Wolf
+
Ein Wolf ist im Landkreis Garmisch-Partenkirchen von einer Wildtierkamera aufgenommen worden (Symbolbild).

Almbauern haben Angst um ihre Tiere

Nach dem Fund von fünf toten Schafen: Diskussion um Umgang mit dem Wolf

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
    schließen

Viele haben damit gerechnet: Dass der Wolf auch einmal in den Landkreis Garmisch-Partenkirchen kommt, dort Schafe tötet. Jetzt hat er das aller Wahrscheinlichkeit nach getan. Und es stellt sich die alte Frage: Wie geht man mit dem Tier um?

Axel Doering vom Bund Naturschutz kämpft für ein besseres Image des Wolfs.

Landkreis – Das Rotkäppchen hat er gefressen. Die Großmutter auch. Und die jungen Geißlein. „Er muss ja schlecht sein.“ Dieses Bild vom bösen Wolf hat sich bei den Menschen von Kindesbeinen eingebrannt, sagt Axel Doering. Allein durch die Gebrüder Grimm und ihre Märchen. „Aber das Bild ist falsch.“ Für den Vorsitzenden des Bund Naturschutz in Garmisch-Partenkirchen ist es an der Zeit, das wieder zu betonen. Nachdem der Wolf nun im Landkreis aufgetaucht ist. Und dort vermutlich fünf Schafe getötet hat. Doering hört sie schon. Die Rufe, die nun wieder den Abschuss des Tieres fordern. „Diese Diskussion kommt, ganz sicher.“

Im Grunde braucht man sie aber gar nicht zu führen. Darauf verweist Thomas Bär, Vorsitzender der Kreisgruppe Garmisch-Partenkirchen des Bayerischen Jagdverbands (BJV). Denn während beispielsweise Luchs und Bär dem Jagdrecht, dabei einer ganzjährigen Schonzeit unterliegen, ist der Wolf wie der Biber dem Naturschutz zugeordnet. Heißt: Er wird streng geschützt. So pauschal aber darf das nicht gelten, fordernmanche.

Ja zum Wolf - Ja zum Abschuss? Almbauer Glatz fehlt die Regulierung 

„Wer zum Wolf ,Ja‘ sagt, muss auch zum Abschuss ,Ja‘ sagen.“ Diesen Satz hat Josef Glatz dieser Tage gehört. Er steht für vieles, was den Garmisch-Partenkirchner, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern, umtreibt. Nicht, dass er sofort nach dem Abschuss des Wolfes schreien würde. Doch fehlt ihm eine Regulierung. Ein Plan, wie man mit dem Thema umgeht. Bereits seit 2006 befasse man sich damit, immer wieder forderten die Almbauern eine Lösung. Auch, damit man vorbereitet ist, sobald der Wolf einmal im Landkreis Schafe reißt. Dass es einmal so weit kommen würde, damit haben alle gerechnet, zumal in Bayern – auch in Weilheim-Schongau – und Tirol zuletzt vermehrt Tiere gesichtet worden waren. Dennoch fehlen Glatz klare Richtlinien, wie man sich nun verhalten soll.

Am Montag fotografierte eine Wildtierkamera einen Wolf im Landkreis – nicht weit entfernt von der Almwiese, auf der ein Landwirt vor einer Woche seine toten Schafe entdeckt hatte. Auch deshalb hält es das Landesamt für Umwelt (LfU) für „sehr wahrscheinlich“, dass sie der Wolf gerissen hat. Endgültig wird das eine genetische Untersuchung zeigen. Mit dem Ergebnis rechnet das LfU in einer oder auch erst in mehreren Wochen.

Thomas Bär vom Jagdverband fragt: Ist touristische Region der richtige Lebensraum für Wolf?

Thomas Bär vom Jagdverband fordert eine kritische Diskussion. 

Jäger Bär sieht die Politik in der Pflicht. Finanzielle Entschädigungen für die Almbauern sind das eine – die jedoch den „emotionalen Schaden“ nie auffangen können. Zudem fordert er, sich mit unangenehmen Punkten auseinanderzusetzen. Vor allem einer treibt ihn um: Welchen Lebensraum gesteht man dem Wolf zu? Ist eine extrem touristisch geprägte Region wie diese die richtige Heimat für den Wolf, wo Existenzen vom Wirtschaftszweig Tourismus abhängen? Bär antwortet mit einem Szenario.

Urlauber gehen mit ihrem Border Collie im Reintal spazieren. Der Hund reißt aus, ein Wolf entdeckt, jagt, tötet ihn. Traurig für die Hundebesitzer. Miserabel für die Region, sobald die Medien berichten und die Botschaft senden: „Nach Garmisch-Partenkirchen kann man nicht mehr kommen.“ Bär mag den Wolf, das betont er ausdrücklich. „Ein schönes, faszinierendes Tier.“ Das wie jedes andere Wildtier „seine Daseinsberechtigung hat“. Doch in einem Landkreis wie Garmisch-Partenkirchen „ist das Konfliktpotenzial enorm“.

