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Kulturlandschaft unter der Käseglocke? Mögliche Bewerbung als UNESCO-Weltkulturerbe heiß diskutiert

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Rappelvoll ist es beim Info-Abend im Partenkirchner Schützenhaus. © Kornatz

Es ist ein heißes Eisen, die Bewerbung als Weltkulturerbe. Dementsprechend gehen auch die Meinungen auseinander. Beim Infoabend kamen Befürworter wie Skeptiker zu Wort.

Garmisch-Partenkirchen – Seit dem Jahr 2011 wird im Landratsamt über eine Bewerbung zum UNESCO-Weltkulturerbe nachgedacht. Die Almweiden und Buckelwiesen wären dann in einer Liga mit philippinischen Reisterrassen, die Heustadel entlang der B 2 auf Augenhöhe mit dem Kölner Dom. Eine schöne und gar nicht unrealistische Vorstellung, denn „unser traditionell bewirtschaftetes Grünlandwirtschaftssystem“ ist ja wirklich außergewöhnlich und von hohem identitätsstiftenden Wert“ (Entwurf Bewerbungstext).

Doch was würde das für den einzelnen Landwirt und die Grundbesitzer bedeuten? Und um welche Flächen geht es? Landrat Anton Speer redet sich beinahe in Rage, möchte überzeugen. „Der Zeitpunkt rückt immer näher, aber nur, wenn wir alle im Boot haben“, drängt er. In den vergangenen acht Jahren plante das Landratsamt, sondierte, führte Gespräche und gründete zuletzt 2017 eine Steuerungsgruppe zum Vorantreiben des Bewerbungsverfahrens. Auch in der alpinen Nachbarschaft hörte man sich um. Betroffene aus Südtirol hätte von „keinem einzigen Nachteil“ in Verbindung mit dem Prädikat Weltkulturerbe berichtet.

Speer hat namhafte Mitstreiter auf seiner Seite, die am Montag im vollen Partenkirchener Schützenhaus den Bewerbungsentwurf vorstellen. Dr. Ricarda Schmidt hat bereits bei vielen Weltkulturerbe-Veranstaltungen mitgearbeitet und wurde mit der Erstellung des Antragsentwurfs beauftragt. Man wolle Werdenfels eben nicht in ein „Disneyland“ verwandeln, keine „Käseglocke“ darüber stülpen. Aber eine gewisse Handlungsnotwendigkeit durch den gesellschaftlichen Wandel sei nun mal gegeben, wenn man seine authentische, lebendige Folkloretradition in die Zukunft hinüberretten wolle. Das wäre einer der großen Vorteile des UNESCO-Titels: In der Moderne zunehmend umstrittene Elemente der Landwirtschaft (Anbindehaltung, Waldweide, Neubau von Stadeln) erhielten mit dem Weltkulturerbe eine Art Schutzschild.

Landwirte wollen nichts übergestülpt bekommen

„De Sach, de draht si um inser Hoamat“, sagt der frisch gewählte Erste Vorstand der Almbauern, Josef Glatz, und lobt die gute Mitarbeit der Staatsforsten. „Endlich wird positiv über unsere Landwirtschaft geredet, ned bloß über Emissionen“, hebt der stellvertretende Kreisobmann aus Krün, Alois Kramer, hervor.

Biologe und „Almbuch“-Autor Alfred Ringler, der laut Speer bereits den Naturpark Ammertal „zur Zufriedenheit aller“ umgesetzt hat, formuliert es mitreißend: „Was gewinnen wir? Die Leistung, die ihr und eure Vorfahren seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, hier erbringt, würde weltweit anerkannt. Das ist ein Reifezeugnis.“ Überkommene Traditionen wie das uralte Rechtlerwesen oder Viehtriebe mitten durchs Dorf wären „gleichwertiger Gegenstand des Antrags“.

Rechtsanwalt Matthias Hindl berichtet ehrlich über juristische Finessen im Zusammenhang mit dem Prädikat und zieht den Vergleich zur Dresdener Waldschlößchenbrücke: „Bauvorhaben, die nicht im Einklang mit dem ,Außergewöhnlichen Wert‘ stehen, können zum Aberkennen des Status führen.“ Ansonsten gäbe es keine „direkten Auswirkungen auf nationales Recht“. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich zum Beispiel Grainau einen riesigen Hotelkomplex in die Degernau stellen wollte, sei das Prädikat dann halt weg. Es gäbe aber keine Sanktionen.

Trotzdem bleiben viele der gut hundert Anwesenden skeptisch, und diese Vorbehalte sind durchaus verständlich. Nein, die Loisachtaler Bauern wollen nichts übergestülpt bekommen, sich nicht schon wieder wie bei Natura 2000 oder dem Volksbegehren zum Artenschutz gängeln und fremd bestimmen lassen, ob aus Brüssel oder anderswo. In das Boot, in das Speer gerne alle versammeln möchte, wollen einige der kernigen Streiter im Strickjanker erst gar nicht einsteigen. Die Emotionen brodeln. Auch die Aussicht auf mehr Gäste spaltet.

Zu viel Tourismus

Alois Kramer aus Krün steht zwar der Bewerbung einerseits positiv gegenüber, spricht aber andererseits vom „Zammtrampeln und Verscheißen“, das im Moment schon ein Problem darstelle. „Mir darenna uns langsam mit dem Tourismus“, verleiht Grainaus Bürgermeister Stephan Märkl seiner Sorge Ausdruck. 200 000 Ankünfte habe man heuer im Zugspitzdorf zu verzeichnen, eine Zahl, die man zuletzt nach der Wiedervereinigung 1993 erreicht hätte. „Des is zvui.“

Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer ist anderer Meinung. Sie glaubt, dass das Welterbe-Prädikat genau „den Gast, den wir haben wollen“ anzieht: „Klasse statt Masse, bewusst und an Nachhaltigkeit interessiert.“ Allerdings gehen trendige Gutmenschlichkeit und bäuerliche Realität nicht automatisch Hand in Hand, wie der Garmischer Toni Hornsteiner weiß. Er berichtet von unerfreulichen Zusammentreffen mit engagierten Touristen. „Da hupfen dir welche winkend vors Mähwerk und schreien: ,Ihr tötet die Bienen‘.“ Ob es diese Klientel beruhigt, wenn man sie auf die Einzigartigkeit der traditionellen Bewirtschaftungsformen hinweist? Zumindest hätte man mit dem UNESCO-Weltkulturerbe ein respektables Argument gegenüber so mancher Verwirrung des Zeitgeistes.

Landrat Speer wünscht sich ein kritisches Hinterfragen, aber keine Vorurteile. Man wolle die Entwicklungen nicht verschlafen, aber eins sei klar: „In unser kulturelles Erbe darf uns keiner dreinreden.“ Es soll niemand übergangen werden, jederzeit von jedermann die Bremse eingelegt werden können. Immer wieder fällt der Satz, dass noch nichts in Stein gemeißelt sei. Jeder Besucher erhält ein Exemplar des Bewerbungsentwurfs. „Nehmt’s des mit hoam, lest’s es, redt’s drüber“, fordert Speer. „Wir brauchen ein positives Signal von jedem einzelnen Gemeinderat“, betont Peter Strohwasser vom Landratsamt. „Ansonsten geht da sowieso nix.“ Ohnehin seien die vorgeschlagenen Gebiete nur Vorschläge, „es muss nicht alles dabei sein“. Salomonische Worte am Ende eines um Sachlichkeit bemühten Informationsabends, der nicht der letzte gewesen sein wird. Weitere folgen in den Talschaften des Landkreises.

Eva Klaehn

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