Landrat Anton Speer spricht vor eine Reihen an Journalisten an der Corona-Teststation in Garmisch-Partenkirchen
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Klärt auf: Landrat Anton Speer bei der Verkündung der Ergebnisse.

Junge Frau war keine Superspreaderin

Corona-Panikmache in Garmisch-Partenkirchen? Landratsamt wehrt sich - und stellt eines klar

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
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Alles Panikmache? Nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse der Corona-Reihentests in Garmisch-Partenkirchen wird das Landratsamt laut kritisiert. Das Amt stellt aber klar: Es würde wieder so handeln.

  • Das Landratsamt bleibt auf seinem Kurs hinsichtlich des Corona-Ausbruchs und steht zum Test-Appell.
  • Eine junge US-Amerikanerin hat von ihrer Quarantäne-Pflicht gewusst und ein Formular unterschrieben.
  • Der höchste US-General besucht Garmisch-Partenkirchen.

Garmisch-Partenkirchen – Der Wind hat sich gedreht. Und es ging flott. Panikmache, vorschnelle Anschuldigungen, Suche nach dem Sündenbock, Rückkehr des Prangers – Begriffe und Schlagzeilen, die in Bezug auf das erhöhte Corona-Infektionsgeschehen von Mitte September plötzlich zu lesen oder im TV zu hören sind, nachdem Mitte vergangener Woche die Resultate der Massentests von Garmisch-Partenkirchen komplett veröffentlicht waren. Zur Erinnerung: Unter rund 1000 Abstrichen befanden sich nur vier Positiv-Fälle, die in Zusammenhang mit dem Ausbruchsgeschehen im US-Hotel Edelweiss Lodge & Resort und dem Nachtleben in Garmisch-Partenkirchen zu bringen waren.

Corona-Ausbruch in Garmisch-Partenkirchen: Nach der Entwarnung kippt die Stimmung

Landrat Anton Speer (Freie Wähler) hatte den Braten früh gerochen. „Manchen wird das jetzt nicht gefallen, dass die Zahlen so niedrig sind“, hatte er am Rande der Pressekonferenz an der Corona-Teststation gemutmaßt. Er behielt Recht. Die Stimmung schlug nach der Entwarnung schnell um. Bei einigen Medien entwickelte sie sich vom Aufklärungsdrang hin zum Vorwurf der Hexenjagd gegenüber Kollegen und den öffentlichen Stellen.

Das Musterformular des Gesundheitsministeriums hat auch die junge US-Amerikanerin unterschrieben.

Garmisch-Partenkirchen: Landratsamt bekommt wegen Corona-Fall Kritik ab

Natürlich hat auch das Landratsamt der Bannstrahl der Entrüsteten getroffen. In Zeiten der schnellen Kommunikation ist das nicht schwierig. Wer eine Beschwerde loswerden will, bedient sich des Kontaktformulars. „Wir sollen uns bei der Frau entschuldigen“, rezitiert Stephan Scharf, Sprecher der Kreisbehörde, aus einer der Mails, die zuletzt eingetrudelt waren.

Der Tenor unter den Kritikern: Nun wird angezweifelt, dass die 26-jährige US-Amerikanerin überhaupt gegen ihre Quarantäne-Auflagen verstoßen hat, behauptet, dass sie lediglich in Speiselokalen verkehrte. So stellen beispielsweise die sogenannten Faktenfinder der ARD auf der Internet-Plattform tagesschau.de die Situation dar. Ohne Recherche vor Ort, ohne dem Wissen, dass Bars wie das Peaches oder das Irish Pub unter dieser Form der Konzession firmieren.

Auf die Suche nach den Tatsachen hat sich das Garmisch-Partenkirchener Tagblatt noch einmal begeben und versucht, die Geschehnisse zwischen dem 3. und 15. September zu rekapitulieren:

Corona-Ausbruch in Garmisch-Partenkirchen: Die Fakten zum Geschehen zwischen 3. und 15 September

Nachweisbar ist, dass sich die junge US-Staatsbürgerin, Angestellte in der Edelweiss Lodge, nach ihrem Urlaub in Griechenland am Montag, 7. September, an der Corona-Teststation am Alpspitz-Wellenbad einfand, um einen Abstrich machen zu lassen. „Da sie unter anderem angab, unter Halsschmerzen zu leiden, wurde sie als Verdachtsperson eingestuft“, sagt Scharf. Entsprechend gab es für sie Aufklärung über die Konsequenzen des Tests in ihrer Muttersprache Englisch. Das hatte Hansjörg Wiesböck, Leiter der Koordinierungsgruppe Corona, bei der Pressekonferenz am 15. September bereits bestätigt. Doch die Frau wurde nicht nur belehrt: Wie jeder an der Station Getestete unterschrieb auch sie das Musterformular des Bayerischen Ministeriums für Gesundheit und Pflege, auf dem ausdrücklich von einer „Verpflichtung“ die Rede ist, sich „vorübergehend in häusliche Isolation zu begeben“. „Dieses Formular liegt uns vor“, betont Scharf.

