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Das Siegel ist überreicht (h., ab 2.v.l.): Dr. Heide-Rose Brückner, Heimo Liebich, Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer, Felix Neureuther, Wolfgang Bauer (Zweiter Bürgermeister) und Landrat Anton Speer mit den Kindern und Jugendlichen, die künftig mehr Mitspracherecht haben.

Jugendlichen dürfen nun Projekte mitgestalten

Garmisch-Partenkirchen ist Kinderfreundliche Kommune: Mitspracherecht besiegelt

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Garmisch-Partenkirchen ist erst die dritte Gemeinde in Bayern, die das Gütesiegel „Kinderfreundliche Kommune“ erhält. Kinder haben nun fast die gleichen Möglichkeiten wie Gemeinderäte.

Garmisch-Partenkirchen – Sigrid Meierhofer (SPD) hat Tränen in den Augen. Vor Lachen. Sie hat gerade den Einsatz beim Reaktionsspiel „Kommando Pimperle“ versemmelt. Sie hob ihre Arme, obwohl ihr Felix Neureuther gar kein „Kommando“ gegeben hat. Der sitzt, steht und hüpft vor ihr auf der Bühne in bester Laune. Rund 50 Kinder und Jugendliche hatten dem ehemaligen Skirennläufer besser zugehört als die Erwachsenen und ihre Hände erst gen Himmel gestreckt, als das Stichwort „Kommando“ fiel.

Neureuthers Spiel bei der Verleihung des Siegels „Kinderfreundliche Kommune“ an die Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen war nicht nur lustig. Er wollte als Schirmherr der Aktion auf ein großes Problem aufmerksam machen: Die mangelnde Bewegung der Kinder und Jugendlichen ist gravierend und soll nicht zuletzt durch das neue Prädikat einen offizielleren Charakter bekommen. Satte 80 Prozent zwischen zehn und 18 Jahren bewegen sich laut einer Studie nicht mehr als eine Stunde am Tag. Das aktuelle Schulsystem sei neben der fortschreitenden Digitalisierung schuld daran, ist sich Neureuther sicher. Den Schulalltag will er jetzt reformieren. „Ich will die Welt nicht neu erfinden“, meint er. Aber sich mitunter spielerisch zu bewegen, „ist gut für Körper und Gehirn“. Spiele wie das „Kommando Pimperle“.

Das Prädikat ist kein zahnloser Tiger sondern ein mächtiges Werkzeug

Für die Kinder war es der Höhepunkt der Auszeichnungsübergabe von Heimo Liebich, Schatzmeister des Vereins Kinderfreundliche Kommune an die Bürgermeisterin. Das Prädikat ist kein zahnloser Tiger – es hat ab sofort weitreichende Wirkung auf sämtliche Projekte, die künftig im Gemeinderat zur Debatte stehen. Mit dem Siegel haben Kinder und Jugendliche ab sofort zwar „leider kein Stimmrecht“, bedauert Meierhofer. Dennoch verleiht es ihnen nun eine verbindliche und systematische Mitsprache. Das freut besonders den Kinder- und Jugendbeirat. Der darf künftig mit einem vertraulichen Blick in die Sitzungssoftware der Gemeinde schauen – sprich, sie haben nun die gleichen Einsichten wie die gewählten Volksvertreter. Dann können sie sich zu Projekten äußern und Anträge einbringen. Was das für Projekte wie beispielsweise Radwegekonzept, Kongresshaus oder Bahnhofsstraßen-Umbau bedeutet, darf spannend werden. Wobei die Kinder bei Letzterem bereits eine Niederlage einstecken mussten. Bekanntlich hat sich der Gemeinderat für die autofreundlichere Variante entschieden. „Aber das müssen die Kinder auch lernen, zäh sein und sich nicht unterkriegen lassen.“ Doch sie durften sich bereits in weitere Projekte einbringen – beispielsweise bei den neuen Spielplätzen an der Krankenhausstraße sowie in Burgrain. Auch das Politik-Speed-Dating kam sehr gut an bei Kindern, als auch Erwachsenen.

Ein bis dato fehlendes Mitspracherecht bekrittelte der junge Beirat nämlich bislang. Laut einer Umfrage mit 98 Kindern und Jugendlichen im Alter von acht bis 16 Jahren aus dem Ort, haben nur vier Prozent angegeben, dass sie in der Kommune mitbestimmen dürfen. „Das hat uns am meisten gestört“, sagt Seda Erginyavuz. Die 19-Jährige ist Vorsitzende des Beirats, der mit dem neuen Prädikat ein mächtiges und vor allem rechtlich bindendes Instrument in die Hand bekommen hat.

Kinderfreundliche Kommune: Kinder haben jetzt sogar eine eigene Verfassung

Das Siegel „Kinderfreundliche Kommune“ ist eine gemeinsame Initiative des Deutschen Komitees für UNICEF und des Deutschen Kinderhilfswerks und hat ab sofort drei Jahre Gültigkeit. Dann wird geprüft, ob sich die Marktgemeinde an den Aktionsplan gehalten hat. Auch die Kinderverfassung, die auf der Idee von Bürgermeister-Kandidatin Elisabeth Koch (CSU) beruht und von ihr umgesetzt und einstimmig vom Gemeinderat abgesegnet wurde, muss die Gemeinde künftig bei allen Vorhaben vorrangig beachten. „Das ist neu“, sagt Dr. Heide-Rose Brückner, Senior-Consultant des Vereins. Ein Vortrag von ihr im Frühjahr 2016 im Garmisch-Partenkirchner Gasthof Schatten war es, der Meierhofer auf die Idee, eine „Kinderfreundlichen Gemeinde“ zu werden, brachte.

Die Siegelübergabe wurde von einem mitreißenden Image-Film von Filmemacher Jo Jonietz (Gapa-TV) umrahmt. In ihm ließ Jonietz alle Gemeinderäte und den Beirat die Vorteile der Kinderverfassung aufzählen.

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