Mitten im Gewerbegebiet: die Obdachlosen-Unterkunft der Marktgemeinde in den Loisachauen.
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Mitten im Gewerbegebiet: die Obdachlosen-Unterkunft der Marktgemeinde in den Loisachauen.

„Das war kein faires Verfahren“

Neues Konzept für Obdachlosenasyl in Garmisch-Partenkirchen: Ortsverein wittert abgekartetes Spiel

  • Andreas Seiler
    vonAndreas Seiler
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Garmisch-Partenkirchens Obdachlosenheim ist ein sozialer Brennpunkt, der immer wieder für Negativ-Schlagzeilen sorgt. Der Katholische Männerfürsorgeverein soll die Einrichtung auf die richtige Spur bringen. Doch die Entscheidung sorgt auch für Missmut.

Garmisch-Partenkirchen – Der Obdachlosen-Unterkunft der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen – der nicht sehr einladende Altbau steht mitten im Gewerbegebiet in den Loisachauen – eilt kein guter Ruf voraus. Immer wieder wurden in der Vergangenheit die mitunter eklatanten Missstände in dem Notquartier – die Rede war von Drogen, Alkohol und Gewalt – angeprangert. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), der sich seit vielen Jahren um das Haus und die Bewohner kümmert, zog sich zwischenzeitlich sogar zurück – aus Sorge um seine Mitarbeiter. Seitdem schaut ein Sicherheitsdienst regelmäßig nach dem Rechten.

Garmisch-Partenkirchen: Männerfürsorgeverein soll Obdachlosenheim künftig managen

Die Kommune möchte jetzt das Dauerproblem mit professioneller Hilfe lösen. Künftig soll ein Sozialträger, mit dem ein Vertrag geschlossen wird, das Heim managen und die Wohnungslosen betreuen. Die Wahl fiel auf den Katholischen Männerfürsorgeverein München (KMFV), dessen Konzept die Mitglieder des Sozial- und Ordnungsausschusses am meisten überzeugte. Kostenpunkt dieser Dienstleistung: rund 150 000 Euro pro Jahr.

Zweite Bürgermeisterin Claudia Zolk (CSB), die sich des heiklen Themas angenommen hat, ist mit der Weichenstellung zufrieden – und setzt große Hoffnung in den 1950 gegründeten, caritativen Fachverband, der in der Erzdiözese München und Freising tätig ist. Dieser bringe reichlich Erfahrung auf dem Gebiet der Obdachlosenhilfe mit, erklärt die Vize-Chefin im Rathaus. Und er lege großen Wert auf eine fundierte Beratung, um den Betroffenen den Weg zurück in ein normales Leben zu ermöglichen.

Obdachlosenheim in Garmisch-Partenkirchen: Professionelle Hilfe soll Dauerproblem lösen

Ein Knochenjob, der viel sozialpädagogisches Know-how erfordert, da hinter den Schicksalen häufig tiefgreifende Lebenskrisen stecken. Für Zolk steht ebenso fest: Über kurz oder lang brauche man einen neuen Standort zur Unterbringung der Menschen ohne eigene Bleibe (im Schnitt sind es um die zwölf Bewohner). Der jetzige überzeugt die Ortspolitikerin nicht: „Das ist nicht das ideale Umfeld.“

Wann der Männerfürsorgeverein loslegt, steht noch nicht fest – vermutlich Anfang dieses Jahres. „Wir sind dabei, uns vorzubereiten“, heißt es aus der Zentrale der Organisation. Man müsse sich zuerst die örtlichen Gegebenheiten in Garmisch-Partenkirchen genau anschauen – und Kontakte zu den anderen Hilfsorganisationen vor Ort knüpfen.

