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Achtung, Stichflamme! In Schutzkleidung und unter enormer Hitze gießen die Mitarbeiter des Betriebs Perner die neuen Glocken.

Im Glutofen der Glockengießer

Sieben Glocken in Passau gegossen: Am Ende gibt‘s ein himmlisches Zeichen

  • Manuela Schauer
    vonManuela Schauer
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Schwerstarbeit bei höllischer Hitze: Die Glockengießerei Perner in Passau hat die letzten sieben Glocken für Maria Himmelfahrt, St. Anton und St. Anna gegossen. Für die Augenzeugen der Pfarrei Partenkirchen ein historischer Moment.

Garmisch-Partenkirchen/Passau – Der Magen knurrt. Für die Fahrt nach Passau hat Hansjörg Bauer auf sein Mittagessen verzichtet. Jetzt plagt ihn der Hunger. So eine saftige Leberkässemmel, die wäre recht. Soll er sich eine beim nahegelegenen Metzger holen? Der Garmisch-Partenkirchner lässt’s bleiben. Wie alle von der Pfarrei Partenkirchen, die an dem Ausflug teilnehmen. Niemand traut sich an diesem besonderem Dienstag, sich aus der Werkstatt der Glockengießerei Perner zu entfernen. Niemand will das historische Ereignis verpassen.

Pünktlich um 15 Uhr waren die 15 Werdenfelser vor gut zwei Wochen in das Gebäude, eine frühere Ziegelei, marschiert. Dekan Pfarrer Andreas Lackermeier, Kirchenpfleger Josef Angelbauer, Mitglieder der Kirchenverwaltung und des Pfarrgemeinderats sowie drei Ministranten. Mehr durften wegen Corona nicht mitfahren. Sie sollten mit eigenen Augen sehen, wie sieben der zehn neuen Glocken für Maria Himmelfahrt, St. Anton und St. Anna gegossen werden. Doch es kam zu Verzögerungen. Stunde um Stunde verstrich, bis der Holzofen die nötige Temperatur erreichte. Die mindestens 1100 Grad, damit später die „Glockenspeise“ aus Kupfer und Zinn schmilzt. „Wir standen nur herum“, erzählt Angelbauer. Bis es um 17.30 Uhr endlich losging – mit einem Gebet der Arbeiter und des Chefs Rudolf Perner. Das ist Tradition im Betrieb.

Große Hitze beim Guss

Schon seit Monaten liefen in Passau die Vorbereitungen für den großen Tag. Die ersten, kleineren Glocken waren bereits fertigstellt worden. Handwerk vom Feinsten. Der Prozess ist aufwendig: angefangen vom Kern, dem Inneren der Glocke, der aus Ziegeln und Lehmschichten gemauert wird, über die „falsche Glocke“, die dem späteren Bronzemodell entspricht, bis hin zum Mantel, der über den Kern kommt und beim Guss hohem Druck standhalten muss. Das Geläut verharrt anschließend in einer Grube. Zugedeckt mit Erde, damit die Form nicht platzt. All diese Schritte für die neuen Modelle passierten längst vor der Ankunft von Angelbauer und Co. „Wir haben sie nicht gesehen“, sagt er.

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Fast bereit für den Guss: eine von drei „falschen Glocken“ für St. Anna in Wamberg.

Die Anspannung bei den Gästen aus Garmisch-Partenkirchen und beim Perner-Team steigt. Die Hitze in der Gießerei auch. Eine Hölle für ein himmlisches Vorhaben. „Brutal“, sagt der Kirchenpfleger. „Wie in der Sauna.“ Mit Schutzkleidung beginnen die Arbeiter mit ihren langen Stangen mit der schwersten Glocke, einer für die Pfarrkirche. Rauch wabert durch den Raum, die Bronze fließt über einen Kanal aus dem Ofen in die Öffnungen an der Krone. Es zischt, kurz darauf schießt eine Stichflamme aus den Löchern. 1,5 Meter hoch. Nummer eins – vorerst fertig. Das nächste Exemplar kommt an die Reihe. Nach gut 40 Minuten Adrenalin pur findet die komplette Aktion ihr Ende.

Magisches Erlebnis

Die Schlussphase verpasste Angelbauer. „Ich bin rausgegangen“, räumt er ein. „Die Luft war zu dick.“ Er bewundert die Leistung des Teams, das schwere körperliche Arbeit verrichtete. „Alle waren fix und fertig.“ Psychisch wie physisch. Selbst der Chef.

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Angelbauer gibt sich immer noch ganz beseelt. Er hat Historisches miterlebt. „Etwas Magisches.“ Schließlich beträgt die Lebensdauer einer Glocke etwa 300 bis 500 Jahre. „Sie kann viele Geschichten erzählen.“ Die ausgedienten Modelle aus der Marktgemeinde hielten weniger lang durch. 1922 waren die zweiten Glocken aufgezogen worden, 1945 die dritten, ab Ende Juli installieren Fachkräfte die vierten. „Die Partenkirchner“, scherzt der Kirchenpfleger, „läuten die Glocken recht her.“ In Wahrheit war das 2,6-Tonnen-Geläut in der Pfarrkirche 2017 aus der Verankerung gebrochen, woraufhin Experten des Erzbischöflichen Ordinariats München alle drei Gotteshäuser inspizierten und das Ende der maroden Eisen-Exemplare besiegelten.

Klangtest steht an

In dieser Woche wurden die Nachfolger aus der Grube ausgegraben. Pfarrer Lackermeier bricht dieser Tage wieder nach Passau auf, um beim Klangtest mit der Stimmgabel dabei zu sein. „Erst dann zeigt sich, ob die Glocken gelungen sind“, erklärt Angelbauer. Sorgen macht er sich keine – wegen einer Szene nach dem Guss. Die Gruppe aus Garmisch-Partenkirchen verließ Perners Betrieb, das Gewitter verzog sich und ein Regenbogen erschien. „Das war der krönende Abschluss“, betont Angelbauer ergriffen – und ein gutes Zeichen von oben.

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