Corona in Garmisch-Partenkirchen: Junge Frau geht aus - trotz laufendem Corona-Test

Das Positiv-Ergebnis traf am Mittwoch, 9. September, im Gesundheitsamt ein. Die umgehend erfolgte Kontaktaufnahme durch die Ermittler ergab, dass sich die Frau an drei Abenden – darunter am Dienstag, 8. September, entgegen der zu diesem Zeitpunkt geltenden Quarantäne-Anordnung – im Garmisch-Partenkirchner Nachtleben aufgehalten hatte. „Wir haben nie gesagt, dass sie dort jemanden definitiv angesteckt hat“, sagt Scharf. „Allerdings mussten wir davon ausgehen, dass es hätte sein können, da sie zu diesem Zeitpunkt infektiös war“. Schließlich waren auch die Zahlen im US-Resort auf zuletzt 25 Positiv-Fälle nach oben geschossen.

Die Folgen sind bekannt: Es kam zum Test-Appell, zur Allgemeinverfügung für den Markt Garmisch-Partenkirchen. „Wir mussten aufrufen, weil wir eine mögliche Superspreaderin hatten und die Kontakte nicht bekannt waren“, betont Scharf nochmals.

Corona-Ausbruch in Garmisch-Partenkirchen: Amt macht klar, dass es jederzeit wieder so handeln würde

Ein Vorgehen wie das in Garmisch-Partenkirchen ist im benachbarten Tirol fast an der Tagesordnung. Dort veröffentlicht das Land immer wieder konkrete Informationen, wo sich im Nachhinein positiv Getestete aufgehalten haben, um möglichst viele Kontaktpersonen ermitteln zu können. „Bei uns ist das erstmals passiert, weil wir zuvor fast immer nur Ausbrüche im kleinen Stil in eingeschränkten Bereichen wie Fußballmannschaften hatten“, sagt Scharf. Eines macht er unmissverständlich deutlich: „Wenn es wieder zu einem unklaren Infektionsgeschehen kommen würde, würden wir es wieder genau so durchziehen, wir könnten gar nicht anders an diese Sache herangehen. Und das hat nichts mit Panikmache zu tun.“

Auch das Nennen der Nationalität verteidigt Scharf. „Im Normalfall ist die Herkunft wirklich irrelevant.“ Nicht so unter diesen Umständen. „Wir haben die Sache genau abgewogen. In diesem Fall erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, Treffer zu bekommen, wenn es um Kontakt zu einer US-Amerikanerin geht.“

US-Besuch: General Norrie zu Gast in Garmisch-Partenkirchen

Der Fall Garmisch-Partenkirchen hat mittlerweile höchste Kreise erreicht – nicht nur die Staatsanwaltschaft, die ermittelt, sondern auch bei den US-Streitkräften. In der vergangenen Woche gab es zunächst ein Telefonat, nur einen Tag später traf Brigadegeneral Christopher R. Norrie, Kommandeur der in Bayern stationierten Truppen, mit einer kleinen Delegation, darunter dem für Garmisch-Partenkirchen zuständigen Oberst Christopher R. Danbeck, in der Marktgemeinde ein. „Sie wollten den Landrat und die Bürgermeisterin kennenlernen“, sagt Scharf. Es gab zudem einen fachlichen Austausch. Die US-Abordnung, darunter auch ein Mediziner, besuchte das Gesundheitsamt. „Ich denke, das war ein sehr gutes Treffen und ein wichtiges Zeichen“, betont der Sprecher. Man habe vereinbart, den Informationsfluss zwischen beiden Seiten in solchen Notlagen zu verbessern. Laut Scharf stieß den US-Amerikanern der Umgang mit dem Fall durch die Medien sauer auf. „Aber der General benannte auch ganz deutlich das Fehlverhalten der Angestellten.“

Ganz ist die Sache für das Landratsamt auch nach dem US-Besuch noch nicht erledigt. Denn die Kreisbehörde ist für das Bußgeld zuständig. Scharf stellt klar: „Das Verfahren ist aber noch in Bearbeitung.“

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