Ein totes Rotwild-Muttertier liegt auf dem Boden.
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Wanderer haben das tote Muttertier entdeckt. Zwei Tage, nachdem es getötet und bereits ein wenig vom Fuchs angefressen worden war.

Jagd-Kollegen fordern Strafe

Wanderer hörten die Schüsse: Jäger tötet Rotwild-Muttertier - ihr Kälbchen muss qualvoll verhungern

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Ein Jäger aus Garmisch-Partenkirchen hat ein Rotwild-Muttertier erlegt. Das Kälbchen ist dadurch ebenfalls dem Tod geweiht. Jagdkollegen fordern nun eine Bestrafung.

  • Ein erfahrener Jäger aus Garmisch-Partenkirchen hat ein Rotwild erschossen.
  • Ein Alttier, das gerade erst sein Junges bekommen hatte.
  • Der Jäger hat gegen das Bundesjagdgesetz verstoßen.

Update, 19. August, 17.30 Uhr: Zwei Alttiere hat der Jäger erlegt, obwohl das in dieser Zeit nicht erlaubt war. Was noch schwerer wog: Ein Rotwild davon war ein Muttertier. Damit verstieß der Garmisch-Partenkirchner – er spricht von einem Versehen – gegen die Moralvorstellung von Tierschützern und Jägern, zudem gegen das Bundesjagdgesetz. Gegen ihn wurde Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft München II übernahm die Ermittlungen. Sie dauern an, teilt eine Sprecherin auf Nachfrage mit. Wann sie abgeschlossen sind und ob sie zu einer Anklage führen, lässt sich noch nicht sagen

Erstmeldung:
Garmisch-Partenkirchen – Kann nicht sein. Darf nicht sein. Johann Geisslinger hat gar nicht gewusst, was er denken geschweige denn sagen sollte, als er davon erfahren hat. Am liebsten hätte der Bad Kohlgruber einfach nicht geglaubt, was er da hörte.

Von dem Jagdkollegen, den man im ganzen Landkreis kennt. Der über 40 Jahre Erfahrung verfügt. Der am 19. Juni ein Rotwild erschossen hat. Ein Alttier, das gerade erst sein Junges bekommen hatte – das ohne die Mutter ebenfalls qualvoll stirbt. „Ein Muttertier zu erlegen, das ist das Schlimmste, was man machen kann“, sagt Geisslinger, Vize-Vorsitzender der Kreisgruppe Garmisch-Partenkirchen im Bayerischen Jagdverband (BJV). Auch nach einigen Tagen ist er noch betroffen. „Das ist ein sehr trauriger Vorfall.“

Garmisch-Partenkirchen: Wanderer hören Schüsse - zwei Tage später wird totes Muttertier gefunden 

Zwei Wanderer hatten an diesem 19. Juni Schüsse im Staatsjagdrevier „Steilen“ im Wetterstein, auf dem Weg Richtung Schachen gehört. Am selben Tag wurde, wie die Ermittlungen der Polizei mittlerweile ergaben, in der Wildkammer in Farchant ein Rotwild abgegeben. Zwei Tage später, am 21. Juni, fanden zwei weitere Wanderer das tote Alttier. Erlegt mit einem fachmännischen Schuss ins Schulterblatt. Führend, wie ein Jäger zu einem Tier mit Kalb sagt. Was man an der prall mit Milch gefüllten Spinne – bei der Kuh spräche man vom Euter – erkennt. 

Das Kalb hatte keine Chance. Es ist 100-prozentig tot.

Tessy Lödermann

Damit verstieß der Garmisch-Partenkirchner Jäger (67) gleich doppelt gegen das Bundesjagdgesetz. Es verbietet für Bayern das Bejagen von Alttieren und Kälbern vor dem 1. August und nach dem 31. Januar. Generell tabu sind für die Aufzucht notwendige Elterntiere, bis die Jungen selbstständig sind. In diesem Fall „hatte das Kalb keine Chance“, sagt Tessy Lödermann, Vorsitzende des Tierschutzvereins Werdenfels. „Es ist 100-prozentig tot.“

Reh-Mutter erschossen: Polizei ermittelt - Jäger bestreitet Absicht

Die beiden Wanderer erstatteten Anzeige. Polizeibeamter Anton Berndaner, der selbst einen Jagdschein besitzt, übernahm die Ermittlungen, sprach auch mit dem betroffenen Jäger. „Aus allen Wolken“ soll er gefallen sein, als er von seinem Handeln und den Vorwürfen hörte. Er leugnet sie nicht, schildert das Ganze aber als tragisches Versehen. Seine Version: Er schoss auf ein Schmaltier, also ein weibliches Jungtier, das er hätte erlegen dürfen. Doch lief es nach dem Treffer verletzt weiter, in den Wald hinein. Wenig später entdeckte der Jäger dort ein Tier, er schoss ein weiteres Mal, traf offenbar perfekt – das Muttertier war tot, das Kalb damit dem Tod geweiht.

