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Bei TV-Arbeiten zusammengebrochen: SPD-Politiker Thomas Oppermann ist tot

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Nachruf: Abschied vom Menschen-Sammler

Volksmusikant, Lehrer, Politiker: Biwi Rehm stirbt mit 85 Jahren 

Sein Name steht für Kameradschaft, authentische Volksmusik, Hingabe und Hilfsbereitschaft. Zu Lebzeiten und jetzt. Biwi Rehm ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Seine Wegbegleiter trauern.

Garmisch-Partenkirchen – Die Nachricht hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Biwi Rehm ist tot. Mitten aus dem Leben gerissen. Er, der so unverwüstlich schien. „Die Coronazeit hat ihm sehr zugesetzt“, sagt seine Frau Marille, „er hat seine Freunde so vermisst“. Das Virus verwehrt ihm auch seinen letzten Wunsch: Eine große Leich, auf der all seine Lieben versammelt sind. Die Kameraden von 15 Stammtischen und zwei Dutzend Vereinen, Musiker und Lehrerkollegen. „Da kommt schon was zamm“, hat er immer zu seiner Frau gesagt und dafür ein eigenes Sparkonto angelegt. Wenn er jetzt am nächsten Dienstag im Partenkirchner Friedhof zur letzten Ruhe getragen wird, kann nur ein enger Familienkreis Abschied nehmen.

Am 11. Mai hätte er seinen 86. Geburtstag gefeiert. Und jetzt senden seine Freunde nicht Glückwunsch-, sondern Kondolenz-Schreiben. Marille Rehm kommt in diesen Tagen kaum zur Besinnung. Da rufen Volksmusikanten aus dem ganzen Alpenraum an, Mitglieder der Studentenbewegung Arminia, auf die er so stolz war. Der Lions-Club bekundet seine Erschütterung über den Verlust, „er hat durch seine fröhliche Art das Clubleben geprägt“.

Von allen Seiten erreichen sie Hilfsangebote. Die Menschen geben etwas von dem zurück, was Biwi Rehm ihnen gegeben hat. Seine Zuneigung, seine Hilfsbereitschaft, seinen Humor, seine kaum zu erschütternde Ruhe. „Er war ein guter Zuhörer, integer, rundherum eine liebenswürdige Person“, beschreibt ihn Gerty Roscher, die gleichzeitig mit ihm ihr Lehrerdasein am Werdenfels-Gymnasium in Garmisch-Partenkirchen begann. „Auch wenn man politisch anderer Meinung war. Man konnte ihm nicht gram sein“, versichert Alois Schwarzmüller, als Lehrer, Kommunalpolitiker und am Stammtisch seit Jahrzehnten ein Wegbegleiter.

Beim Vogelbeobachten verhaftet worden

War bekannt und wurde geschätzt: Biwi Rehm. 

Marille Rehm war ihrem Biwi seit 46 Jahren eine gute Lebensgefährtin. Seit sie zusammen sind, haben die Eheleute miteinander gesungen. „Unsere Stimmen haben gut zusammengepasst“, sagt sie. Auch im Alltag haben die beiden harmoniert. Weil sie als Partnerin tolerant war, akzeptieren konnte, dass für ihren Mann die Musik „immer an erster Stelle stand, sogar vor der Familie“. Trotzdem empfand sie das Leben an seiner Seite als reich. Nicht nur durch die vielen Reisen in alle Welt, die Persönlichkeiten, die sie durch den gefragten Volkssänger kennenlernte. „Auch seine Zeit als Zweiter Bürgermeister war für mich wunderschön.“ Sie hat ihm die Geselligkeit gegönnt, weil er eben im besten Sinn des Wortes „leutselig“ war. „Zu seinem Stammtisch am Tegernsee ist er jeden vierten Freitag im Monat gefahren. Seit 30 Jahren, noch bis zum März. Bei jedem Wind und Wetter, selbst wenn zwei Meter Schnee lagen.“