Garmisch-Partenkirchen: Obdachlosenheim-Entscheidung sorgt für Missmut - Ortsverein wittert abgekartetes Spiel

Doch es gibt auch Missmut. Denn der SkF-Ortsverein, der sich in der Einrichtung ohne Vertrag engagiert, hatte sich ebenfalls mit einem Eckpunktepapier um die Betreuung bemüht, aber den Kürzeren gezogen. Geschäftsführer German Kögl wittert ein abgekartetes Spiel: „Das war kein faires Verfahren“, kritisiert er. Der Funktionär hegt den Verdacht, dass der Mitbewerber aus der Landeshauptstadt von Anfang an als neuer Partner des Marktes feststand.

„Wir sind ziemlich sauer über die Vorgehensweise“, beschreibt Kögl den Unmut in den eigenen Reihen. Möglicherweise, mutmaßt er, hat dies damit zu tun, dass sein Sozialverband unermüdlich auf die Schwierigkeiten in dem Obdachlosenasyl aufmerksam machte. Kögl: „Wir haben immer wieder den Finger in die Wunde gelegt, was dort schiefläuft.“

Garmisch-Partenkirchen: SPD-Gemeinderätin bezieht Stellung zu den Vorwürfen

Den Zorn der SkF-Spitze erregte vor allem SPD-Gemeinderätin Kathrin Rotter-Heinle, die sich in der besagten Ausschusssitzung, in der die Entscheidung fiel, für den KMFV aussprach und über den SkF kritisch äußerte. Die Replik folgte prompt: Kögl und seine Mitstreiter wandten sich mit einer geharnischten „Richtigstellung“ an den Gemeinderat. Rotter-Heinle, so der zentrale Vorwurf, habe nur das Ziel verfolgt, den SkF in ein schlechtes Licht zu rücken und den KMFV „in Stellung zu bringen“. In dem vierseitigen Schreiben fällt sogar der Ausdruck einer „gezielten Rufschädigung“.

Rotter-Heinle bleibt indessen betont gelassen: „Ich möchte mich auf diese Ebene nicht einlassen“, sagt sie. Niemand habe die Absicht, den Sozialdienst katholischer Frauen zu verdrängen. Dieser leiste hervorragende Arbeit. Nur habe man die Probleme in der Anlaufstelle für Obdachlose nicht in den Griff bekommen. Rotter-Heinle: „Mir geht’s darum, dass was vorwärtsgeht.“

Obdachlosenheim in Garmisch-Partenkirchen: Vize-Bürgermeisterin versucht Wogen zu glätten

Entscheidend sei, mehr Zeit in die Sozialarbeit zu stecken – was der 540 Mitarbeiter starke Männerfürsorgeverein, der 20 stationäre und ambulante Hilfseinrichtungen für wohnungslose, arbeitslose, suchtkranke und straffällig gewordene Menschen betreibt, auch vorhat. Dass ihr Vater, Garmisch-Partenkirchens Ehrenbürger Alfred Heinle, lange Zeit Geschäftsführer der Münchner Organisation war, habe bei der Meinungsbildung keine Rolle gespielt.

Vize-Bürgermeisterin Zolk versucht ebenfalls, die Wogen zu glätten – und Brücken zu bauen. „Wir haben nichts gegen den SkF“, betont sie. Diesem werde auch nichts weggenommen. Ein erstes Signal, dass sich die Differenzen legen könnten, gibt es bereits: Der SkF kündigte nämlich in dem Brandbrief an, auch weiterhin den Loisachauen-Bewohnern zur Seite zu stehen – und eine „nahtlose Übergabe an den zukünftigen Träger der Unterkunft“ zu gewährleisten.

Es ist der letzte Ausweg: Der Markt Garmisch-Partenkirchen hat eine Pistensperre* für die obere Kandahar verhängt. Die Verordnung gilt bis 10. Januar. Und eine unschöne Begegnung hat kürzlich ein Garmisch-Partenkirchner Neubürger* gemacht: Wohl aufgrund seines Münchner Kennzeichens spuckte ihm ein Mann vors Auto. Alles aus der Region gibt‘s im GAP-Newsletter.  *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

(Von Andreas Seiler)

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