In der Wildkammer abgegeben hat er das – vermeintliche – Schmaltier. Was sich ebenfalls als Alttier herausstellte. Ein weiterer Fehler, ein weiterer Verstoß. Auch wenn das Landratsamt dem 67-Jährigen für diesen Fall den Rücken stärkt. Berndaner zufolge gesteht die Behörde – sie entscheidet am Ende beispielsweise über einen Entzug des Jagdscheins – dem Jäger hier eine Verwechslung zu, nachdem das Tier schwach gewesen sei.

Jäger in Garmich-Prtenkirchen verstößt gegen ungeschriebenes Gesetz - Reh-Mutter getötet

Alles nur ein Irrtum? Ein Missverständnis? Polizist Berndaner, der den Fall mittlerweile an die Staatsanwaltschaft München II übergeben hat, hält die Darstellung zumindest für glaubwürdig. Thomas Bär für „etwas fadenscheinig“. Ein erstes, spontanes Urteil des Vorsitzenden der BLV-Kreisgruppe, in dem besagter Jäger Mitglied ist. 

Doch hat Bär die Version über Ecken erfahren. Für eine endgültige Meinung will er das persönliche Gespräch abwarten. Der Jäger erlebe eine schwierige Zeit, das Thema schlägt hohe Wellen. „Ich möchte da nicht noch drauftreten.“ Einen Vorwurf aber müsse sich der Garmisch-Partenkirchner immer gefallen lassen. Er hat gegen ein ungeschriebenen Ehrengesetz verstoßen: „Schieße nur das tot, was du kennst.“ Heißt auch: Vergewissere dich genau. Gerade in dieser sensiblen Zeit.

Für Jäger gilt: Generell Vorsicht bei Alttieren - Kälbchen haben keine Chance

Die meisten Alttiere haben in diesen Wochen ein Kalb dabei oder sind trächtig. Der Jäger muss sicherstellen, welches Tier er beobachtet – und erlegen will. Als „hochheiße Kiste“ empfindet es Bär, in dieser Zeit überhaupt auf weibliches Rotwild zu schießen. Schmal- und Alttiere seien manchmal nur schwer auseinanderzuhalten. „Und bei einem Alttier muss generell das Ausrufezeichen angehen“, ergänzt Geisslinger. Auch nach dem 1. August, wenn man es bejagen darf. Lässt sich nicht mit Sicherheit ausschließen, dass man auf ein trächtiges oder ein Muttertier zielt, „bleibt der Finger gerade“. Abschussquoten und eine gewisse Jagdlust – für Lödermann die beiden möglichen Erklärungen für das Verhalten des Jägers – hin oder her.

Egal, wie es am Ende zum Unglück kam. Für Geisslinger steht fest: „Das darf nicht passieren.“ Das unterschreibt Lödermann. Ihr aber geht es um mehr als um diesen Einzelfall. Den Jäger kennt sie, an den Pranger stellen will sie ihn nicht.

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Bayernweit hat die Staatsanwaltschaft derartige Verfahren, soweit sie weiß, eingestellt. Angeblich, weil kein öffentliches Interesse bestehe. Für sie nicht nachvollziehbar. „Ein solches Vorgehen muss bestraft werden.“ Das wiederum unterschreibt Geisslinger.

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen Jäger und Tierschützer sich anfeindeten. Zumindest sollten sie vorbei sein. „Eine anständige Jagd beinhaltet stets den Tierschutz“, betont Geisslinger. 99 Prozent halten sich in seinen Augen an die Regeln und erfüllen die unbestritten wichtigen Aufgaben verantwortungsbewusst. Damit setzen sie sich zugleich für das Image der Jäger ein, das durch Negativschlagzeilen immer wieder massiv gelitten hat. Negativschlagzeilen wie jetzt aus Garmisch-Partenkirchen. Geisslinger: „Damit macht ein schwarzes Schaf die Arbeit von Jahren zunichte.“

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