Jeder, der Rehm kannte, pflegt seine eigenen Erinnerungen. Roscher erzählt von dem kameradschaftlichen Umgang, den er im Lehrerkollegium pflegte. Dass er ein hervorragender Skifahrer war. Von seiner Leidenschaft für die Singvögel. Was waren das für aufregende Klassenfahrten. Bis nach Russland sind sie mit ihren Schülern gekommen. Einmal hat der Biwi dort mit einem Vogellexikon in der Hand auf einem Markt eine Nachtigall erstanden und im Brusttascherl seiner Joppe ins Flugzeug geschmuggelt. Wie da die Schüler jubelten, als der Zoll passiert war. Beim zweiten Mal ist Rehm beim Vogelbeobachten in einem russischen Militärgelände verhaftet und ein paar Tage in eine Zelle gesteckt worden. Mit einem Mörder. Franz Josef Strauß hat den Volksmusiker sehr geschätzt, der deutsche Botschafter holte ihn bald raus. Roscher fällt noch der Ausflug mit Lehrerkollegen ein. Gleich dreimal wurden sie am Neusiedler See angesprochen, „Sie sind doch einer von den Brüdern Rehm. Dürfen wir Ihnen ein Flascherl Wein hinstell’n?“ Sie denkt an „die beste Fischsuppe der Welt“, für die der Feinschmecker und Koch die Zutaten extra vom Viktualienmarkt holte.

Ein Freund der Schüler

Die Gastfreundschaft im Hause Rehm hat auch Peter Egner oft und gern genossen. Schon als Schüler hat er seinen Lehrer in Sport, Biologie und Geografie geliebt: „Er war so, wie sich ein jeder einen Lehrer wünscht.“ Wie der motivieren konnte. Als die Buben beim Kugelstoßen nicht recht weit kamen, hat er jedem, der ihn mit der Eisenkugel übertrifft, einen Kasten Bier versprochen. „Den hab ich gewonnen.“ Als Lehrerkollege Schwarzmüller diese Geschichte hört, muss er lachen: „So war er, der Biwi. Er war ein Freund der Schüler.“ Und er war stolz auf sie. Beim Stammtisch hat er immer erzählt, wie weit sie es gebracht haben. „Er hatte keine Angst vor Polizeikontrollen“, erzählt Schwarzmüller, „weil er da gleich gesagt hat, dass der Polizeipräsident von München sein Schüler war.“

Peter Egner, wie einst Rehm Gausängerwart der Oberländer Trachtenvereinigung, hat immer auch die Haltung und die Konsequenz von Rehm imponiert. Als es beispielsweise 1993 um das ZDF-Sonntagskonzert in Garmisch-Partenkirchen ging. Wie er sich da ziemlich viel Feindschaft eingehandelt hat, als er sich weigerte, als Vertreter des authentischen alpenländischen Volksliedes zusammen mit volkstümelnden Unterhaltern aufzutreten. „Da zog er seine Position vehement ohne Rücksicht auf irgendwelche Nachteile durch.“ Die Pflege des Echten war Rehm, 43 Jahre lang Kreisheimatpfleger für Volksmusik und Brauchtum im Landkreis, eben ein Herzensanliegen. Der Bayerische Rundfunk würdigte sein Engagement mit der Goldmedaille. Viele Auszeichnungen hat er empfangen, allein schon in der Kommunalpolitik. Zusammen mit Bruder Waggi rief er die Veranstaltung „Bayern singt und spielt“ ins Leben. Ein Vierteljahrhundert unterstützten die Rehm-Brüder mit dem Erlös die Kinder-, Jugend- und Erwachsenenhilfe.

Er jodelte mit seinem Bruder für den Papst und Gorbatschow

Die Spitznamen Biwi und Waggi sind den Brüdern aus Kindertagen geblieben. Im Taufbuch heißen sie Wilhelm und Adolf. Über 50 Jahre traten sie – auch im Auftrag des Auswärtigen Amtes der Bundesregierung und als Repräsentanten Bayerns – mit den gesammelten Liedern und Juchzern auf. Sie jodelten für Papst Johannes Paul II., Michail Gorbatschow, Königin Juliane der Niederlande, Caroline von Monaco. Als Botschafter ihres Landes waren sie weltweit unterwegs – außer Australien und Südamerika eigentlich überall. Als Johannes Rau, damals noch Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, in Japan ein Schiff taufte, entzückte das Duo die Zuhörer mit einem feierlichen Jodler. Auch bei der Olympia-Bewerbung in Südafrika setzte sich der Biwi mit seinen stimmlichen Mitteln für seine Heimatregion ein.

In Erinnerung bleiben werden vielen Einheimischen die Musikantentreffen, die innigen Advent- und Passionssingen. Und vor allem die Ständchen, die ihnen die Rehm-Brüder zu einem runden Jubiläum brachten. Für Gottes Lohn. Wie sie damit jedes Fest zu etwas Besonderem machten. Und deswegen wird der Biwi, wenn sich am kommenden Dienstag seine Frau, die vier Kinder und drei Enkel von ihm verabschieden, auch all diese Leute um sich haben. Wie es sich für einen Menschen-Sammler gehört.

Eva Stöckerl

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