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Die Häuser an der Archstraße in Garmisch-Partenkirchen will die Vonovia sanieren und dann die Miete erhöhen.

Sanierung kommt teuer

Mieterhöhungen von bis zu 80 Prozent drohen

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Zwei Welten prallen aufeinander: Die Vonovia, Deutschlands größter Wohnungsvermieter, plant, Häuser in der Garmisch-Partenkirchner Archstraße zu sanieren. Dagegen wehren sich die Mieter, die mit hohen Mietsteigerungen rechnen müssen, die viele einfach nicht stemmen können.

Garmisch-Partenkirchen – Männer und Frauen, die Jennifer Müller nur vom Sehen kennt, haben ihr auf die Schulter geklopft. Ihr anerkennend zugenickt. Ihr gedankt. Weil sie ihren Mund aufmacht und sich gegen die Mieterhöhung in ihrer Wohnung an der Archstraße in Garmisch-Partenkirchen wehrt. Eine Erhöhung, die sie sich nicht leisten kann. Die sie an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Eine Erhöhung aber auch, die noch gar nicht sicher sei. Und für die alle betroffenen Mieter einen Mehrwert erhalten. So sieht es der Hausbesitzer, die Vonovia SE, Deutschlands größter Wohnungsvermieter. An der Archstraße prallen zwei Welten aufeinander.

Die von Jennifer Müller ist im Mai ins Wanken geraten. Damals bekam sie Post von Vonovia. Sie kündigte Baumaßnahmen in den beiden Gebäuden mit 38 Wohnungen an. Und bald auch eine massive Mieterhöhung. Um 285 Euro auf 892 Euro, mit Nebenkosten würde sie auf 1200 bis 1300 Euro kommen, schätzt Müller. „Ich bin jetzt schon am Limit“, sagt die alleinerziehende Mutter von zwei Buben. Sie arbeitet Teilzeit, verdient samt Nebenjob etwa 630 Euro netto, ihr helfen zudem Unterhalt und Kindergeld.

Vor Dean (6) und Leon (8) versucht die 34-Jährige, ihre Sorgen zu verbergen. Neulich aber haben sie gesehen, wie die Mama wieder geweint hat, wie oft in den vergangenen Wochen. Sie wollte ihre Buben am Spielplatz vor dem Haus besuchen, hat gesehen, welchen Spaß sie hatten. Und die Tränen liefen. Sie sieht keine Lösung.

Die Briefe der Vonovia füllen ein ganzen Ordner von Jennifer Müller.

Nach einer Wohnung sucht sie bereits. Doch immer wieder sagten ihr Vermieter ab. Der Grund: die Kinder. Geeignete Wohnungen in Garmisch-Partenkirchen und Umgebung gibt es ohnehin nur wenige. Groß genug muss sie sein und bezahlbar. Die Archstraße war also perfekt, als Müller dort 2011 einzog. Damals bezahlte sie nach eigener Aussage nur 367 Euro kalt – ein Geschenk für eine 89 Quadratmeter große Vier-Zimmer-Wohnung. Dabei blieb es nicht. Jahr für Jahr erreichte die junge Frau aus Recklinghausen, die seit 2006 im Landkreis wohnt, eine Mieterhöhung. Jetzt bezahlt sie 607 Euro kalt. Dieser Betrag könnte nun um weitere 47 Prozent steigen. Seit ihrem Einzug hätte sich die Miete damit um 143 Prozent erhöht.

Zahlen, die Bettina Benner nicht kommentiert. Schließlich stehe noch nicht fest, welche der Baumaßnahmen umgesetzt werden und wie viel diese am Ende kosten, betont die Vonovia-Pressesprecherin. Noch hat das Unternehmen keinen Bauantrag bei der Gemeinde für die Aufstockung der zwei Gebäude oder für den damit verbundenen Fahrstuhl eingereicht.

Aufstockung und Aufzug – Reizwörter für Müller und ihre Mitstreiter, die nicht einsehen, derartige Projekte bezahlen zu müssen. Doch Benner beschwichtigt: „Wir legen nur das um, was wir umlegen dürfen.“ Die geplante Aufstockung gehöre „auf keinen Fall“ dazu. Der Fahrstuhl – sollte er kommen – sehr wohl. Denn er bringe eine Verbesserung. Ebenso wie einige weitere geplante Arbeiten. Die ersten sollen am 21. August starten. Und alle haben Benner zufolge ein Ziel: „Wir wollen, dass unsere Mieter sich hier auch in Zukunft wohlfühlen.“

Aktuell scheint das nur bedingt der Fall zu sein. Die Sehsendung „quer“ des Bayerischen Fernsehens griff das Thema auf, Müller steht im Zentrum des Beitrags. Auch andere Betroffene melden sich zu Wort, klagen über eine drohende Mieterhöhung von bis zu 80 Prozent.

Müller sagt: Der Bericht hat etwas genutzt. Nur deshalb habe es die Mieterversammlung vergangene Woche gegeben. Benner sagt, sie gehöre dazu. „Wir predigen nicht nur offene Kommunikation, wir tun sie auch.“ Man bemühe sich um Ansprechpartner vor Ort, jeder Mieter habe die Telefonnummer des Bauleiters, könne sich bei Unklarheiten melden. Doch konnten die Vonovia-Vertreter bei der Versammlung ohnehin „alle Fragen detailliert beantworten“, sagt Benner. Jennifer Müller bezeichnet das Treffen als „Farce“, auf Fragen sei man nicht eingegangen, die Unternehmensmitarbeiter hätten „nur herumgedruckst“. Außer in einem Punkt. Bei den Fenstern verbucht Müller einen weiteren Erfolg.

Ihr zufolge hätten überall neue Fenster und Balkontüren eingebaut werden sollen. „Völlig sinnlos“, sagt sie. „Meine sind tiptop.“ Die Balkontüre sei erst zwei Jahre alt. Ein Handwerker, der bereits zum Vermessen vorbeikam, soll gesagt haben: „Das ist doch Geldmacherei.“ Nun aber werden die Fenster, soweit Müller weiß, nicht pauschal ausgetauscht, sondern einzeln überprüft. Dadurch, hofft die 34-Jährige, werde sich die Mieterhöhung ein wenig reduzieren. Ganz abwenden aber wird sie diese nicht, da ist sie sich sicher.

Warum sie dennoch kämpft? Ihre Energie nicht lieber in die Wohnungssuche steckt? Weil sie bleiben will. Und die Hoffnung eben doch nicht ganz aufgegeben hat. „Vielleicht habe ich ja Glück.“ Außerdem, sagt sie, leben doch noch andere in den beiden Häusern. Zum Teil „so liebe alte Menschen, bei denen kein Geldesel im Keller steht“.

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