Sequenzierung abgeschlossen

Corona-Mutation aus Garmisch tatsächlich neu? Auch Drosten äußert sich - Zwischenbericht bringt erste Klarheit

  • Claudia Schuri
    vonClaudia Schuri
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  • Christian Fellner
    Christian Fellner
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In Bayern wurde eine Mutation des Coronavirus entdeckt. Eine, die womöglich nicht einmal Experten im Labor des bekannten Virologen Professor Dr. Christian Drosten in der Berliner Charité bekannt war.

  • Im Klinikum Garmisch-Partenkirchen wurde eine Mutation des Coronavirus entdeckt.
  • Aktuell werden Proben an der Berliner Charité untersucht.
  • Die gab jetzt eine erste Zwischeneinschätzung ab. (siehe Update vom 21. Januar, 18.18 Uhr)

Update vom 21. Januar, 18.18 Uhr: Entwarnung aus Berlin. Die Corona-Mutation, die im Garmisch-Partenkirchener Klinikum entdeckt wurde, ist keine neue Variante des Virus. Das geht jetzt aus dem Zwischenbericht zur Untersuchung der Proben durch die Berliner Charité hervor. Die teilte am Donnerstag mit, dass es sich um eine Mutation handle, die bereits im März 2020 das erste Mal identifiziert wurde.

Was das jetzt genau für die betroffenen Patienten bedeute und auch für das weitere Vorgehen im Klinikum, stehe bisher noch nicht fest. Es gebe laut Sequenzierungsbericht bislang jedoch noch keinen Hinweis darauf, dass sich die in Garmisch aufgetretene Mutation auf die Eigenschaften des Virus auswirkt. Bislang waren 102 Proben der Variante weltweit entdeckt worden.

Corona: Virus-Variante wird derzeit an der Berliner Charité untersucht

Update vom 18. Januar, 19.30 Uhr: 35 Patienten und Mitarbeiter im Klinikum Garmisch-Partenkirchen haben sich mit einer möglicherweise neuen Variante des Coronavirus infiziert. Derzeit werden drei Proben an der Berliner Charité untersucht. Das Klinikum rechnet bis Ende Januar mit Ergebnissen (siehe Ursprungsmeldung).

Eine gute Nachricht konnte Clemens Stockklausner, stellvertretender Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Garmisch-Partenkirchen, bereits am Montag verkünden. „Es handelt sich sicher nicht um eine der bekannten englischen oder südafrikanischen Varianten“, erklärte er. Diese ist ansteckender als das Ursprungsvirus.
Laut Stockklausner gebe es bei der Variante in Garmisch-Partenkirchen an der Position 501 keine Mutation – diese wäre typisch für die britische und die südafrikanische Mutation. „An einer Stelle, zwischen 69 und 70, fehlt ein kleiner Teilbereich eines Proteins“, sagte er. Das sei bei der britischen Variante der Fall, komme aber auch bei mehreren internationalen Varianten vor und wurde in Deutschland mehrfach nachgewiesen. Noch ist unklar, ob die Virus-Variante aus Garmisch-Partenkirchen wirklich neu ist und ob sie Auswirkungen auf die Infektiosität oder die Schwere der Erkrankung hat.

Corona: Virus-Variante aus Garmisch-Partenkirchen tatsächlich neu? Drosten meldet sich auf Twitter

Christian Drosten, Virologe bei der Berliner Charité äußerte sich auf Twitter ebenfalls zu der Mutation. „Wir haben keinerlei Hinweis auf eine besondere Mutation“, erklärte er. Er erwarte bei der Sequenzierung im Moment keine Überraschungen. „Kein Grund zur Sorge“, schrieb er.

Generell ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Viren verändern, erklärt Professor Franz-Xaver Reichl, Beauftragter für die Biologische Sicherheit von Bakterien und Viren an der LMU. „Viren mutieren ständig“, sagt er. „Das muss nichts Bedrohliches sein. Die allermeisten Mutationen sind völlig unproblematisch.“ Ein Virus könne auch ungefährlicher werden.

Wichtig sei, Mutationen schnell zu entdecken. „Dann kann man schnell darauf reagieren“, erklärt Reichl. Die so genannten Genom-Sequenzierungen bei positiven Corona-Proben finden in der Regel in Sequenzierungslaboren statt. Doch: „Die Kapazitäten sind begrenzt“, sagt Reichl. „Großbritannien ist uns voraus.“ Dort werde bei jedem 20. positiven PCR-Test eine Genom-Analyse gemacht. „In Deutschland ist es nur bei jedem 900. der Fall“, sagt er. Deshalb sollen auch hier die Sequenzierungen ausgewertet werden: „Ziel ist, die englischen Zahlen zu erreichen.“

Je schneller Mutationen festgestellt werden, desto schneller könnte zum Beispiel der Impfstoff angepasst werden. Das ist jedoch gar nicht immer nötig: „Der Biontech-Impfstoff wurde gegen 20 Virusmutationen getestet“, erklärt Reichl. „Er hat immer gewirkt.“ Bei größeren Mutationen könne man reagieren: „Der neue Impfstoff kann umgearbeitet werden“, sagt er

Update vom 18. Januar, 15.15 Uhr: In einer Pressekonferenz informieren das Klinikum Garmisch-Partenkirchen und der Landrat über die ersten Erkenntnisse der Virus-Mutation - nachzulesen hier.

