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Taktgeberin: Nicht nur im Partenkirchner Festzelt führt Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer den Dirigentenstab.

Meierhofer im Sommergespräch: „Der spannendste Job, den es gibt“

Garmisch-Partenkirchen: Bürgermeisterin spricht im Interview über absurde Beschlüsse, Kritik und Allmacht 

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Ob sie erneut kandidiert? Knapp sieben Monate vor der Wahl positioniert sich Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD) im Interview nicht. Wenn sie es tut, geht’s im Wahlkampf zur Sache.

Frau Dr. Meierhofer, Sie sind jetzt fast fünfeinhalb Jahre im Amt. Was war denn rückblickend das schwierigste Erlebnis für Sie in Ihrer Anfangsphase als Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen?

Ganz klar, als ich beim G7-Gipfel einen Bescheid unterschreiben sollte, von dem ich überzeugt war, dass, wenn ich das tun würde, der Streit mit den Gipfel-Gegnern erst richtig losgehen würde. Deswegen habe ich ihn nicht unterschrieben, sondern habe einen eigenen Vertrag mit dem Camp-Sprecher gemacht. Und der hat sich auch bewährt. Das hat uns einen friedlichen G7-Gipfel beschert. Ich bin damals sehr unter Druck gesetzt worden. Man hat Landrat Speer aufgefordert, mich anzuweisen. Das hat er nicht gemacht. Dafür bin ich ihm ewig dankbar. Am Schluss war ich dann einfach schneller als die nächste Ebene. Das war das einzige Mal in den bisherigen fünfeinhalb Jahren, dass ich kaum schlafen konnte.

Ist das ein Charakterzug von Ihnen, dass Sie sich nicht verbiegen lassen. Dass Sie zu Ihrer Meinung stehen und sich auch von höchster Instanz nicht davon abbringen lassen?

Ich lasse mich nur dann abbringen, wenn mir die Argumente der anderen Seite schlüssig erscheinen. Dann natürlich immer, egal von welcher Ebene.

War der G7-Gipfel so etwas wie die Feuertaufe für Sie? Haben Sie danach gewusst, ich kann Bürgermeister, ich kann mich durchsetzen?

Nein, so habe ich das gar nicht gesehen. Es war einfach diese eine Situation, die schwierig war, weil dieser Bescheid meiner Meinung nach zwangsläufig zu Randale geführt hätte. Für mich waren die Dinge, die da drin standen, reine Schikane. Das war damals eine Situation, die mit der gewöhnlichen Bürgermeistertätigkeit nicht zu vergleichen ist.

Also kein Freischwimmer-Zeugnis für die Bürgermeister-Novizin?

Eher nicht. Mit den Themen, die den Ort betreffen, war ich ja nach zwölf Jahren Gemeinderat vertraut. Unser SPD-Wahlprogramm war die Richtschnur. Ich wusste, wo es hingehen soll. Ich habe versucht, die Gremien zu überzeugen, welchen Weg wir einschlagen sollten.

Sie haben allerdings nie eine Verwaltung mit 300 Mitarbeitern geführt. Kann man so etwas lernen?

Ich versuchte, mir schnell viel Wissen anzueignen, um die richtigen Fragen stellen zu können. Und ich lasse mir von meinen Amtsleitern die jeweiligen Probleme schildern und komme dann zu einem Ergebnis. Übrigens: Kein Bürgermeister vor mir hatte diese Erfahrung, bevor er das Amt angetreten hat.

Vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ist überliefert, er sei ein Aktenfresser gewesen. Es heißt, Sie würden ähnlich arbeiten. Ist diese Einschätzung richtig?

Aktenstudium im Büro: Dr. Sigrid Meierhofer ist immer bestens informiert.

Ich versuche, mich soweit einzulesen, dass ich weiß, worum es geht und wo die Stolpersteine liegen. Man muss durch entsprechende Vorbereitung in der Lage sein, Dinge schlüssig zu beurteilen.

Wie bewerten Sie persönlich Ihre fünfeinhalbjährige Amtszeit?

