eines, das dem Geschäftsführer des BRK-Kreisverbandes in den Sinn kommt, wenn er über die Auswirkungen des TRUST-III-Gutachtens spricht. „Wir sind der Meinung, dass die Entwicklung der Quote zur Einhaltung der Hilfsfristen inzwischen bedrohliche Ausmaße angenommen hat und dringend gestoppt und umgekehrt werden muss.“ Deshalb wehren sich Reindl und sein Team vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) sowie Kommunalpolitiker gegen die Umsetzung der Trend- und Strukturanalyse (TRUST).

Auf deren Basis sollen 55,5 Wochenstunden im Krankentransport gestrichen werden. „Umgerechnet bedeutet das den Verlust von fünf Arbeitsplätzen“, sagt Reindl. Dazu kommt, dass sich die Wartezeiten für Patienten nochmals verschlechtern. „Schon jetzt gibt es regelmäßige Beschwerden.“ Fast 20 Prozent, das entspricht mehr als 700 Betroffenen, müssten länger als eine Stunde ausharren. Da nützt es auch nichts, dass in Garmisch-Partenkirchen im Gegenzug ein zusätzlicher Rettungswagen (RTW) stationiert werden soll. Ein Fahrzeug, das eigentlich im Notfall ausrücken muss und auch genau dafür ausgestattet ist. Zu zwei Dritteln wäre es allerdings für Krankentransporte gebunden, sollten die aktuellen TRUST-Empfehlungen tatsächlich zum Tragen kommen. „Die ganze Rechnung geht nicht auf“, meint der BRK-Kreischef.

Zu lange Wartezeiten

Kein Wunder, dass er Alarm schlägt. Ein Schreiben an den Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Oberland, der für die Landkreise Garmisch-Partenkirchen, Weilheim-Schongau und Bad Tölz-Wolfratshausen zuständig ist und der am morgigen Dienstag über das 332-Seiten-Papier beschließen soll, macht das deutlich. „Uns bewegt die Sorge um einen guten und funktionierenden Rettungsdienst im Landkreis“, betont Reindl. Der werde schon jetzt durch ehrenamtliche Einsatzkräfte und gespendete Mittel unterstützt. Diese „dürfen aber nicht zum Notnagel für strukturelle Unterversorgung werden“. Unter den anvisierten Umständen wird es ihm zufolge immer schwieriger, die angestrebten zwölf Minuten von der Abfahrt des Fahrzeugs bis zum Eintreffen eines geeigneten Rettungsmittels an einem an einer Straße gelegenen Notfallort einzuhalten. Eine Frist, die schon jetzt bayernweit nur in 80 Prozent aller Fälle funktioniert. In Bad Bayersoien beispielsweise, das auf dem Papier von Steingaden (Kreis Weilheim-Schongau) mitversorgt werden soll, wurde die Frist bei 98 Einsätzen im für TRUST III relevanten Zeitraum von Oktober 2016 bis September 2017 39-mal überschritten. „Wir laufen auf eine dramatische Situation zu“, unterstreicht Reindl. Setzt er rein die vorhandenen Fahrzeuge und Mitarbeiter sowie die genehmigten Stunden in Verhältnis, „komme ich auf über 3600 Bürger im Landkreis, die nicht in der Frist erreicht werden können“.

Sorgen, die Thomas Schwarzenberger teilt. Der Krüner Bürgermeister (CSU) ist durch seine Tätigkeit als Vorsitzender des BRK-Kreisverbandes mit dem Thema bestens vertraut. Auch er spricht sich mit Nachdruck gegen die angestrebten Veränderungen im Landkreis aus. In der morgigen Sitzung, an der auch Landrat Anton Speer (Freie Wähler) und Kreisbrandrat Johann Eitzenberger teilnehmen, plädiert er dafür, den Bereich Garmisch-Partenkirchen noch einmal zu verhandeln. „Es geht darum die bestehende Situation neu zu beleuchten und vor allem differenziert zu betrachten.“ Damit spielt der Krüner auf etliche Besonderheiten im Landkreis an.

Resolution der Bürgermeister noch vor Weihnachten geplant

Dazu zählt neben den vier Talschaften und der Lage an der österreichischen Grenze, die Hilfe von außen nur aus dem Norden ermöglicht, auch die Tatsache, dass es am Garmisch-Partenkirchner Klinikum noch eine Geburtshilfe gibt. „Muss ein Frühchen nach München gebracht werden, wird der RTW umgebaut“, erklärt Reindl. Das heißt, die Liege wird aus- und ein Inkubator eingebaut. Ein Vorgang, der dauert. Auch die Pisteneinsätze, wurden ihm und Schwarzenberger zufolge nicht ausreichend gewürdigt. „Wir haben gute Argumente“, meint der Krüner. Deshalb fordert er neue Verhandlungen für seinen Zuständigkeitsbereich. „Es wird sicher nicht einfach, insbesondere mit den Krankenkassen.“ Davon lässt er sich aber nicht abschrecken. „Wir wehren uns mit Händen und Füßen. Kampflos nehmen wir das nicht hin.“

Unterstützt wird er von seinen Bürgermeister-Kollegen. „Wir schicken eine gemeinsame Resolution nach München“, kündigt Martin Wohlketzetter (SPD) an. Noch vor Weihnachten soll damit dem Farchanter Rathaus-Chef zufolge klar gemacht werden, dass in TRUST III „alles über einen Kamm geschoren wird“. Zu den bereits angesprochenen Besonderheiten kommen seiner Meinung nach auch der Durchgangsverkehr und die vielen Urlaubsgäste dazu. „Dadurch wird die Zahl der Menschen, für die das BRK im Notfall zuständig ist, noch einmal wesentlich höher.“

Video: Wieso nehmen die Angriffe auf Rettungskräfte zu?

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