Almbauer Josef Glatz: „Wir haben Angst um unsere Tiere“

Bereits 2018 wurden im Landkreis, im Hörnlegebiet, Wolfsspuren entdeckt. Doch das Tier verschwand wieder. Ungesehen und ohne Folgen. Wie wird sich dieser Wolf jetzt verhalten? Diese Frage treibt die Beteiligten um.

Er zieht weiter, davon ist Doering überzeugt. Almbauer Glatz hofft auf diese Version. Viele haben ihm das prophezeit. „Aber du weißt es halt einfach nicht.“ Es könnte auch heute oder morgen wieder ein Schaf töten. Über Zäune oder Hütehunde lassen sich die etwa 2500 Schafe auf den Almwiesen im Landkreis – auf so viele wie kommt das restliche Oberbayern zusammengerechnet nicht – nicht schützen. Zu groß ist das Gebiet, zu verstreut sind die Schafe. „Wir haben Angst um unsere Tiere.“

Doering versteht das, sieht, wie „ausgesprochen bedauerlich“ der Verlust für den Almbauern ist. Zugleich will er ihn ins richtige Verhältnis rücken. Dabei stützt er sich auf Untersuchungen, wonach lediglich fünf bis zehn Prozent der Nahrung eines Wolfes Nutztiere ausmachen. 50 Prozent Wild, zudem fresse das Tier viel Mais und Äpfel. Der Mensch, betont er, müsse sich keine Sorgen machen. Lediglich bei einem „Problem-Wolf“. Für Doering ein Tier, das unter Menschen aufgewachsen ist und aus einem Gehege entkommt.

Thomas Bär vom Jagdverband: Problem-Wolf, sobald er sich auf Nutztiere wie Schafe spezialisiert

Bär nutzt eine andere Definition. Vom Problem-Wolf spricht er, wenn er sich auf Nutztiere quasi spezialisiert. Und eben nicht überwiegend Wild frisst. „Das soll er haben“, sagt er. „Er lebt ja davon.“ Damit tritt der BJV-Kreisgruppenchef einem häufigen Vorwurf entgegen: Dass der Jäger den Wolf nicht haben wolle, weil er seine Arbeit übernimmt. Unrealistisch, sagt Bär. „Der Jäger wird nicht überflüssig.“ Das vielleicht nicht, sagt Doering. Doch würde ein Wolf in seinen Augen Wild und Waldverbiss auf natürliche Art und Weise reduzieren. „Er wäre ein Segen für unsere Landkultur.“

Keine Aussage, die Glatz unterschreibt. In der Schweiz und im Trentino, wo der Wolf heimisch geworden ist, hat er sich mit Almbauern unterhalten. Jeder gab ihm einen Satz mit auf den Weg: „Seid froh, wenn Ihr ihn nicht habt.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Soldat erfindet Helden-Geschichte - dann packt ihn das schlechte Gewissen
Ein Major aus Murnau gab sich als Lebensretter aus und sollte wegen seiner mit großem Aufwand erfundenen Helden-Geschichte das Ehrenkreuz in Gold erhalten. Der …
Soldat erfindet Helden-Geschichte - dann packt ihn das schlechte Gewissen
Studie belegt: Oberbayerischer Ort ist Deutschlands beliebtestes Reiseziel - Riesen-Ansturm seit Corona
Laut einer Studie des „Kommunal“-Magazins ist ein Ort in Oberbayern die Tourismushochburg Nummer eins in der Republik. Daraus ergeben sich aber auch Herausforderungen …
Studie belegt: Oberbayerischer Ort ist Deutschlands beliebtestes Reiseziel - Riesen-Ansturm seit Corona
5G-Ausbau: Bürgermeister rüffeln Telekom
Der Ausbau des neuen Mobilfunkstandards 5G schreitet weiter voran. Daran wird immer wieder Kritik laut. Jetzt melden sich auch die Landkreis-Bürgermeister zu Wort. In …
5G-Ausbau: Bürgermeister rüffeln Telekom
Tourismus-Kollaps an der Zugspitze: Ausflügler stürmen ohne Ausrüstung zum Gipfel - Staatsstraße dicht
Bei Garmisch-Partenkirchen ist der Ansturm auf die Zugspitze an diesem Samstag riesig. Touristen stürmen ohne Ausrüstung zum Gipfel. Die Behörden haben bereits reagiert.
Tourismus-Kollaps an der Zugspitze: Ausflügler stürmen ohne Ausrüstung zum Gipfel - Staatsstraße dicht

Kommentare