Bürgermeisterin zu sein, ist einer der spannendsten Jobs, die es gibt. Man bekommt einen ganz breiten gesellschaftlichen Kontakt. Den hat man in nur wenigen Berufen. Das hat mir schon in der Medizin gefallen. Und ich finde, meine Bilanz kann sich sehen lassen. Wir haben viel erreicht. Meiner Meinung nach so viel wie schon lange nicht mehr in einer Wahlperiode. Auch wenn das in der Öffentlichkeit nicht registriert wird. Ich habe viel angeschoben und auch bereits einiges realisiert.

Und was ist das?

Um nur einige Vorhaben herauszugreifen: Teilsanierung und -erweiterung der Schulen, Ausbau der Kita-Plätze, Sanierung des Skistadions, neues Partnachklamm-Eingangsgebäude. Viele Straßen wurden erneuert, die Verkehrsberuhigung mit Tempo-30-Zonen eingeführt und die Ludwigstraße belebt. Außerdem werden die ersten der so genannten Familienwohnungen noch in diesem Jahr fertig, der Baubeginn für das künftige Seniorenzentrum mit Wohnungen am alten Finanzamt ist für diesen Herbst vorgesehen und für den kommunalen Wohnungsbau in Burgrain läuft bereits der Wettbewerb. Das LongLeif-Vermögen wird nach und nach, dem Stifterwillen entsprechend, eingesetzt. Und das Tourismus-Amt wurde in eine GmbH überführt. Nur bei ganz wenigen Dingen bin ich wirklich überstimmt worden. Besonders wehgetan hat mir, dass ich im Bauausschuss bei den Sozialwohnungen gescheitert bin. Und natürlich ärgere ich mich über den Stopp in der ursprünglich von allen getragenen Verkehrswende. Wenn Sie eine Quintessenz aus dieser Amtszeit wollen: Das ist der Fokus auf das Gemeinwohl – in allen Facetten. Geradlinig, glaubwürdig, gerecht. Dieses Gemeinwohl lebt nicht nur von den großen Dingen, sondern vor allem von den kleinen. Die sind mir wichtig. Deswegen kümmere ich mich auch um Kleinigkeiten.

In den ersten drei vier Jahren lief es bei der Arbeit mit dem Gemeinderat im Vergleich zu jetzt relativ kommod. Wie haben Sie es bis zur Halbzeit geschafft, den Gemeinderat so zu führen, dass Sie viele Dinge, die Ihnen wichtig waren, durchgebracht haben?

So, wie ich es immer mache. Durch gute Vorbereitung und durch gute Information. Wir hatten ja das Problem, dass wir den Haushalt konsolidieren mussten. Das hat fast jeder Gemeinderat verstanden. Wir konnten keine nennenswerten Investitionen tätigen. Deshalb lag es auf der Hand, dass wir Lösungen finden mussten. Das hat in den ersten Jahren ganz gut funktioniert, weil alle die Notwendigkeit erkannten.

Inzwischen hat sich das aber grundlegend geändert.

Jetzt gibt es wieder verschiedene Vorstellungen, was zuerst gemacht werden soll. Ich werde, das ist vielleicht auch meine SPD-Natur, wie bereits erwähnt, geleitet vom Gemeinwohl. Mir geht’s darum, dass alles, was zur Daseinsvorsorge gehört, auch funktioniert. Das fängt bei den Kindertagesstätten an, geht bei den Schulen weiter, bei den Senioren und endet bei Sport und Kultur. Dazu kommen Umweltschutz und Verkehr sowie der nachhaltige Tourismus. Unser Slogan heißt: „Entdecke Deine wahre Natur“. Was wir touristisch vermarkten wollen, müssen wir vorleben.

Der Haushalt ist konsolidiert und trotzdem fällt das Regieren nicht mehr so leicht. Der Hauptgrund dürften die Kommunalwahlen am 15. März des kommenden Jahres sein.