Drosten-Experten bestätigen: Bisher unbekannte Virus-Mutation entdeckt - im Klinikum Garmisch-Partenkirchen

Erstmeldung vom 17. Januar 2021: Garmisch-Partenkirchen – Der Winter. Er ist nicht gerade die ruhigste Phase in einem Krankenhaus. Sind es normalerweise die Skifahrer, die mit ihren Verletzungen die Ärzte auf Trab halten, so ist es heuer das Corona-Virus, das das Klinikum Garmisch-Partenkirchen beansprucht. Mediziner und Verwaltungsapparat gleichermaßen sind eingespannt, um der Situation Herr zu werden. 52 Infizierte gibt es aktuell unter den Patienten, dazu kommen 21 Mitarbeiter. Insgesamt 18 Positivfälle mehr als noch am vergangenen Freitag. Als würde das nicht als Herausforderung reichen, sorgt nun eine weitere Nachricht aus dem Haus an der Auenstraße für Schlagzeilen: Im Klinikum wurde eine neue Variante des Corona-Virus entdeckt. Eine, die bisher nicht einmal die Experten im Labor des bekannten Virologen Professor Dr. Christian Drosten in der Berliner Charité bekannt war.

Corona-Mutation in Bayern entdeckt: Drosten-Kollegen bestätigen den Verdacht

Dass das Virus mutiert, sich also verändert, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. „Seit Beginn der Pandemie wurden weltweit über 12 000 Veränderungen in den Sequenzen festgestellt“, betont Frank Niederbühl, Geschäftsführer des Klinikums. Die Fachkräfte im Labor des Garmisch-Partenkirchner Hauses stellten zu Beginn der vergangenen Woche erstmals abweichende Resultate bei den Untersuchungen von Abstrichen fest. Ein spezielles Laborgerät, das das Haus in der Pandemie angeschafft hat, machte es möglich. „Die Maschine zeigte andere Ergebnisse, also sind wir diesen nachgegangen“, betont Niederbühl.

Eine Panikmache wäre absolut unseriös und unangebracht.

Frank Niederbühl

Drosten-Kollegen bestätigen: Bisher nicht gekannte Corona-Mutation in Bayern entdeckt

Dabei kam dem Klinikum der gute Kontakt zu den Kollegen der Berliner Charité zugute. Dr. Clemens Stockklausner, stellvertretender Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Kinder- & Jugendmedizin, stellte diesen her. Per Kurier wurden am vergangenen Mittwoch eingefrorene Proben von drei Patienten in die Bundeshauptstadt gebracht. Freitagnacht traf die erste Rückmeldung ein. Den Verdacht, es könnte sich um eine Veränderung des Virus handeln, bestätigten die Kollegen in ihrem Bericht. „Es ist eine Variante, die die Experten dort selbst noch nicht kannten“, betont Niederbühl.

Nur, was folgt daraus? „Eine Panikmache wäre absolut unseriös und unangebracht“, stellt der Geschäftsführer klar. „Allein die Tatsache, dass es eine neue Variante ist, besagt ja nicht, dass sie infektiöser ist.“ So wie es sich beispielsweise bei der britischen oder südafrikanischen Abwandlung des Virus herausgestellt hat. Beide gelten als aggressiver und ansteckender. Heißt im Klartext: Eine geringere Viruslast reicht aus, um eine Erkrankung hervorzurufen. Doch selbst diese Mutationen führen laut Experten bisher nicht zu einer höheren Sterblichkeit. Zudem besteht kein verminderter Schutz durch die bekannten Impfstoffe.

Corona-Mutation in Bayern entdeckt: Weitere aussagekräftige Details bis Ende Januar

Eine Entwarnung können die Mediziner aber auch nicht geben. Ob das in Garmisch-Partenkirchen aufgetauchte Corona-Virus andere Charakteristiken aufweist, muss sich zeigen. „Das können wir nicht sagen, so ehrlich müssen wir sein“, stellt Niederbühl klar. Dies zu erforschen, sieht er aber nicht als „Garmisch-Partenkirchner Sache. Wir können das als kommunales Klinikum nicht leisten.“ Dieser Frage müssten die Experten in Berlin nachgehen. „Das liegt jetzt in den Händen der Kollegen“, bestätigt Stockklausner. „Wir erwarten bis Ende Januar eine Rückmeldung mit weiteren und aussagekräftigen Details.“

Woher die neue Virus-Variante stammt, vermag derzeit keiner zu sagen. Nur, dass sie nicht alle Patienten im Klinikum in sich tragen. Von einer Garmisch-Partenkirchner Mutation zu sprechen, hält Niederbühl für Unfug. „Sie kann überall sein, das merkt keiner. Die vielen Varianten werden von den Menschen wohl gar nicht bemerkt.“ In sofern erachtet er die genauere Betrachtung, die die Bundesregierung nun mit dem Referenzlabor der Berliner Charité angestoßen hat, als absolut richtig. „Ich denke, es reicht künftig nicht mehr zu sagen, ein Mensch ist coronapositiv oder nicht.“

Corona-Mutation in Deutschland entdeckt: Maßnahmen im Klinikum nochmal verschärft

Derweil geht auch der Kampf gegen die Verbreitung des Virus im Klinikum weiter. Die Maßnahmen wurden nochmals verschärft. Die Corona-Stationen sowie die betroffenen Stationen im fünften und sechsten Stock sind ab sofort zu Isolierbereichen deklariert. Heißt im Klartext: Die Mitarbeiter betreten sie nur noch in voller Schutzausrüstung und werden penibel registriert. Das gesamte Personal wird vor Dienstbeginn per Schnelltests untersucht. Die Frequenz der Reihen-Abstriche unter den Angestellten ist auf zweimal pro Woche erhöht worden. Am heutigen Montag sollen weitere 100 Impfungen erfolgen. In der Kontaktverfolgung arbeiten Klinikum und Gesundheitsamt Hand in Hand. Vier Kontaktermittler sitzen aktuell im Krankenhaus.

Rubriklistenbild: © Stefan Boness/Ipon via www.imago

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