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Mountainbiken, wenn er Lust hat und das Wetter passt: Darauf freut sich Christian Pritz.

Der erste Tag in Pension – nicht schön

Nach 15 Jahren:  Amtsgerichts-Direktor Pritzl geht in den Ruhestand 

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15 Jahre lang leitete Christian Pritzl (65) das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen. Der Abschied fiel ihm schwer, den ersten Tag im Ruhestand hat er nicht genossen. Jetzt ist das anders.

Garmisch-Partenkirchen Ausgesperrt. Von einem Tag auf den anderen. 15 Jahre lang war Christian Pritzl Teil des Geschäfts und des Teams – plötzlich gehörte er nicht mehr dazu.

Der erste Tag im Ruhestand am 1. Oktober. Nein, der hat sich nicht gut angefühlt, sagt Pritzl. Einen „weiten Bogen“ machte der 65-Jährige um das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen, das er seit 2004 geleitet hat. Mit diesem unschönen Tag aber hatte er gerechnet. Ein Ruhestand ist ein Einschnitt. Der Abschied von vertrauten Mitarbeitern fällt schwer. Trotzdem: Niemals hätte er die Möglichkeit angenommen, zwei Jahre dranzuhängen. „Dafür weiß ich zu viel mit meiner freien Zeit anzufangen.“

Mountainbike- und Skitouren warten

Lesen zum Beispiel. Die ersten Kriminalfälle hat er schon gelöst, die Geschichte der Philosophie studiert. Griechische Tragödien folgen. Ausgemistet hat Pritzl auch. Nun warten Mountainbike- und Skitouren. Immer dann, wenn das Wetter schön ist und er Lust hat. Nicht, wenn es die Arbeit erlaubt. Aber so viel Zeit habe er ja gar nicht. Im Grunde, sagt er, hat er ja nur den Arbeitgeber gewechselt. „Jetzt sagt mir halt meine Frau, was ich zu tun habe.“ Er setzt die richterliche Pritzl-Miene auf. Bei der sich die Stirn in Falten legt, sich die Augenbrauen zusammenziehen, man unweigerlich überlegt, ob man etwas falsch gemacht hat. Nur die Mundwinkel und die blau-grauen Augen verraten es: Pritzl amüsiert sich. Versteckte Hinweise aber reichen ihm nicht. „War ein Scherz“, stellt er klar. Bloß keinen Raum für Spekulationen lassen.

Christian Pritzl ist ein Mann der ernsten Miene, der klaren Worte und der leisen Töne, die laut werden können. Auch im Richterstuhl, wenn er das Gefühl hatte, für dumm verkauft zu werden. Oder privat, wenn er sich halt ärgert. „Man muss auch mal Dampf ablassen“, findet er. Alles in sich hineinzufressen, schade nur der Gesundheit. Die Arbeit im Kopf mit nach Hause zu nehmen, auch. Die Verfahren ließ er meist im Büro. Personalfragen aber beschäftigten ihn weit nach Dienstschluss.

Größtes Ziel: Das Wohl der Mitarbeiter und ein gutes Miteinander

Das Wohl der Mitarbeiter und ein gutes Miteinander – ob mit Rechtspflegern, der Geschäftsstelle, Richtern, Anwälten und der Polizei – lagen ihm am Herzen. „Ich habe mich immer um ein gutes Arbeitsklima bemüht.“ Vielleicht, sagt er, hinterlasse er keine Meilensteine in der Geschichte des Amtsgerichts. „Aber ich glaube, das ist mir gelungen.“ Wohl einer der größten Erfolge eines Chefs. Hinzu kamen weit mehr. Ein umfangreicher Umbau etwa. Oder „zigtausende Verfahren“ aus allen Bereichen, die in seiner Zeit erledigt wurden – „und zum allergrößten Teil haben wir richtig entschieden“, sagt er mit Blick auf die Berufungsurteile.

Den einen besonderen Fall seiner Karriere mit neun verschiedenen Stellen herauszugreifen, gelingt ihm nicht. Viele interessante Fälle hatte er. Sie haben ihn geprägt. „Ich glaub‘ einfach nicht mehr alles, was man mir erzählt.“ Das haben ihm auch Ehefrau Monika und die beiden Söhne Tassilo und Maxi immer mal wieder vorgehalten. Doch hat Pritzl einfach zu viele Menschen beim Lügen erlebt, nicht nur einmal. Gerade, als er noch am Amtsgericht München mit Strafsachen betraut war, traf er manche immer wieder. Kriminelle wie Mietnomaden oder Einbrecherbanden, die mit Betrug ihr Leben bestreiten. Dass sie keine der vielen Chancen nutzen, dafür fehlt Pritzl das Verständnis. Das hat ihn – er sucht nach dem passenden Ausdruck – „grundskeptisch“ gemacht. „Ja, das trifft’s genau.“ Bloß keine Missverständnisse aufkommen lassen.

„Das A und O, dass man beide Seiten hört“

Dass Gerichtsverhandlungen und Urteile in der Presse veröffentlicht werden, hält er für entscheidend. Warum? Er könnte von abschreckender und erzieherischer Wirkung sprechen. Von Aufklärung und Abschreckung. Pritzl aber nennt den Effekt „generalpräventiv“. Nur dieses Wort umfasst eben alles. Die Arbeit hat auch Pritzls Sprache geprägt, ebenso wie seinen Umgang mit Konflikten. Auch im Privaten erinnere er sich immer wieder daran, nicht vorschnell zu urteilen. „Es ist das A und O, dass man beide Seiten hört.“

Seine Arbeit hat Pritzl geliebt. Sein Ruhestands-Tief aber hat er schnell überwunden. An Tag zwei fuhr er mit seiner Familie in den Mountainbike-Urlaub. Ein Auftritt steht ihm am Amtsgericht noch bevor: Am 27. November wird er offiziell verabschiedet, seine Nachfolgerin vorgestellt. Gut, dass er sich dem Gebäude wieder ohne flauen Magen nähern kann.

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