Das sehe ich genauso. Ich will jetzt keine Namen nennen und keine einzelnen Entscheidungen anführen, sonst wären die Personen, die ich meine, einfach zu identifizieren. Aber in letzter Zeit wurden vereinzelt so absurde Beschlüsse gefällt, dass man das nur dem Wahlkampf zuschreiben kann.

Dabei gäbe es noch viel zu tun. Bürgermeisterin und Gemeinderat als „lame ducks“?

Ich gehe davon aus, dass in letzten Monaten vor der Wahl keine großen Entscheidungen mehr gefällt werden können. Aber ich fühle mich nicht als „lame duck“, weil ich die meisten Projekte, die mir wichtig sind, auf den Weg gebracht habe.

Der Bürger hat schon jetzt den Eindruck, dass bei vielen Projekten wenig vorangeht oder alles sehr lange dauert. Landläufig herrscht die Meinung, die Bürgermeisterin verfüge über die Allmacht, nütze diese aber nicht.

Die Bürgermeisterin und auch der Gemeinderat stoßen häufig an Grenzen. Viele Behörden und Verbände reden mit. Wir leben nicht im luftleeren Raum. Auf der anderen Seite: Wenn ich die Leserbriefe in Ihrer Zeitung lese, in denen ich angeschossen werde, dann fühle ich mich manchmal geschmeichelt, weil die Menschen tatsächlich glauben, dass ich allmächtig sei. Das finde ich dann wieder eigentlich ganz nett (lacht).

Man hält Sie augenscheinlich für die Bundeskanzlerin von Garmisch-Partenkirchen.

Auch Angela Merkel ist nicht so allmächtig, wie es manchmal den Anschein hat. Es liegt vielleicht auch in der Natur des Menschen, den eigenen Unmut auf eine einzelne „schuldige“ Person zu projizieren.

Der Bürger hat Sie und den Gemeinderat einmal ausgebremst und vor Augen geführt, wer eigentlich der Souverän ist. Stichwort Bürgerentscheid zum Kongresshaus.

Ich muss zugeben, das habe ich völlig falsch eingeschätzt. Ich habe nicht gedacht, dass das so ausgeht, weil ich der Meinung war, die Argumente sind selbstredend und die Information ist angekommen. Gesagt werden muss allerdings auch: Die Gegenseite hat mit Unwahrheiten operiert, und dagegen war es ganz schwer anzukommen. Das ist uns nicht gelungen. Das Thema war natürlich auch stark emotional besetzt. Wir konnten den Menschen eines nicht klar machen: Wenn wir Kongresse haben wollen, dann können wir nicht von den Emotionen leben, sondern nur von harten Fakten, die die jeweilige Ausstattung betreffen. Ein Kongresshaus muss einfach bestimmte Anforderungen erfüllen. Da sind wir bei dem Sprichwort, dass der Köder dem Fisch schmecken muss und nicht dem Angler. Wir fliegen aus dem Markt, wenn wir das nicht erfüllen. Und das wird der Fall sein, wenn uns jetzt nicht eine umfassende Lösung unserer Probleme gelingt.

Der Henchion und Reuter-Entwurf, der den Realisierungswettbewerb gewonnen hatte, ist wieder im Rennen. Befinden Sie sich mit dem Berliner Architektenbüro weiter im Gespräch?

Wir waren über den ganzen Zeitraum im Gespräch. Aber wir haben das Ganze erst einmal gestoppt, weil wir die Kosten für die Generalsanierung des Kongresshauses ermitteln müssen – das war die Forderung aus dem Bürgerentscheid. Und dabei muss man in die Tiefe gehen – ähnlich wie beim Skistadion. Das war ja nicht Gegenstand der Ausschreibung, weil wir zunächst noch von der Funktionstüchtigkeit des Altbestands ausgegangen sind. Dass es da weit fehlt, trat erst bei der näheren Untersuchung im Rahmen der Ausführungsplanung zutage.

Glauben Sie, dass der für Sie negative Ausgang des Bürgerentscheids Ihr Ansehen in der Öffentlichkeit beschädigt hat?

