Skitourengeher bereiten sich auf den Weg nach oben vor.
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Auf geht’s zur nächsten Tour: An der Talstation der Kreuzeckbahn machen sich drei Wintersportler bereit für den Marsch nach oben.

Garmisch-Partenkirchen sieht keine Alternative

Weltcup-Piste Kandahar gesperrt: Ski-Tourengeher ignorieren Warnschilder - „Der Wahnsinn“

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
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Es ist der letzte Ausweg: Der Markt Garmisch-Partenkirchen hat eine Pistensperre für die obere Kandahar verhängt. Die Verordnung gilt bis 10. Januar.

Garmisch-Partenkirchen - Die Szenen, die Verena Altenhofen schildert, sind kaum zu glauben: Tourengeher, die sich unter den Seilen der Pistenraupen durchducken, um weiterzukommen, die sich an den Seilen hochziehen, sie quasi als Aufstiegshilfe benutzen. Alles während des laufenden Präparierungsbetriebs. Am Dienstag wurde es den Pistenarbeitern zu bunt: Sie hielten Rücksprache mit den Verantwortlichen und legten die Arbeit nieder. Zu gefährlich – so lautete der klare Tenor. Sie machen so nicht mehr weiter.

„Die Leute halten sich nicht an die Absperrungen.“

Verena Altenhofen, Sprecherin der Bayerischen Zugspitzbahn AG

Garmisch-Partenkirchen: „Haben lang auf die Vernunft der Menschen gesetzt“

Szenen, die sich an der Kandahar im Classic-Skigebiet von Garmisch-Partenkirchen an jenem Tag abspielten – und die immer häufiger werden. „Die Leute halten sich nicht an die Absperrungen“, sagt Altenhofen, die Sprecherin der Bayerischen Zugspitzbahn AG. „Zum Glück ist in diesem Zuge bisher nichts passiert, denn das wäre wirklich schlimm.“ Da das Bergbahnunternehmen nur begrenzte Handhabe hat, lediglich Warnschilder aufstellen und auf die fehlende Gefahrenabsicherung hinweisen kann, da eben kein normaler Skibetrieb herrscht, hat nun der Markt Garmisch-Partenkirchen gehandelt. Per Verordnung ist die Kandahar, die Weltcup-Rennstrecke am Kreuzeck, seit Mittwoch, 18 Uhr, bis zum 10. Januar (21 Uhr) vom Start am Kreuzjoch bis zum Abschnitt Bödele für alle Wintersportler gesperrt. „Es ist traurig, dass man so etwas machen muss“, sagt Elisabeth Koch. Aber die CSU-Bürgermeisterin sieht keinen anderen Ausweg. „Wir haben lange auf die Vernunft der Menschen gesetzt, aber es zeigt sich klar, dass man darauf nicht mehr bauen kann.“

Die Rathauschefin ist schockiert und enttäuscht von den Ereignissen an der Kandahar. Zweimal ist sie am Dienstag selbst rausgefahren, um sich die Lage anzuschauen. Was sie erlebt hat? „Völlig frustrierte Arbeiter, die sich das nicht mehr antun wollen.“ Koch hatte sich schon Anfang Dezember mit einem Brandbrief an Ministerpräsident Markus Söder wegen dem Ski-Tourismus gewendet.

Garmisch-Partenkirchen: Die Kandahar ist dem DSV vorbehalten

Der Hintergrund für die verstärkten Präparierungen in diesen Tagen ist schnell erklärt: Der Deutsche Skiverband rückt am 2. Januar mit seinen Abfahrern – Damen und Herren – für eine Woche bis 10. Januar zum Training an. Seit der WM 2011 besteht eine Vereinbarung zwischen Marktgemeinde und dem DSV, dass die Piste für einen gewissen Zeitraum allein dem Leistungssport zur Verfügung gestellt wird. „Das ist für uns verbindlich, und daran halten wir uns natürlich, dafür gab es damals ja auch Fördermittel beim Umbau der Strecke“, merkt Koch an.

Nicht zu übersehen: die LED-Schilder.

Um die Piste in einen optimalen Zustand für das Training der Weltcup-Athleten zu bringen, mussten die Experten der BZB nun noch einmal nachlegen. Eine Aufgabe, für die das Bergbahnunternehmen – wie gewöhnlich – die Abschnitte sperrt, in denen das schwere Gerät teilweise über Seilwinden unterwegs ist. „Dazu haben wir LED-Schilder mit Laufschrift gestellt, die man nicht übersehen kann“, sagt Altenhofen. Nur: „Die interessieren niemanden, werden ignoriert“, moniert Koch.

„Wenn dabei etwas passiert, wird derjenige seines Lebens nicht mehr froh.“

Bürgermeisterin Elisabeth Koch

Garmisch-Partenkirchen: „Die Gefahr ist hinreichend konkret“

Die Bürgermeisterin steht vor einem Rätsel, warum sich die Menschen so verhalten. „Wo sind wir hingekommen?“, fragt sie. „Das wäre ja gerade so, als würde jede rote Ampel an der Rathauskreuzung nur noch eine Empfehlung darstellen. Das ist der Wahnsinn.“ Als Ausweg blieb ihr nur die Verordnung. „Wir die sind die Ordnungsbehörde und müssen für Sicherheit sorgen.“ Als Vorsitzende des Aufsichtsrats sieht sie es als ihre Pflicht an, für das Wohl der Mitarbeiter einzutreten. Für deren Verhalten, die Arbeit einzustellen, hat sie volles Verständnis. „Wenn dabei etwas passiert, wird derjenige seines Lebens nicht mehr froh.“ Dass die Verordnung rechtens ist, steht für Koch außer Frage. „Die Gefahr ist hinreichend konkret“, benennt die frühere Rechtsanwältin die Grundlage für das Vorgehen. Dadurch gibt es nun auch eine Handhabe für die Polizei. „Wer jetzt in diesem Bereich unterwegs ist, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einem Bußgeld rechnen.“

Auch Altenhofen bedauert solche Vorgehensweisen. Aber: „Sonst halten sich die Leute nicht dran.“ Sie verweist auf die weiteren Pisten im Classic-Gebiet, die im Falle von Arbeiten auf den Strecken zur Verfügung stehen. „Wir bieten ja sogar noch so viel mehr als in anderen Regionen, wo alle Parkplätze gesperrt werden, um die Tourengeher fernzuhalten.“ Und dann würden Regeln schlichtweg missachtet.

Für das DSV-Training werden in den Tagen bis 10. Januar auch die Kreuzeckbahn sowie der Kandahar-Express jeweils kurzzeitig in Betrieb gehen. Rein für die Leistungssportler versteht sich. Der Verband wird auch die Strecke bis zum Bödele mit Netzen absichern und mit Personal bewachen. Denn, das weiß Altenhofen mittlerweile zu gut: „Die Leute finden auch wieder Wege, um durch die Netze zu schlüpfen.“ Und das kann böse enden.

Das Problem mit den Ski-Tourengehern ist nicht neu. Schon im Dezember gab es Ärger in Garmisch-Partenkirchen.

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