Das weiß ich nicht. Ein Bürgermeister muss ja täglich irgendwelche Attacken über sich ergehen lassen. Nicht nur ich. Das geht ja allen so – vor allem in den größeren Orten, wo vieles auf der anonymen Ebene abläuft. Da ist der Ton deutlich rauer.

Etliche Amtskollegen in Deutschland sind im Rahmen der Flüchtlingskrise bedroht worden. Ist Ihnen Ähnliches auch passiert?

Nein, mir persönlich noch nie. Ich habe nie irgendeinen Drohbrief bekommen, bei dem meine körperliche Unversehrtheit irgendwie betroffen gewesen wäre. Lediglich während des G7-Gipfels ist die Polizei vor meinem Wohnhaus patrouilliert. Aber das war wohl Prophylaxe. Beschimpfungen aller Art war ich allerdings schon oft ausgesetzt.

Ähnlich emotional besetzt wie das Kongresshaus war auch der fahrradgerechte Umbau der Bahnhofstraße. Ein Projekt, für das Sie sich stark engagiert haben, Ihnen aber die Hälfte des Gemeinderats, als es darauf ankam, unter Federführung der CSU die Gefolgschaft verweigert hat.

Die CSU, die immer für das Fahrradkonzept gestimmt hat, war plötzlich dagegen. Warum das so war, das müssen Sie die CSU fragen. Die Erklärungen waren nie schlüssig. Ich finde die Ablehnung sehr rückwärtsgewandt, auch problematisch für unsere Ortsentwicklung und ich habe überhaupt kein Verständnis dafür. Dabei, so glaube ich, hat der Wahlkampf eine große Rolle gespielt.

Im Mai des kommenden Jahres wird beim FIS-Kongress in Thailand die Ski-WM für 2025 vergeben, die Garmisch-Partenkirchen ausrichten möchte. Traditionell hält der Bürgermeister die Bewerbungsrede. Werden Sie das sein?

Vor dem Redehalten fürchte ich mich nicht. Ich weiß aber nicht, wer dann Bürgermeister ist.

Ich will auf etwas anderes hinaus.

Das ist mir schon klar, aber das wird nicht funktionieren.

Wollen wir doch ganz konkret fragen. Werden Sie bei der nächsten Kommunalwahl noch einmal für das Bürgermeisteramt kandidieren?

Die SPD hat wahrscheinlich Ende November Aufstellungsversammlung. Wir haben intern besprochen, dass wir uns Zeit lassen. Der Wahlkampf fängt früh genug an. Und je länger der Wahlkampf ist, desto schlechter ist das für den Ort.

Aber Sie müssen doch für sich entscheiden, ob Sie noch einmal wollen?

Das ist meine Angelegenheit. In dem Moment, in dem ich mich positioniere, egal wie, geht’s richtig zur Sache. Das brauche ich jetzt nicht. Selbst wenn ich noch einmal kandidiere: Es ist ja nicht gesagt, dass ich wiedergewählt werde. Das ist mir durchaus bewusst.

Völlig richtig. Aber Sie nennen das Bürgermeisteramt doch den spannendsten Job, den es gibt.

Ich musste einige unpopuläre Maßnahmen treffen. Die Einsparmaßnahmen haben manchem wehgetan. Und wie man sieht, kann nicht jeder den Prozess nachvollziehen. Auch wenn wir wirklich eine Menge geschafft haben – selbst wenn ich kandidieren würde, ist mir klar, dass das Ergebnis völlig offen ist. Wenn ich antrete, dann biete ich meine Arbeitsleistung an. Das wäre dann ein Angebot an die Bürgerinnen und Bürger. Das können sie annehmen oder ausschlagen. Wenn sie es annehmen, dann geht’s so weiter. Wir schauen nach vorne, schauen, dass wir vorankommen, dass wir die Herausforderungen der Zukunft Schritt für Schritt annehmen und gestalten und nicht von ihnen überrollt werden.

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